Sektion Bad Neuenahr - Ahrweiler

 

Nachschau - Veranstaltung am 30.09.2015

 
 

Vortrag und Diskussion

zum Thema

Die Ukrainekrise als strategische Zeitwende
in der internationalen und europäischen Sicherheitspolitik

Referent:

Professor em. Dr. Gunther Schmid

Ehem. Professor für Internationale Politik
an der Fachhochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung,
München - Berlin
 

am Mittwoch, 30. September 2015, 19:30 Uhr

im Hotel Krupp
Poststr. 4, 53474 Bad Neuenahr

 

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vom 08.10.2015

Experte aus Kanzleramt weiß, wie Putin tickt

Vor der Gesellschaft für Sicherheitspolitik (GSP) analysierte Günter Schmid die Rolle Russlands in der Weltpolitik

Von unserem Mitarbeiter Jochen Tarrach
GSP-Sektionsleiter Gerd-Heinz Haverbusch dankte Professor Dr. Günther Schmid (links) für den Vortrag. - Foto: Tarrach

Bad Neuenahr. Eine gedankliche Reise in die russische Hauptstadt Moskau und dort hinein bis in das Büro des Präsidenten der Russischen Föderation, Wladimir Wladimirowitsch Putin, machten die Mitglieder der Gesellschaft für Sicherheitspolitik (GSP) in der Sektion Bad Neuenahr-Ahrweiler. Zu Gast war zum Vortrags- und Diskussionsabend im Hotel Krupp der ausgewiesene Experte für Internationale Politik und Sicherheit, Professor Dr. Günter Schmid aus München. Mehr als 50 Zuhörer erlebten einen ebenso spannenden wie überraschenden Einblick in die internationale Politik. Bis 2012 war der Referent in der Abteilung 6 des Bundeskanzleramts zuständig für das Themenfeld „Lagedarstellung zur Internationalen Sicherheit/ Globale Fragen“. Derzeit hat er noch drei Lehraufträge an der Beamtenhochschule München und Berlin.

Viele Jahrzehnte hat Schmid die russische Politik beobachtet und ihre Wege analysiert. „Putin ist kein Stratege, sondern ein Spieler von höchster Güte“, so seine These. Er sei längst kein Alleinherrscher im Kreml, sondern umgeben von acht bis zehn Vertrauten in einem Machtkartell, das die Politik bestimme. Die russische Politik sei nicht von Ideologie geprägt, sondern eine auf nüchterne Interessen ausgerichtete Realpolitik. Man könne diese nur richtig beurteilen, wenn man versuche, das Handeln Putins durch die russische Brille zu sehen.

Drei Ereignisse sind es aus Sicht von Schmid, welche die russische Seele bis heute belasten: Dazu gehört das Jahr 1812, als Napoleon bis nach Moskau marschierte und erst durch den Winter besiegt wurde. 1941 startete Hitlers „Unternehmen Barbarossa“ und endete ebenfalls erst kurz vor Moskau. Und auch das Jahr 1991 markiert für die Russen ein wichtiges Datum, denn da begann der Zerfall des russischen Imperiums. Putin bezeichnet das Ende der UdSSR als „die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts“ und setzt sie in der Konsequenz noch vor den Zweiten Weltkrieg, so der Referent und machte bewusst, dass Russland durch den Zerfall trotz seiner Größe den Status als Weltmacht verlor und schließlich nur noch auf dem nuklearstrategischen Feld mithalten konnte.

Putin, damals KGB-Repräsentant in Dresden, erlebte diese, für ihn als Russen unglaubliche Katastrophe direkt mit. „Wir müssen diesen Zerfall aufhalten und Russlands Größe zurückgewinnen“ – diese These bestimme die aktuelle Gedankenwelt Putins, an der sich alles orientiere, analysierte Günter Schmid. Vor diesem Hintergrund geschehe nichts, was nicht unmittelbar den Zielen Russlands diene. Erinnernd an die drei genannten geschichtlichen Daten, sähen die Russen in der Nato-Osterweiterung eine direkte Gefahr für ihr Land. Und für die Krim gelte der Mythos, dass sie der Geburtsort der russischen Nation und damit ein wichtiger Ort für die russische Seele sei. Zudem ist dort die zweitgrößte russische Flotte, die Schwarzmeerflotte, stationiert. Und auch das aktuelle Agieren folge diesem Tenor: Die Unterstützung Assads in Syrien sichert den Mittelmeerhafen und damit den Zugang zum Mittelmeer. Zudem möchte Russland wieder „Mitspieler am großen Tisch“ sein. „Schaut man durch die Augen der Russen auf die Politik Putins, so ist sie klar und vorhersehbar“, ist sich Professor Schmid sicher. Ihm gelinge es außerdem auch immer mehr, der russischen Bevölkerung ihren Stolz auf das eigene Land zurückzugeben.

Viele weitere spannende Argumente zur Unterstützung seiner Thesen hatte der Referent bereit. Seine eigenen Prognose zur Zukunft Russlands: Das Land werde aufgrund seiner beschränkten wirtschaftlichen Möglichkeiten und der fallenden Rohstoffpreise seine Großmachtrolle nicht durchhalten. Nur noch sein nukleares Potenzial spiele eine Rolle. In der ersten politischen Liga werden in den nächsten Jahrzehnten lediglich noch die USA und China mitspielen.

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