Nachschau - Veranstaltung am 12.02.2015

 
 

Vortrag und Diskussion

zum Thema

Putins neoimperiale Doktrin
und ihre ideologischen Vorbilder

Referent:

Prof. Dr. Leonid Luks

Direktor des Zentralinstituts für Mittel- und Osteuropastudien (ZIMOS)
an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.
 

am Donnerstag, 12. Februar 2015, 19.30 Uhr
im Hotel „Jägerhaus“, Wintergarten
Bronnzeller Str. 8, 36043 Fulda-Bronnzell

 

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Eigenbericht der Sektion Fulda

Versucht Putin die Auflösung der Sowjetunion partiell zu revidieren?

Osteuropaexperte referierte bei der GSP-Sektion Fulda

Von Michael Trost

Fulda (mt). Sektionsleiter Michael Trost hatte nicht zu viel versprochen, als er Prof. Dr. Leonid Luks als gefragten Experten für Ost- und Mitteleuropa ankündigte, der vor Mitgliedern und Gästen der Fuldaer Gesellschaft für Sicherheitspolitik zum Thema „Putins neoimperiale Doktrin und ihre ideologischen Vorbilder“ sprach. Detailreich analysierte der Herausgeber der Zeitschrift „Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitschichte“ sowie Direktor des Zentralinstituts für Mittel- und Osteuropastudien an der KU Eichstätt-Ingolstadt diese Doktrin und ihre ideologischen Wurzeln, auf denen sie beruht.

Äußerst besorgt schaut die Welt auf die Entwicklung in der Ukraine, wo es trotz der Minsker Ukraine-Gipfel I und II zu keiner erhofften und nachhaltigen Befriedung und zu keiner endgültigen Lösung des Konflikts zwischen Russland und der Ukraine zu kommen scheint.

„Die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts“?

Die Verfechter der imperialen Renaissance im heutigen Russland unterschätzten die Tatsache, so Luks in seinem Vortrag, dass die Sowjetunion keine Chance hatte, die nach dem gescheiterten August-Putsch 1991 entmachtete und völlig diskreditierte KPdSU zu überleben. So hätte das Sowjetreich nur auf der Basis der Ideologie des proletarischen Internationalismus existieren können.

Die Ausschaltung der KPdSU, die diese Ideologie verkörperte, habe die Auflösung der UdSSR beinahe unumgänglich gemacht, denn dadurch sei die wichtigste weltanschauliche Klammer, die die Union bis dahin zusammengehalten hätte, verschwunden, so Luks.

Laut Luks strebe Wladimir Putin, der im April 2005 die Auflösung der UdSSR als „die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts“ bezeichnet hatte, scheinbar danach, das sowjetische Imperium, wenn auch im neuen Gewand und in neuer territorialer Gestalt, wieder herzustellen.

Dennoch, so Luks weiter, unterscheide sich sein neoimperiales Projekt grundlegend vom sowjetischen Modell, und zwar durch seinen Russozentrismus.

Internationalismus Fehlanzeige!

Im imperialen Programm Putins fehle die internationale Komponente im Gegensatz zur früheren UdSSR beinahe gänzlich. Dies ungeachtet seines Flirts mit den europäischen Rechts- und Linkspopulisten und seines Kokettierens mit dem eurasischen Gedanken. Das imperiale Konstrukt, das Putin vorschwebt, stelle laut Luks im Wesentlichen ein vergrößertes Russland dar, das sich außerhalb der Grenzen der Russischen Föderation in erster Linie auf die russische Diaspora stütze. Kein Wunder, dass dieses Projekt große Ängste in der gesamten Region hervorrufe.

Weitgehende Isolierung

Anders als im Kalten Krieg, stehe das heutige Russland weitgehend isoliert da und die Krim- bzw. die Ukrainekrise offenbarte nun eine Entfremdung zwischen Ost und West in besonders dramatischer Weise, so Luks weiter. Hätte sich seinerzeit die Sowjetunion auf eine weitverzweigte kommunistische Weltbewegung wie auch auf linksgerichtete Regime auf mehreren Kontinenten stützen können, so gebe es heute so gut wie keine Verbündeten mehr.

Der von der Putin-Riege verkündete Russozentrismus verfüge nicht über die gleiche Attraktivität wie einst die kommunistische Ideologie. Abgesehen davon fehlten dem russozentrischen Konstrukt, das zu einer Art offizieller Ideologie der Putinschen „gelenkten Demokratie“ geworden sei, gerade diejenigen Eigenschaften, die der russischen Kultur, vor allem der russischen Literatur, ihre Attraktivität verliehen hätten, nämlich Freiheitsdrang und Wahrheitssuche.

Brüchiges Fundament

Auf die Frage wie populär die Moskauer Ukraine-Politik bei der russischen Bevölkerung sei, gab Luks zu bedenken, dass die Annektierung der Krim an die Russische Föderation nach wie vor laut einer unabhängigen Umfrage von 85 Prozent der Befragten unterstützt werde. Dennoch so Luks, meinten 55 Prozent der Befragten, die russische Führung solle sich in erster Linie mit der Lösung der wirtschaftlichen und sozialen Probleme im eigenen Land befassen, statt sich in die Angelegenheiten der Ukraine einzumischen. So erhalte die Einheitsfront der Putin-Unterstützer bereits erste Risse.

Zwar sei der russische Majdan, den der vor kurzem verstorbene russische Bürgerrechtler Gleb Jakunin für unausweichlich hielt, noch nicht in Sicht, dennoch scheine sich eine immer größer werdende Zahl der Russen darüber im Klaren zu sein, dass eine politische Führung, die sich jeglicher gesellschaftlicher Kontrolle entziehe, imstande sei, das von ihr regierte Land in eine sehr bedrohliche Sackgasse hineinzumanövrieren.

Mit der Feststellung, dass Putin nichts mehr fürchte, als ein Überschwappen demokratischer, nach Westen strebender gesellschaftlicher Bewegungen, ähnlich wie in der Ukraine nach dem Muster des Kiewer Majdan auf sein Land, bewertete Luks den Russozentrismus als ein sehr brüchiges Fundament für das von Putin konzipierte imperiale Vorhaben.

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