Nachschau - Veranstaltung am 04.02.2016

 
 

Vortrag und Diskussion

zum Thema

Der Arabellion zweiter Teil:
Der bewaffnete Kampf der extremen Islamisten um die Macht

Referent:

Oberst a.D. Nikolaus Schmeja

Politikwissenschaftler und Publizist, Tübingen
 

am Donnerstag, 04. Februar 2016, 19.30 Uhr
im Offizierheim neben der Graf-Werder-Kaserne
Wallerfangerstraße 33, Saarlouis

 

*****

 
Bericht der Sektion Saar

Der bewaffnete Kampf der extremen Islamisten um die Macht

Vortrag über die Vielschichtigkeit des Nahost-Konflikts

Von Klaus Zeisig

Es begann 2011 in Tunesien, ergriff den ganzen Maghreb und die arabische Halbinsel und wurde anfangs euphorisch von der westlichen Welt als der „Arabische Frühling“ bejubelt. Es war die Auflehnung insbesondere der jungen Menschen in den betroffenen Ländern gegen unflexible Machthaber und ihre Clans, gegen korrupte Verwaltungen, die den Staat als Melkkuh betrachteten, gegen soziale Missstände, mangelhafte Bildung, Arbeitslosigkeit und unzureichende öffentliche Dienstleistungen. Einige Diktatoren wurden gestürzt, einige wehrten sich mit brutaler Gewalt gegen ihre Entmachtung. Wo Wahlen durchgeführt wurden, gingen fast überall islamistische Parteien als Sieger hervor.

Statt Reformen die Einschränkung bürgerlicher Freiheiten und der Kampf radikaler Milizen um die Macht. Terroristische Attacken überwiegend gegen die eigenen Glaubensbrüder und nun auch gegen westliche Staaten sind das makabre Kennzeichen dieser „heiligen“ Krieger, die sich überwiegend als kulturlose, mordgierige und zu brutaler Gewalt bereite Schlächter präsentieren. Auch das Land, in dem der Wandel bisher am erfolgreichsten und friedlich verlaufen zu sein schien, nämlich Tunesien, wird nun von Terror und Anschlägen erschüttert.

Der Westen – insbesondere Europa - hat allzu lange tatenlos den Entwicklungen an seiner Peripherie zugesehen. Erst der schier nicht enden wollende Flüchtlingsstrom nach Europa hat Politik und Öffentlichkeit gleichermaßen aufgeschreckt und deutlich gemacht, dass Europa nicht teilnahmslos gleichsam auf einer Insel der Glückseligen leben kann, während ringsum die Welt in Chaos versinkt.

Um halbwegs begreifen zu wollen, welche Faktoren und Kräfte da am Wirken sind, muss man auch in die Geschichte des arabisch-islamischen Raumes zumindest der letzten 100 Jahre zurückblicken, die seit dem Niedergang des Osmanischen Reiches von Unzulänglichkeiten und Fehlern der postkolonialen Ordnung geprägt wurde. Mit der Einigung zwischen Großbritannien und Frankreich (Sykes – Picot –Abkommen von 1916) wurden die französischen und britischen Protektoratsbereiche in Nahost ohne Rücksicht auf jahrhundertealte Stammes- und Familienbereiche gleichsam mit dem Lineal aufgeteilt. Die sich später daraus entwickelnden „National“-Staaten führen diese Fehler fort. Mängel bei Bildung, Infrastruktur und öffentlicher Verwaltung behindern sporadische zaghafte Reformversuche. Der Islam ist in der Entwicklung seiner gesellschaftlich – politischen Modelle und Ideen noch in der Vormoderne steckengeblieben. Liberale Ansätze wirken daher anarchisch und destruktiv.

Überlagert wird diese ohnehin schon schwierige Gemengelage durch die unterschiedlichen Interessen der relevanten Akteure. Da kämpfen Saudi-Arabien und der Iran um die Vormachtstellung in Nahost, die auch die Türkei für sich beansprucht. Die Türkei will unter allen Umständen einen eigenständigen Kurdenstaat, auf welchem Territorium auch immer, verhindern.

Russland will vor allem seinen Einfluss im östlichen Mittelmeer und seine Stützpunkte in Syrien sichern; es unterstützt dabei mittlerweile immer unverhohlener das Assad-Regime, möchte aber andererseits das gerade zarte Pflänzchen wiedererlangter Weltgeltung nicht gefährden. Auch ist eine nachhaltige Friedenslösung in Syrien als Voraussetzung für die Befriedung der Region mit Assad nicht denkbar.

Die USA wollen eine Ausweitung des Einflusses Moskaus verhindern. Und was will Europa? Und welches Europa? Und dann ist da noch Israel mit seinen ungelösten Fragen in den arabisch-iranischen Beziehungen und dem ungelösten Palästinenser-Konflikt. Schließlich geht es auch um eine gerechte Verteilung des knappen Wassers und um den Zugang zu den immer noch immensen Erdöl- und-gasvorkommen.

Angesichts dieser Vielschichtigkeit des Nahost-Konfliktes wird schnell klar, dass es keine schnellen Patentrezepte für dessen Lösung geben kann. Es bedarf daher des Einsatzes und des guten Willens und eines langen Atems aller an diesem Konflikt direkt oder indirekt Beteiligten, um – die Fehler der Vergangenheit vermeidend – zu nachhaltigen Lösungen zu kommen. Aber auch ein langer Weg beginnt mit ersten Schritten. Und vordringlich scheint zunächst, parallel zu den politischen Aktivitäten, das barbarische Wüten der Terroristen gleich welcher Couleur zu beenden.

Dem Referenten des Abends, dem Publizisten Niko Schmeja aus Tübingen, gelang es, diese Zusammenhänge in verständlicher Form aufzuzeigen.

 
Nach oben Zurück