Nachschau - Veranstaltung am 22.05.2017

 
 
 

Vortrag und Diskussion

zum Thema

Friedensförderung und Gewaltbekämpfung.
Grundlagen evangelischer Friedensethik heute

 
Referent:

Landesbischof Dr. Karl-Hinrich Manzke

Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Schaumburg-Lippe
 

am Montag, 22. Mai 2017, 19.00 Uhr
im Internationalen Hubschrauberausbildungszentrum
in der Schäfer-Kaserne, Bückeburg-Achum

 
Foto: Ev.-Luth. Landeskirche Schaumburg-Lippe
 

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vom 24.05.2017

Kleiner Krieg wehrt größerem Unfrieden

Landesbischof Dr. Karl-Hinrich Manzke über Luthers „Kriegsleute in seligem Stande“

Von Herbert Busch
Die GSP-Vorsitzenden Klaus Suchland (r.) und Ulrich Wilke nehmen Landesbischof Karl-Hinrich Manzke in die Mitte. - Foto: BUS

BÜCKEBURG. Der von Martin Luther anno 1525 publizierten Schrift „Ob Kriegsleute auch in seligem Stande sein können“ ist ein Vortrag gewidmet gewesen, den Dr. Karl-Hinrich Manzke in der Schäfer-Kaserne vor der Gesellschaft für Sicherheitspolitik (GSP) gehalten hat. Der Bischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Schaumburg-Lippe betonte eingangs, keine Kanzelrede halten, sondern einen Beitrag zur Debatte liefern zu wollen.

„Ein kleiner Krieg wehrt einem größeren Unfrieden“, zitierte Manzke Luther. Die Plage, der man durch Krieg entwachsen soll, müsse indes kleiner sein als der längere Unfrieden. Und: „Man muss das Schwert mit männlichen Augen führen und nicht Angst haben, an der richtigen Stelle Gewalt anzuwenden, um größeren Schaden von dem Land zu wenden.“

Um der Ordnung willen, interpretierte der Referent den Reformator, sei es auch für einen Christenmenschen und Bürger recht, Krieg zu führen. Beim rechten Kriegführen gehe es zudem darum, dass Menschen eingesetzt werden, die Gewissensbisse haben. Es sei besser, dass Menschen, die im Gewissen angefochten sind, Krieg führen, weil diese sich immer selbst nach ihrem Handeln befragten.

„Es ist keinem Tyrannen erlaubt, mutwillig gegen sein Volk Krieg zu führen“, lautete ein weiteres Zitat. Allerdings mit der Einschränkung: „Ein böser Tyrann aber ist erträglicher als ein böser Krieg.“ Daher, erläuterte Manzke, habe Luther, der nach dem Ende der Bauernkriege verbal auf die Bauern eingedroschen hatte, das Recht des Volkes und der Bauern auf Widerstand gegen den Fürsten nicht wirklich anerkannt.

Der Referent konstatierte, dass Luthers Ausführungen zwar im mittelalterlichen Kontext verankert, aber insofern modern seien, dass sie die Anwendung von Gewalt an Kriterien bindet, um größeren Schaden von den Menschen zu wenden. Und dass der Reformator die legitimen Gründe der Kriegsführung auf die Notwehr begrenzt habe.

Auf die Unterzeile – „Friedensförderung und Bannung der Gewalt, Grundlagen evangelischer Friedensethik heute“ – eingehend, hob Manzke hervor, „dass die Idee von einem gerechten Frieden ein sehr viel anspruchsvolleres und ethisch höher stehendes Modell ist, als das von einem gerechten Krieg“.

Beim „gerechten Krieg“ sei die Zielsetzung, moralische und rechtliche Kriterien für die Begrenzung kriegerischer Gewaltanwendung zu entwickeln. Der Kriegseintritt werde durch fünf Kriterien legitimiert – Entscheidung einer ausgewiesenen Autorität, eine rechtfertigende Ursache, die Verwendung von militärischer Gewalt als äußerstes Mittel, die Ausrichtung auf das Ziel des Friedens und die Verhältnismäßigkeit der Mittel.

Beim „gerechten Frieden“ stünden die vier Dimensionen Schutz vor Gewalt, Förderung der Freiheit, Überwindung von Not und Anerkennung kultureller Vielfalt im Vordergrund. „Alle Friedensprozesse und Interventionen sind nach diesen Dimensionen zu bewerten und zu entscheiden und mögliche Einsätze der internationalen Gemeinschaft sind auf diese Dimensionen auszurichten“, legte Manzke dar.

Aus den Dimensionen des politisch-ethischen Leitbildes ergeben sich vier Ordnungselemente eines „gerechten Friedens“: Kollektive Friedenssicherung, Kodifizierung und Schutz universaler und unteilbarer Menschenrechte, Förderung transnationaler Gerechtigkeit, Ermöglichung kultureller Vielfalt.

Als Gebote für den Einsatz von Gewalt als äußerstem Mittel nannte der Landesbischof vier Gebote: Plausibilität, Mäßigung, Autorisierung, Beendigung. „Der Einsatz muss plausibel sein, unter den kulturellen, ökonomischen und sozialen Bedingungen eines Landes und der Unfähigkeit des Landes, sich selbst zu helfen“, verdeutlichte Manzke. Und er muss dergestalt vonstattengehen – Mäßigungsgebot –, dass er das Land nicht zerstört. Zudem müssen autorisierte Beschlüsse der UNO, der NATO respektive der Parlamente vorliegen und muss Rechenschaft darüber gegeben werden, wann ein militärischer Einsatz seine Ziele erreicht hat.

Im Erörterungsteil der Veranstaltung erläuterte der Schaumburg-Lippische Landesbischof, der seit 2011 Beauftragter des Rates für die Seelsorge in der Bundespolizei und seit 2014 Catholica-Beauftragter der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands ist, dass Luther die „Kriegsleute“-Abhandlung vermutlich „im Brass geschrieben“ habe. „Wenn man wütend ist, sollte man lieber nicht zur Feder greifen“, meinte Manzke. Der Autor habe viele Worte geschrieben, die ihn bis aufs Totenbett verfolgt hätten. Bisweilen müsse man sich, etwa mit Blick auf dessen Judenschriften, von Luther distanzieren. „Mitunter hat er Dinge falsch gesehen oder sich im Ton vergriffen.“ Martin Luther im Wortlaut des „Kriegsleute“-Artikels: „Wir Deutschen sind Deutsche und bleiben Deutsche, das heißt Säue und unvernünftige Bestien.“

 
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