Sektion Bad Neuenahr - Ahrweiler

 

Nachschau - Veranstaltung am 23.11.2015

 
 

Vortrag und Diskussion

zum Thema

Psychokrieg im Kalten Krieg:
Propaganda im geteilten Deutschland

Ein Augenzeugenbericht

Referent:

Prof. Dr. Ortwin Buchbender

ehemaliger Wissenschaftlicher Direktor der AIK
 

am Montag, 23. November 2015, 19:30 Uhr

im Hotel Krupp
Poststr. 4, 53474 Bad Neuenahr

 

*****

 
vom 05.12.2015

GSP machte Zeitreise in den Kalten Krieg

Im geteilten Deutschland tobte in den 70er Jahren die Propagandaschlacht

Von unserem Mitarbeiter Jochen Tarrach
Professor Dr. Ortwin Buchbender bei seiner „Zeitreise in den Kalten Krieg“ - Foto: Haverbusch

Bad Neuenahr. Rückblick in den Dezember 1980. Aus dem Radio ertönt es: „Achtung, eine wichtige Durchsage: Wir rufen Förster. Eichhörnchen fressen heute keine Tannenzapfen. Ende der Durchsage.“ So oder ähnlich geheimnisvoll lauteten die Durchsagen des „Deutschen Freiheitssender 904“. Die Antennen des Senders standen in der Nähe von Burg in Sachsen-Anhalt/DDR. Er sendete von 1956 bis 1971 auf Mittelwelle 904 kHz. Begleitend dazu gab es von 1960 bis 1972 speziell für die Soldaten der Bundeswehr den „Deutschen Soldatensender 935“ der ebenfalls aus Burg auf der Frequenz 935 kHz sendete. Beide Sender wurden in der Bundesrepublik eifrig gehört, denn nirgendwo im Äther gab es damals eine solch flotte Musik wie in den beiden sogenannten Geheimsendern der DDR. Sie waren jetzt Gegenstand eines „fast“ vergnüglichen Abends der Gesellschaft für Sicherheitspolitik (GSP), Sektion Bad Neuenahr-Ahrweiler, am Montag im Hotel Krupp.

Als kompetenter Referent war Professor Dr. Ortwin Buchbender in die Kurstadt gekommen. Durch seine Arbeitsschwerpunkte Geopolitik, Militärgeschichte, Sicherheitspolitik sowie Friedens- und Konfliktforschung hat er sich intensiv mit diesem heute fast vergessenen Teilaspekt des Kalten Krieges beschäftigt. Kaum jemand von den älteren Soldaten und damaligen Wehrpflichtigen, der die äußerst populären Sender nicht gehört hatte und sich noch gut daran erinnerte. Selbst die damals üblichen Nato-Alarme wurden im Programm minutiös vorher gesagt und speziell im Soldatensender 935 sogar einzelne Bundeswehrsoldaten mit Details bis hin zum Standort und der Stubennummer gegrüßt. Als nach ausführlichen Peilversuchen aus dem Westen heraus feststand, dass die Sender in der DDR stehen, wurden dann solch geheimnisvolle Nachrichten wie „Achtung, wir rufen Nachtwächter: Heute Nacht ist es noch dunkler“ gesendet. Damit sollte der Eindruck erweckt werden, dass ganze Heerscharen von kommunistischen Spitzeln im Westen über irgendwelche Fakten informiert werden. In Wirklichkeit war es nur der Verunsicherung dienender Quatsch.

Zum Thema „Zeitreise in den Kalten Krieg“ waren beide Sender gute Beispiele für die Propagandaschlacht, die damals in Deutschland geführt wurde. Übrigens auch von westlicher Seite, die mit Gas gefüllte Ballons bei entsprechender Windrichtung weit in die DDR fliegen ließ, um dort bündelweise Flugblätter abzuwerfen. Erst im Zuge der Entspannungspolitik wurde die psychologische Kriegsführung dieser Art 1971/72 in beiden Teilen Deutschlands eingestellt. Viele der Sendermitarbeiter wechselten zur Fernseh-Nachrichtensendung „Aktuelle Kamera“ oder zum „Schwarzen Kanal“ und agierten dort weiter.

Verschwunden von der Welt ist die Radiopropaganda damit jedoch nicht, denn noch heute zählt sie zur besonders in den beiden Teilen Koreas gepflegten Kriegsführung. Das Radio ist noch immer eines der stärksten Propagandamittel weltweit.

Heute jedoch sind Fernsehen und vor allem die zielgerichtete Presse mit entsprechenden Fotografien gleichwertige Propagandapartner. So ist zum Beispiel das Foto von Hans Conrad Schumann, einem der ersten Grenzflüchtlinge nach dem Bau der Berliner Mauer, noch heute eine Medienikone und gehört zu den bekanntesten Bildern des Kalten Krieges. Der spektakuläre Sprung des NVA-Grenzsoldaten über eine Stacheldrahtrolle zeigt eindrucksvoll, was viele Menschen von System der DDR gehalten haben. Nur nebenbei: Schuhmann hat 1998 aus privaten Gründen Selbstmord begangen.

Von den alten Sendegebäuden des Freiheitssender 904 sowie des Soldatensender 935 bei Burg zeugen heute nur noch verfallene Ruinen. Die innerdeutsche Propagandaschlacht ist lange beendet.

Nach oben Zurück