Nachschau - Veranstaltung am 22.10.2010

 
 

Vortrag und Diskussion

zum Thema

Die Welt spielt verrückt

– eskalierende Konfrontation
oder alles nur Schwarzmalerei?

Referent:

Oberst a.D. Roland Kaestner

Geschäftsführer des Instituts für strategische Zukunftsanalyse
der Carl Friedrich von Weizsäcker Stiftung, Hamburg
 

am Donnerstag, 22. Oktober 2015, 19.00 Uhr
im Hotel Holiday Inn
Lindenstrasse 52, Minden

 
Foto: Carmen Monsees
 

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vom 28.10.2015

Spielt die Welt verrückt?

Oberst a. D. präsentiert bemerkenswerte Thesen und Auffassungen

VON HERBERT BUSCH

Minden/Bückeburg. "Die Welt spielt verrückt - eskalierende Konfrontation oder alles nur Schwarzmalerei" ist der Titel eines Vortrags gewesen, zu dem die Gesellschaft für Sicherheitspolitik (GSP) ins Hotel „Holiday Inn" eingeladen hatte. „Unsere Demokratien müssen sich mit Regimen auseinandersetzen, die mit zunehmendem Selbstbewußtsein die westlichen Werte ablehnen, menschenverachtend Besitz ergreifen und rücksichtslos ihre eigenen Vorstellungen durchsetzen", schilderte GSP-Sektionsleiter Klaus Suchland eingangs der von rund 100 Gästen besuchten Veranstaltung seine Sicht der Dinge.

Für die Beantwortung der Titelfrage war Roland Kaestner vom Institut für strategische Zukunftsanalyse der Carl Friedrich von Weizsäcker Stiftung in Hamburg vorgesehen. Der Oberst a. D. präsentierte Folien und vermeintliche Fakten in großer Zahl, trug aber relativ wenig Konkretes zur Erhellung des Themas bei und stellte teilweise bemerkenswerte Thesen auf. Kam hinzu, dass der Referent sein Publikum mit - bezogen etwa auf die tagesaktuelle Flüchtlingssituation - teils recht alten Informationen konfrontierte. Darüber hinaus erfuhren die Zuhörer, dass Medienberichten nur begrenzt zu trauen sei. „Was wir als reale Information begreifen, ist oft gefiltert und fokussiert", sagte Kaestner. Als Hauptgrund der gegenwärtigen Besorgnisse machte er den Umstand aus, „dass die Dinge näher an uns heranrücken und im Fernsehen mehr berichtet wird".

Vollends neben den Tatsachen lag der Geschäftsführer des Hamburger Instituts, als er unter dem Aspekt „Kriegstote 1816 bis 2007" darlegte, dass Deutschland in dieser Statistik eine kaum nennenswerte Rolle zukomme. Spanien, Mexiko und die Türkei hingegen seien wesentlich stärker betroffen. Nachdem er aus dem Publikum darauf aufmerksam gemacht worden war, dass die zur Unterfütterung seiner These gezeigte Darstellung nicht Kriegs-, sondern Bürgerkriegstote ins Verhältnis setzte, nahm er seine Aussage allerdings zurück.

Den Blick in die Zukunft richtend erkannte der Experte für das Jahr 2050 eine Weltbevölkerung von 9,1 Milliarden Menschen. „Das sind Zahlen, die eigentlich veraltet sind", schränkte Kaestner indes ein und prognostizierte bald anschließend für das Jahr 2100 eine Abnahme der Wellbevölkerung. Einschränkung: „Obwohl das nicht sicher ist." Fraglos werde die Bevölkerungsentwicklung aber enorme Flüchtlingsbewegungen nach sich ziehen.

„Das, was jetzt läuft, ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein", erklärte der Fachmann. Australien werde zunehmend asiatisch, in den Vereinigten Staaten von Amerika (Kaestner sagte stets „Amerika" wenn er auf die „USA" zu sprechen kam) werde 2050 mehr als die Hälfte der Bevölkerung „nicht mehr weiß" sein.

Thematisch zurück in Europa verblüffte der Hamburger die Zuhörerschaft mit einer Prognose des US-amerikanischen Geheimdienstes CIA, der zufolge der Anteil der islamischen Bevölkerung in der EU bis zum Jahr 2025 im ärgsten Fall („high protection") knapp 40 Prozent betragen wird. „Die Schätzung habe ich ausgesucht, weil sie am wenigsten seriös ist", ließ der Referent wissen. Andere Prognosen gingen von sechs Prozent für Gesamteuropa aus, „meine These sind zehn bis 15 Prozent." Insgesamt betrachtet stufte Kaestner die Felder Energie, Ernährung, Seuchen und Klimawandel als Hauptrisikopotenziale des 21. Jahrhunderts ein.

Apropos „Klimawandel" - „Es gab Zeiten auf dieser Welt, wo es deutlich wärmer war, als das, was heute vorhergesagt wird", erklärte Kaestner. Zumindest während der zurückliegenden 10000 Jahre seien Wärmeperioden Zeitabschnitte der Prosperität gewesen. „Wenn Sie Klima und Geschichte zusammenbringen, stellen sie immer wieder fest, dass die Welt in den Zeiten, wo warme Phasen waren, prosperierte."

Ebenfalls interessant waren die Ausführungen des Referenten zum Stichwort „Kalifate": „Lassen wir doch die jetzt entstandenen Kalifate einfach bestehen und setzen sie sozusagen der tagtäglichen Sorge um ihre Leute aus. Und dann wollen wir mal sehen, ob die Leute tatsächlich bei diesem Kalifat bleiben. Das wage ich zu bezweifeln. Bisher sind alle Systeme in dieser Region gescheitert, westliche und sozialistische. Kalifat ist sozusagen der Traum der Vergangenheit, und der ist ja damals schon gescheitert - und zwar nicht wegen des christlichen Widerstandes, das ist eine Mär, sondern wegen der Nichtbereitschaft, sich unterzuordnen."

Zudem von Interesse waren die Auffassungen des Oberst a. D. mit Blickrichtung „Moskau" und „EU-Beitritt der Türkei". „Moskau" sei gegenwärtig nicht überaus gefährlich. „Die haben genug mit sich selbst zu tun, auch wenn sie im Moment so tun, als könnten sie die ganze Welt retten."

Zum EU-Beitritt der Türkei meinte er: „Wir wollen doch nicht die türkischen Großmachtträume finanzieren. Der Weg aus der Säkularisierung ist vorbei, auch mit Wunsch und Willen der Militärs. In dieser Region können sie keine Großmacht sein, ohne islamische Macht zu sein."

Kaestners Fazit: „Die Probleme kommen zu uns, und wir müssen sehen, wie wir damit umgehen." Sektionsleiter Suchland betonte: „Ich teile manche seiner Thesen nicht ganz." Aus dem Publikum waren kritischere Töne zu vernehmen. Etwa: „Der Referent war total schwach, stellte zahlreiche nicht belegbare Thesen auf und war zum Beispiel bei den Kriegstoten oftmals nur oberflächlich oder gar nicht im Thema." Und: „Da war nix tolles Neues dabei."

 
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