vom 28.02.2015

„Die müssen alle ins Irrenhaus!"

Diese Ansicht über Selbstmordattentäter greift laut Dr. Ortwin Buchbender zu kurz / Ein Referat zum Thema

Von Michael Grundmeier
Dr. Ortwin Buchbender zeigt einen Ausschnitt aus dem Film "Paradise Now", in dem sich ein Selbstmordattentäter auf einen Anschlag vorbereitet. - Foto: mig

Bückeburg/Minden. Eine reine Dämonisierung greift viel zu kurz": Dieses Fazit hat Professor Dr. Ortwin Buchbender zum Schluss seines Vortrags über die „Psychopathologie der Selbstmordattentäter" gezogen. Auf Einladung der Gesellschaft für Sicherheitspolitik (GSP), Sektion Minden, sprach Buchbender über ein Thema, das „für uns rational schwer zu verstehen und schwer nachzuvollziehen ist".

Das Wort „Selbstmordattentäter" ruft bedrückende Bilder wach. Bilder von „schwarzen Witwen", die ein Kino besetzt halten. Bilder von Flugzeugen, die nacheinander ins „World Trade Center" einschlagen. Bilder wie diese tragen den Schrecken immer weiter und schüchtern den Zuschauer visuell ein. Wie gewünscht entsteht so aus den suggestiven Videos der IS-Kopfabschneider ein Klima der Angst und des Misstrauens. Bilder, so heißt es, sagen mehr als tausend Worte. Und so ist es auch eine Sequenz von Bildern, die am Anfang der Veranstaltung (Titel: „Sprengfalle Kopf -Zur Psychopathologie von Selbstmordattentätern") steht.

Der Leiter der GSP, Klaus Suchland, berichtet von einem Dokumentarfilm, den er vor Kurzem gesehen hat. „Erschütternd" sei dieser gewesen, meint er sichtlich bewegt. Darin eine Szene, die ihm bis heute nicht mehr aus dem Kopf geht: ein palästinensisches Kind, das einen Anschlag verüben soll, dann aber von israelischen Soldaten entdeckt und ausgeleuchtet wird. Suchland beschreibt die darauf folgende Szene: „Auf der einen Seite steht der Vater, der von hinten ruft, zieh doch, auf der anderen Seile stehen die israelischen Soldaten, die ihn davon abbringen wollen." Irgendwann sei der Junge dann heulend zusammengebrochen, erzählt Suchland kopfschüttelnd. „Was treibt einen Menschen zu so einem Verhalten?", so Suchlands rhetorische Frage an das Publikum. Das sei schwer nachzuvollziehen, der Vortrag Buchbenders deshalb enorm wichtig.

Professor Dr. Buchbender selbst beginnt sein Referat mit einem Erklärungsversuch. Er habe gleich zwei Mal einen Anschlag aus direkter Nähe miterlebt, sagt der Militärhistoriker: „Einmal in Irland und einmal in Israel. Das war für mich auch der Einstieg in dieses Thema". Er habe sich danach immer wieder gefragt, wie ein Mensch zum Selbstmordattentäter werden kann. „So einfach ist das schließlich nicht, sich das Leben zu nehmen." Und Buchbender nennt Beispiele: Da sei das sieben- bis achtjährige Mädchen, das sich in einer nordiranischen Stadt in den Tod gesprengt habe. Oder der Junge, der mit einer in einem Blumenstrauß verborgenen Bombe auf amerikanische Soldaten zu geht. „Da zu sagen, die sind doch alle verrückt, das greift nicht", gibt Buchbender zu bedenken. Selbstmordattentäter würden viel zu oft „psychopathologisch dämonisiert. Man sagt: Die müssen alle ins Irrenhaus." Davor könne er nur warnen, hebt Buchbender hervor. „Man muss genauer hinblicken und die Sache etwas differenzierter sehen."

Künftigen Attentätern einen Platz im Paradies versprochen

Um das zu erreichen, holt Buchbender weit aus. Der Militärhistoriker erinnert an die Assassinnen - Selbstmordattentäter, die im ausgehenden 11. Jahrhundert Schrecken verbreiteten. Ihr Anführer, Hasan-i Sabbah, konnte in Nordpersien eine Vielzahl von Anhängern gewinnen und ein eigenes Territorium mit mehreren Burgen unter seine Herrschaft bringen (Alamut). Sabbah oder: der „alte Mann vom Berge" geriet in Konflikt mit den seldschukischen Herrschern, die 1092 eine erste Militärexpedition starteten. In der Folge kam es zum ersten politischen Mord durch die Ismailiten - ein Fida'i (wörtlich „Opfergänger") erdolchte am 17. Oktober den seldschukischen Wesir Nizam al-Mulk. Marco Polo weiß über Hasan-i Sabbah (den „Großen Assassin") Folgendes zu berichten: junge Männer, schreibt er, würden mit Opium betäubt und dann in eine Gartenanlage gebracht. Dort werde den zukünftigen Attentätern - bei guter Bewirtung und bei Betreuung durch Frauen - ein Platz im Paradies versprochen. Das allerdings nur dann, wenn sie einen heldenhaften Tod, sprich in der Folge eines Selbstmordattentats sterben würden.

Genau hier, in der Religionsgemeinschaft der Schiiten, sieht Buchbender die Geburtsstunde des Selbstmordattentats angesiedelt. Sämtliche Selbstmordattentäter seien zunächst Schiiten gewesen, erst später seien auch Sunniten hinzugekommen. Als Initialzündung gibt Buchbender die Schlacht von Kerbala an, eine Art Gut gegen Böse, zumindest aus der Sicht der Schia. Yazid und Hussein hießen die Akteure, letzterer war ein Enkel des Propheten Mohammed. Hussein unterlag und wurde getötet und damit auch die schiitische Hoffnung, ihren dritten Imam anstelle von Yazid I. als Kalifen, als Oberhaupt der islamischen Gemeinde, einzusetzen. Die endgültige Trennung zwischen Sunniten und Schiiten war besiegelt.

Für die Schiiten sei Kerbala bis heute eine Großkatastrophe mit psychopathologischen Auswirkungen gewesen, unterstreicht Buchbender. „Diese Schuld, bei Kufa versagt und Hussein nicht unterstützt zu haben, das ist das Trauma der Schiiten." Dieses Martyrium, in einer guten Sache unterlegen zu sein, das sei „die eigentliche emotionale Bombe", die bis heute nachwirke.

Allerdings hat sich das Profil eines Selbstmordattentäters in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert. Laut Buchbender hat eine „Wanderung von den Schiiten, die an die Aschura, also an den Tod von Hussein denken, hin zu den Sunniten, die sich auf diese Geschichte draufgesetzt haben, stattgefunden." Hussein habe in diesem Zusammenhang keine Geltung, „da gibt es nur den Koran."

Die Motive für ein Selbstmordattentat seien trotzdem weitgehend ähnlich, sagt Buchbender: religiöser Fanatismus, Armut, Unwissenheit und eine Gehirnwäsche, die eine „Motivation herstellt, warum sich jemand opfern sollte". Abwehrstrategien müssten deshalb immer am Bewusstsein der Menschen ansetzen, gibt der ehemalige Leitende Wissenschaftliche Direktor der Akademie der Bundeswehr für Information und Kommunikation zu bedenken.

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