Nachschau - Veranstaltung am 28.09.2015

 
 

Vortrag und Diskussion

zum Thema

Wo bleibt unser Restmüll?
In Afrika oder in den Weltmeeren?

Referent:

Dipl.-Volkswirt Henning Wilts

Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie
Projektleiter Forschungsgruppe 3
„Stoffströme und Ressourcenmanagement“
 

am Montag, 28. September 2015, 19.00 Uhr
im Offiziersheim
der Herzog-von-Braunschweig-Kaserne
Minden

 

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vom 30.09.2015

Das Problem der „beweglichen Dinge“

Dass Deutschland sich für seine Mülltrennung und -verbrennung rühmt, ist laut Dr. Henning Wilts unangebracht. Schwierigkeiten würden nach Afrika und in die Meere verlagert, sagt der Experte.

Von Hartmut Nolte

Minden (hn). Eigentlich hätte Klaus Suchland die Verpackung um das Geschenk für den Redner weglassen sollen, denn gerade hatte der in einer Veranstaltung der Gesellschaft für Sicherheitspolitik (GSP) deutlich gemacht, dass es nicht reicht, gut im Mülltrennen zu sein. Mit Müllvermeidung könne jeder viel mehr zur Minderung eines globalen Umweltproblems beitragen.

Dr. Henning Wilts vom renommierten Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie entzauberte auf Einladung der GSP-Sektion Minden im Offiziersheim der Herzog-von-Braunschweig- Kaserne die in Deutschland vorherrschende Meinung, mit gut organisierter Mülltrennung und guter Abfalltechnik sei man vorbildlich für die Welt. Von wegen, die Probleme werden verlagert, nach Afrika und in die Meere, belegte Wilts. Und Müllverbrennung, worin Deutschland Weltmeister sei, sei eher kontraproduktiv.

Möglichst schnell und billig loswerden

Wohin mit dem Restmüll?, war Wilts’ Frage. Deutschland sei technisch in sinnvoller Abfallverarbeitung gut aufgestellt, auch rechtlich sei kaum ein Bereich so detailliert geregelt wie der Umgang mit „beweglichen Dingen, deren sich ihr Besitzer entledigen will oder muss“, so die Abfalldefinition im Kreislaufwirtschaftsgesetz (KWG).

Aber ökonomisch und ökologisch gehe die Abfallgesellschaft nicht nur schlecht mit ihrem Schrott und Müll um, sie verursache durch Müllexporte auch Umwelt- und Sozialprobleme in Afrika und Asien. Das Abfallbeseitigungsproblem habe sich seit dem antiken Rom nicht geändert: Möglichst schnell und billig loswerden. Das habe sich auch in der Priorisierung der Müllverbrennungsanlagen in Deutschland erhalten, die heute trotz mangelnder Müllvermeidung und noch erheblicher Lücken in der Mülltrennung große Überkapazitäten aufweise, deshalb billiger angeboten werde und der falsche Weg seien, weil hier wertvolle Rohstoffe endgültig dem Wirtschaftsund Verwendungskreislauf entzogen würden. „Was da an kostbaren Metallen verbrennt, ist für immer verloren“, warnte Wilts. Zudem zerstöre es die ökonomischen Chancen von ökologischeren Alternativen.

Zurzeit keine wirkliche Alternative sei der Export, vor allem von Elektroschrott nach Afrika, wo auf riesigen, qualmenden Halden unter Missachtung von untersten Arbeits- und Umweltschutzstandards wertvolle Metalle aus Handys und Computerschrott gelöst würden, schilderte er seine Beobachtungen vor Ort. Es gebe aber auch vorbildliche Recyclinganlagen, sagte Wilts. Die gelte es zu fördern, erwähnte er das Projekt „Best of 2 Worlds“ seines Instituts, das Wege suche, sowohl Entwicklungs- wie Industrieländer vom Recyclingprozess profitieren zu lassen.

Menge an Kunststoffen ist seit dem Jahr 1950 um das 150-Fache gestiegen

Dass Müll ein nur global zu bekämpfendes Problem ist, machte Wilts am Beispiel des an deutschen Stränden angeschwemmten Plastikmülls deutlich. Untersuchungen hätten ergeben, dass der aus aller Welt stamme. Die Menge an Kunststoffen sei seit 1950 um das 150-Fache gestiegen, bei der Entsorgung falle den Ländern aber oft nur Verbrennung oder Export ein. Dazu kämen durch die Folgen unorganisierter Plastikmüllentsorgung große Gefahren, wenn Müllteppiche, so groß wie Texas, im Pazifik sich langsam in Nanopartikel auflösten, die über die Nahrungskette wieder zu uns als Gesundheitsproblem zurückkommen.

In der anschließenden regen Diskussion wurden die globalen Erkenntnisse aus dem umfangreich, aber dem leider mit sehr alten Zahlen belegten Vortrag mit der Alltagspraxis verglichen. „Trenne ich meinen Müll umsonst oder ist es angesichts moderner Technik sinnvoller, das erst auf dem Abfallhof zu machen? Sind Verbote, gesetzliche Vorschriften und höhere Gebühren richtig, um Müll besonders aus Kunststoffen zu vermeiden?“

Dass die Müllvermeidung beim täglichen Einkauf anfängt, war eine Grunderkenntnis, die wohl alle Zuhörer teilten. Nur mit dem Umsetzen hapert es oft.

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