Nachschau - Veranstaltung am 28.09.2016

 
 
 

Vortrag und Diskussion

zum Thema

Syrien: Volksaufstand oder Bürgerkrieg?

Zukunftsszenarien nach Jahrzehnten der Diktatur

 
Referent:

Dr. Sadiqu Al-Mousllie

Sprecher des Syrischen Nationalrats (SNC)
 

am Mittwoch, 28. September 2016, 19.30 Uhr
im Hotel „Jägerhaus“, Wintergarten
Bronnzeller Str. 8, 36043 Fulda-Bronnzell

 
 
Foto: www.religionen-im-gespraech.de
 

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Bericht der Sektion Fulda

Syrien: Volksaufstand oder Bürgerkrieg?

Von Hartmut Kullmann
Engagierter Vortrag von Dr. Sadiqu Al-Mousllie - Foto: Michael Trost

Die Sektion Fulda der Gesellschaft für Sicherheitspolitik e.V. (GSP) hatte zu einem Vortrags- und Diskussionsabend in das Hotel Jägerhaus in Fulda-Bronnzell eingeladen. GSP-Sektionsleiter Michael Trost war es gelungen, den in Damaskus geborenen Dr. Sadiqu Al-Mousllie als Referenten zu gewinnen. Er ist deutscher Staatsbürger, lebt seit 27 Jahren in Deutschland und betreibt eine zahnärztliche Praxis in Braunschweig. Dr. Al-Mousllie ist Sprecher des Syrischen Nationalrats in Deutschland (SNC), Vorsitzender des Landesverbands des Zentralrats der Muslime und war mehrere Jahre Generalsekretär der Union arabischer Mediziner in Europa. Aus der Sicht des Syrischen Nationalrats und aus eigener Sicht entwickelte er Zukunftsszenarien nach Jahrzehnten der Diktatur der Baath-Partei und des Assad-Clans.

Nach der Begrüßung und Vorstellung des Referenten durch den Sektionsleiter im vollbesetzten Wintergarten des Hotel Jägerhaus, wurde ein Radio-Interview vom Vormittag eingespielt, das Friedbert Meurer vom Deutschlandfunk mit Dr. A-Mousllie zur gegenwärtigen Lage in Syrien geführt hatte. Stichpunkte des Interviews waren: die Umsetzung der Waffenruhe, trotz unterschiedlicher Standpunkte Einigung zwischen USA und Russland, Versorgungsnotstand der Zivilbevölkerung mit Wasser, Nahrung und medizinischer Versorgung, Ablehnung Assads durch das syrische Volk und westliche Regierungen, Freie Syrische Armee erfolgreich dank türkischer Unterstützung.

Im anschließenden Referat ging Dr. Al-Mousllie auf die Geschichte Syriens ein. Nach dem Zerfall des Osmanischen Reiches folgte das französische Protektorat. Erst 1947 wurde Syrien selbständig und ein frühes Mitglied der Vereinten Nationen. In den Jahren bis 1960 gab es funktionierende demokratische Parteien, ein friedliches Miteinander der unterschiedlichen Ethnien und Religionen. Ende 1960 trat die Baath-Partei auf. Hafis al-Assad, ein Alawit und Vater des jetzigen Präsidenten Baschar al-Assad, kam durch einen Militärputsch an die Macht. Vorbei waren demokratische Zeiten. Es folgte eine brutale Gleichschaltung mittels der Baath-Partei, außenpolitisch eine Annäherung an die damalige Sowjetunion, ein Zwischenspiel mit Ägypten zur Vereinigten Arabischen Republik und eine Konfrontation mit dem Staat Israel, bei dem Syrien die Golanhöhen verlor. 1982 wurden 30.000 Oppositionelle in HAMA durch die eingesetzte Syrische Armee liquidiert. Die libanesische Hisbollah und der internationale Terrorismus wurden unterstützt.

Volles Haus, interessiertes Publikum - Foto: Michael Trost

Nach dem Tode Hafis al-Assads wurde auch der innenpolitische Terror nicht geringer. Sein ihm nachfolgender Sohn Baschar al-Assad auf dem Präsidentenstuhl spürte den Reformwillen des syrischen Volkes. Als im März 2011 drei minderjährige Jungen eine kritische Wandparole anbrachten, wurden sie verhaftet, gefoltert und getötet. Dies führte zu Straßendemonstrationen des aufgebrachten Volkes. Das Regime antwortete mit Erschießungen, zunächst mit einigen Demonstranten, dann aber mit täglich steigender Tendenz. Es begann der sogenannte kreative Tod, das kreative Chaos, die Aufteilung der Gewalt nach ethnischen und religiösen Prinzipien. Der Referent schilderte grauenhafte Menschenrechtsverletzungen durch das Regime. Äußere Mitspieler, regionale und globale, stellten sich ein und weiteten die militärischen Auseinandersetzungen aus: Türkei, Saudi Arabien, Katar, Iran, USA, Russland und die EU. Die Folge: die Zivilbevölkerung floh, sofern sie es konnte. Innerhalb Syriens sind 13 Millionen auf der Flucht, 4 Millionen flohen in die Nachbarländer, vor allem in die Türkei. Rechne man die Flüchtlinge seit Mitte der 1980er Jahre bis heute zusammen, komme man auf 14 Millionen. Heute zähle Syrien daher nur noch 23 Millionen Einwohner. Das syrische Volk sei enttäuscht von der Zurückhaltung des Westens gegenüber Baschar al-Assad und seinem Regime.

Das syrische Volk wolle seine staatliche Einheit erhalten, aber ohne Assad, und werde dabei besonders von der Türkei, Saudi Arabien und Katar unterstützt. Assad werde abgelehnt, weil durch den Volksaufstand allein in den letzten fünf Jahren etwa 250.000 Menschen umgekommen seien. Der Iran und Russland wollten auch die staatliche Einheit Syriens erhalten, aber mit Assad. Dabei spielten deren regionale und globale Interessen eine Rolle. Trotz gewisser Unterstützungen der Freien Syrischen Armee existierten im Westen (USA und EU) leider auch Pläne einer Zerstückelung Syriens nach ethnisch und religiös unterschiedlich geprägten Landesteilen. Wenn die äußeren Mitspieler sich aus Syrien zurückziehen und auch Assad nicht mehr unterstützen würden, könnte das syrische Volk sein Schicksal selbst bestimmen und auch Assads Regime stürzen. In diesem Zusammenhang vertrat er auch noch mal die feste Überzeugung, dass es sich nicht um Bürgerkrieg sondern um einen Volksaufstand handeln würde.

Ziele des Syrischen Nationalrats seien Würde, Freiheit und Demokratie für alle Bürger und freie Wahlen.

Lang anhaltenden Applaus und Dank des Sektionsleiters - Foto: Gisbert Hluchnik

In der anschließenden Diskussion wurde u.a. gefragt, ob bei einem Sieg über das Assad-Regime durch die Unterstützung der sunnitischen Staaten Türkei, Saudi Arabien und Katar sich die wahabitische Form des Islam durchsetze, welche z. B. einen Minderheitenschutz für Christen, Jesiden, Drusen und Alewiten nicht kenne. Dies verneinte der Referent mit dem Hinweis, dass das syrische Volk innerlich so stark sei, dass es dies zu verhindern wisse. Andere Diskussionsteilnehmer verwiesen auf die Stellungnahmen der christlichen Bischöfe in Damaskus, welche die Not der belagerten Zivilbevölkerung schilderten, die Aufhebung der Wirtschaftssanktionen, die Beendigung der Bombardierungen und der Kämpfe forderten. Dies könne auch er unterschreiben, erklärte Sadiqu Al -Mousllie.

Sektionsleiter Michael Trost und die zahlreichen Teilnehmer dankten dem Referenten für seinen engagierten Vortrag mit einem lang anhaltenden Applaus.

 
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