Nachschau - Veranstaltung am 05.10.2015

 
 

Vortrag und Diskussion

zum Thema

Die Bedrohung durch den „IS“ –
wie geht es weiter im Nahen Osten?

Referent:

Dr. Kinan Jaeger

Lehrbeauftragter an der Universität Bonn
 

am Montag, 05. Oktober 2015, 19.30 Uhr
im Offizierheim neben der Graf-Werder-Kaserne
Wallerfangerstraße 33, Saarlouis

 

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Bericht der Sektion Saar

Das schwierige Ringen um eine tragfähige politische Lösung

Vortrag bei der GSP über die Lage in Syrien und Irak

Von Klaus Zeisig

Gut zwei Wochen nach der Untersuchung der Ursachen und Hintergründe des Flüchtlingsstroms aus Afrika befasste sich die Sektion Saar unter dem Titel „Die Bedrohung durch den „IS“ – wie geht es weiter im Nahen Osten?“ mit der kritischen Lage im Nahen Osten als Auslöser und Ursache für die enorm angestiegenen Flüchtlingsströme aus dieser Region. Auch wenn viele aus den teilweise hoffnungslos überfüllten Flüchtlingslagern um Syrien herum kommen, sind der Bürgerkrieg in Syrien und die brutalen Terrorakte des selbsternannten „Islamischen Staates“ die direkte Ursache für die größte „Völkerwanderung“ der jüngsten Zeit.

Mit Dr. Kinan Jaeger von der Uni Bonn, geboren 1966 in Damaskus, der seit 1970 in Deutschland lebt, stand ein sachkompetenter Referent zur Verfügung, der auch häufig in Funk und Fernsehen als Experte herangezogen wird.

Die heutige Situation in der Region ist auch eine Spätfolge der Aufteilung der Völkerbund-Mandatsgebiete im Nahen Osten nach dem 1. Weltkrieg zwischen Großbritannien und Frankreich, wobei die Grenzen ohne Berücksichtigung ethnischer oder Stammes – Zugehörigkeiten mit dem Lineal gezogen wurden.

Die uralten religiösen Konflikte zwischen Sunniten, die die Mehrheit der Muslime stellen -angeführt von den Saudis und den Golf-Staaten, und den Schiiten – angeführt von den Mullahs im Iran - über die wahre Glaubensrichtung im Islam wirken wegen der engen Verbindung von Staat und Religion direkt in die Politik.

Die Menschen fühlen sich in erster Linie als Schiiten oder Sunniten, die Staats-zugehörigkeit spielt eine untergeordnete Rolle.

Das ist auch der der Nährboden für den phänomenalen Bedeutungszuwachs des selbsternannten „Islamischen Staates“, der die Unzufriedenheit der Menschen über die willkürliche Grenzziehungen des Westens bündelt und dem Nahen Osten mit dem Ziel des die derzeitigen Nationalstaaten auslöschenden, „weltweiten“ Kalifats eine neue/alte Bedeutung verheißt.

Der Nahe Osten scheint gänzlich aus den Fugen geraten sein. Das Vertrauen in die jeweiligen Staatsführungen ist zerstört. Vetternwirtschaft, persönlich Bereicherung und Korruption sind charakteristische Gesellschaftsmerkmale.

Nach den Terror-Anschlägen auf das World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington im September 2001 schmiedete US-Präsident George W. Bush eine „Koalition der Willigen“ und begann den Irak-Krieg ohne UNO-Mandat am 20. März 2003. Nach der Beseitigung des Sadat-Regimes wurden weitere Fehler begangen. Die völlige Beseitigung der politischen und insbesondere auch der militärischen Strukturen führte zu einem Machtvakuum und zu erheblichen Frustrationen bei den betroffenen, überwiegend sunnitischen Militärs im Irak, die sich später allzu bereitwillig dem neu entstandenen „Islamischen Staat“ anschlossen.

Im Zuge des „arabischen Frühlings“ bildete sich seit Februar 2011 auch in Syrien aktiver Widerstand gegen das diktatorische und ausbeuterische Assad-Regime. Die zunächst überwiegend politische Opposition radikalisierte sich als Folge der Unbeugsamkeit und des harten Durchgreifens des Assad-Regimes, die „Freie Syrische Armee“ wurde gegründet. Bis heute dauert der Bürgerkrieg an und hat bisher über 250.000 Tote unter der syrischen Bevölkerung gefordert, sowie eine beispiellose Fluchtbewegung ausgelöst. Die Frontlinien sind unklar. Syrien ist nur noch ein Flickenteppich verschiedener Einflussgebiete.

In dieser ohnehin schon verworrenen Lage ist der selbsternannte „Islamische Staat“ als die brutalste, aber auch erfolgreichste Organisation hervorgegangen. Die Bilder der zu Propaganda – Zwecken im Internet verbreiteten und zelebrierten Hinrichtungen sind hinlänglich bekannt – eine Brutalität und Menschenverachtung, die in der jüngsten Zeit ihresgleichen suchen.

Der „IS“ als „sunnitische“ Organisation wurde (zunächst) von Saudi-Arabien und den Golf-Staaten unterstützt, letztlich auch um den großen Konkurrenten um die Vormachtstellung im Nahen Osten, den Iran, zurückzudrängen, der seinerseits ein treuer Verbündeter und Überlebensgarant des Assad-Regimes in Syrien ist.

Der Westen und die übrige Welt haben jahrelang tatenlos zugesehen. Die Amerikaner mussten erleben, wie von ihnen ausgebildeten Kämpfer der „Freien Syrischen Armee“ zum „IS“ überliefen und wie von ihnen gelieferte moderne Waffen in die Hände der Dschihadisten fielen.

Nun ist mit Putins Russland ein weiterer „Spieler“ auf dem Schachbrett aufgetreten, der in Assad den einzigen Verbündeten im Nahen Osten hat und in Syrien 2 mittlerweile ausgebaute Stützpunkte betreibt.

Europa sah diesem Konflikt „vor seiner Haustür“ ebenfalls mehr oder weniger tatenlos zu. Erst als in Folge der desaströsen Lage in der Nah-Ost-Region die Flüchtlingsströme nach Europa und insbesondere nach Deutschland anschwollen, wachte man auf. Nun dämmerte die Erkenntnis, dass man die Ursachen der Flüchtlingsströme an der Quelle beseitigen müsse.

Aber wer kämpft da gegen wen? Wen soll man unterstützen und wen mit welchen Mitteln wirkungsvoll bekämpfen? Fragen, auf die es keine schnelle und eindeutige Antwort gibt. Denn auch das Ausland hat mit Blick auf die Energie-Ressourcen Interessen in der Region.

Im Sinne einer pragmatischen Realpolitik müssen bisherige Tabus zunächst einmal beiseitegelegt werden. Interessant ist, dass auch in der syrischen Bevölkerung angesichts des „IS“-Terrors Assad mittlerweile zunächst als das kleinere Übel mehr an Zustimmung gewinnt. Man muss wohl auch mal – zumindest temporär – mit dem Teufel paktieren, um den Beelzebub auszutreiben!

Fest steht, dass es keine kurzfristige Lösung der Probleme im Nahen Osten geben wird. Das nun hoffentlich in Abstimmung mit den Russen verstärkte Vorgehen gegen den „IS“ wird zumindest zunächst sogar zu einem Anschwellen der Fluchtbewegungen aus diesem Gebiet führen. Die nun endlich einsetzende insbesondere auch finanzielle Unterstützung der Flüchtlinge aufnehmenden Nachbarländer (warum beteiligt sich eigentlich Saudi-Arabien nicht?) ist der richtige Ansatz. Aber die Fehler der Vergangenheit dürfen nicht wiederholt werden: es muss eine tragfähige politische Lösung für Syrien, den Irak und letztlich auch für das Kurdenproblem gefunden werden.

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