Nachschau - Veranstaltung am 14.06.2017

 
 
 

Vortrag und Diskussion

zum Thema
 

Wenn die Bedrohung das Leben bestimmt –
Estland als unmittelbarer Nachbar Russlands

 
Referent:

Oberst d.R. Dr. Heinz Neubauer

GSP-Vizepräsident
 

am Mittwoch, 14. Juni 2017, 19.00 Uhr
im Offizierheim neben der Graf-Werder-Kaserne
Wallerfangerstraße 33, Saarlouis

 

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Bericht der Sektion Saar

Wenn die Bedrohung das Leben bestimmt

Vortrag über Estland als unmittelbarer Nachbar Russlands

Von Klaus Zeisig

Als Oberst der Reserve war der Vizepräsident der GSP, Dr. Heinz Neubauer, bereits einige Male im Auftrag des BMVg nach Estland entsandt, um dort bei Fragestellungen des Host Nation Support und der logistischen Infrastruktur die estnischen Streitkräfte zu beraten.

Das seit 1991 wieder unabhängige Estland grenzt im Osten mit einer Grenzlänge von ca. 295 km direkt an Russland. Das Land ist mittlerweile Mitglied der UNO, der EU, der NATO, der OSZE, der OECD und der Eurozone.

Von den gut 1,3 Mio. Einwohnern ist mit ca. 25 % (= ca. 325.000) ein signifikanter Teil russisch-stämmig, ein Umstand, der angesichts der Vorgänge um die Krim nicht außer Acht gelassen werden sollte. Durch die völkerrechtswidrige Annexion der Krim und seine fortlaufende Unterstützung der Separatisten in der Ost-Ukraine hat Russland die Grundlagen der europäischen Friedensordnung, die da lauten: Respektierung bestehender Grenzen und keine gewaltsame Veränderung, insgesamt in Frage gestellt.

Auf dem NATO-Gipfel 2014 in Wales verabschiedete die NATO zwar einen Plan für eine erhöhte Einsatzbereitschaft insbesondere auch in Ost-Europa und im Baltikum. Welchen Wert dieser Plan nach den jüngsten Paradigmensprüngen der US-Administration unter Trump noch hat, ist zwar letztlich noch nicht klar absehbar, allerdings gibt das Auftreten Trumps Ende Mai vor der NATO in Brüssel und beim G7-Gipfel auf Sizilien wenig Anlass zu Optimismus. Entwicklungen, die insgesamt, aber insbesondere für einen Staat wie Estland, höchst alarmierend sind.

Es wird nun darauf ankommen, glaubwürdig zu vermitteln, dass es die NATO ernst meint mit dem Art. V des NATO-Vertrages und der Garantie der Unverletzlichkeit des Territoriums der NATO-Staaten.

Vor diesem Hintergrund ist es verständlich und leicht nachvollziehbar, dass das Bedrohungsempfinden der unmittelbar an Russland grenzenden Staaten sich deutlich von dem der meisten Staaten Westeuropas oder gar der USA und Kanadas unterscheidet. Mit dem NATO-Beschluss von 2014 und der mittlerweile erfolgten Stationierung von international zusammengesetzten NATO-Truppenteilen jeweils in Bataillonsstärke in den 3 baltischen Staaten und in Polen – daran beteiligt sind insgesamt 16 Nationen unter Führung Großbritanniens in Estland, Kanadas in Lettland, Deutschlands in Litauen und der USA in Polen – wird politisch deutlich gemacht, dass ein (regulärer) Angriff auf einen dieser Staaten die gesamte NATO auf den Plan ruft. Wobei schon auf den ersten Blick der Kampfstärke der eingesetzten Kontingente der überwiegend politische Charakter dieser Maßnahme deutlich wird. Von daher ist unter Zugrundelegung eines nüchtern kalkulierenden Gegenspielers, als der Putin immer noch gilt, auf absehbare Zeit mit einem solchen Angriff nicht zu rechnen. Anders sieht die Lage allerdings aus, wenn man die Möglichkeiten und Methoden der hybriden Kriegsführung, wie sie von den Russen auf der Krim und in der Ost-Ukraine angewendet wurden, und die absehbar künftig vermehrt Anwendung finden werden, ins Kalkül zieht. Wann werden die ersten „Grünen Männchen“ zu welchen Reaktionen auf Seiten der NATO führen? Im Falle Estlands scheint die Entschlossenheit der für die Sicherheit Verantwortlich nach Einschätzung des Referenten deutlich zu sein: Liquidierung bei erstem Auftreten!

Auch scheint angesichts der zahlenmäßigen Überlegenheit des potentiellen Angreifers die Entschlossenheit der Esten stark ausgeprägt zu sein, unmittelbar den Partisanenkampf aus den Wäldern heraus zu führen – eine für jeden Angreifer unangenehme Variante des Kämpfens.

Dass estnische Befürchtungen nicht ganz im luftleeren Raum angesiedelt sind, wird auch bei einer hier aus Zeitgründen nur ganz kurzen historischen Betrachtung deutlich. Putin („Der Zusammenbruch der Sowjetunion war die größte Katastrophe des 20. Jahrhunderts“!) will Russland wieder zu dem ihm nach seiner Meinung zustehenden Platz in der Welt führen. Das hält sein immer noch großes Reich trotz aller wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Probleme zusammen und sichert ihm (noch) die Gefolgschaft seiner Landsleute. Aus der Wahl der Nationalflagge (Weiß-Rot-Blau) über die Strukturierung der Militärbezirke, die Stationierung der Truppenteile, den Aufbau eines umfassenden Raketensystems mit seinen Reichweiten aus dem ehemaligen Königsberg hinaus bis nach Mitteleuropa hinein, die durchgeführten Manövern zugrundliegenden Planspiele bis hin zu konkreten Aufgabenzuweisungen kann man die mögliche Absicht einer Ausweitung des russischen Glacis unter Einschluss des Baltikums, Weißrusslands und der Ukraine ableiten. Hierzu passt auch Putins selbstbewusst formulierter Anspruch, die Rechte und Interessen der Russen oder russisch-stämmiger Bürger überall auf der Welt wahrzunehmen und zu schützen.

Wie sehen das diese Menschen selbst, die ja im Falle Estlands ¼ der Bevölkerung (s.o.) ausmachen?

Grundsätzlich scheint das Zusammenleben innerhalb der Bevölkerung Estlands spannungsfrei zu sein. Die Russen haben sich arrangiert und nutzen und genießen die Vorteile des problemlosen Reisens über die russische Grenze hinweg aufgrund auch des russischen Passes ohne langwierige Grenzkontrollen und Wartezeiten.

Angesichts dieser Umstände und der geschilderten Rahmenbedingungen fühlt man sich auch in Estland derzeit ziemlich sicher, ohne aber in der Aufmerksamkeit und in dem Bemühungen um Vertiefung der West-Integration nachzulassen.

 
Waving Estonian Flag - © Kagenmi-fotolia.com
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