Nachschau - Veranstaltung am 16.03.2017

 
 
 

Vortrag und Diskussion

zum Thema

Der Krieg in Nahost -

Iran, Saudi-Arabien, IS und die Neuauflage
des uralten schiitisch-sunnitischen Konflikts

 
Referent:

Dr. Michael Rohschürmann

Politik- und Islamwissenschaftler
 

am Donnerstag, 16. März 2017, 19.30 Uhr
im Offizierheim neben der Graf-Werder-Kaserne
Wallerfangerstraße 33, Saarlouis

 

*****

 
Bericht der Sektion Saar

Sunni vs Shia

Der Krieg in Nahost – Neuauflage eines uralten Konflikts

Von Klaus Zeisig

Saarlouis. Zu den Krisenherden im Nahen und Mittleren Osten, den darin involvierten Akteuren und den historischen Hintergründen dieser Konflikte trug kürzlich der Politik- und Islamwissenschaftler Dr. Michael Rohschürmann aus Gummersbach bei der Gesellschaft für Sicherheitspolitik in Saarlouis vor.

Dr. Rohschürmann hat nach dem Militärdienst (Fregattenkapitän d. Res.) das Studium der Politikwissenschaft, Soziologie und des Öffentlichen Rechts, danach noch Islamkunde ( worin er promovierte), Islamische Philologie und Ethnologie studiert und hat langjährige Arbeitserfahrung in Afghanistan, Saudi-Arabien und Irak im Erstellen von Hintergrundanalysen und Sicherheitskonzepten.

Zunächst befasste sich der Vortrag mit den neuen Fronten in dem uralten Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten über die seit über 1300 Jahren widersprüchlich interpretierte wahre Nachfolge des Propheten Mohammed. Heute stellt sich die Lage der verschiedenen Ausprägungen des Islam in Nahost etwa wie folgt dar, wobei bei den Anhängern der Schia der Iran mit 70 Mio (90 % der Bevölkerung) und Irak mit 20 Mio (60 % der Bevölkerung) die stärksten Konzentrationen bilden:

Die roten Explosionssymbole zeigen die „Hotspots“ der derzeitigen Krisenherde in Nahost. - Quelle: Präsentationsfolie des Referenten.

Der Iran fühlt und geriert sich seit der Revolution von 1979 (mit der Rückkehr Khomeinis aus dem Pariser Exil) als die Vor- und Schutzmacht der Schiiten. Der Iran wurde nach einer wechselreichen Entwicklung mit 90 % Schiiten nahezu vollends schiitisch. Er unterstützt das Assad-Regime in Syrien gegen Aufständische und gegen den „ IS“.

Als Antipode zu den vom Iran dominierten Schiiten stehen unter dem Schutz Saudi-Arabiens die Sunniten. Westliche Geheimdiensterkenntnisse belegen die (zumindest anfängliche) Unterstützung des sogenannten „Islamischen Staates (IS) als Gegenkraft zu den vom Iran dominierten Schiiten durch die Saudis und die Golf-Staaten. Nachdem aber im Zuge des siegreichen Vormarschs des IS dessen Ziel der Beseitigung der Regime in den „dem Westen hörigen“ arabischen Staaten in Nahost immer offensichtlicher wurde und die Regime in diesen Unterstützerstaaten um ihre Herrschaft fürchten mussten, setzte ein Umdenken ein bis hin zur Beteiligung an Operationen gegen den „IS“. Problematisch bleibt weiterhin die finanzielle Unterstützung des „IS“ durch zum Teil private Bürger aus Saudi-Arabien und den Golf-Staaten. Einer der derzeit ganz heißen Konfliktherde mit direkter Involvierung des Iran und Saudi-Arabiens ist der Jemen.

Der Libanon, bislang hinsichtlich des Zusammenlebens der Religionen (Schiiten, Sunniten, Drusen und Christen) unproblematisch, spielt zumindest indirekt eine wesentliche Rolle in Nahost, als die mittlerweile nach dem Zusammenschluss mit der schiitischen Amal-Miliz (1991) gleichsam als Staat im Staate agierende Hezbollah aktiv im Syrienkrieg zur Unterstützung des Assad-Regimes mitmischt.

Die Lage in Syrien und im Irak kann verworrener nicht sein. Nach dem Krieg der Amerikaner (und einiger Unterstützer) gegen den Irak mit der Beseitigung des Saddam Hussein-Regimes hinterließen sie ein Machtvakuum ohne eine funktionierende staatliche Ordnung. Die legal an die Macht gekommenen Schiiten verdrängten die Sunniten aus allen wesentlichen Staats-, Verwaltungs-, Polizei- und Militär-Positionen. Später liefen viele von ihnen zum „IS“ über und waren maßgeblich für die militärischen Erfolge des „IS“ verantwortlich.

In Syrien protestierten zunächst Bürger friedlich im Zuge des vom Westen gern so bezeichneten „Arabischen Frühlings“ gegen das Assad-Regime und wurden von diesem Regime brutal niedergeknüppelt. Es bildeten sich Widerstandsgruppen, die den Kampf gegen das Assad-Regime aufnahmen und zum großen Teil auch gegeneinander kämpften. Dabei entwickelte sich als die brutalste von allen nach mehreren Umgruppierungen der schon 2006 gegründete „Islamische Staat (im) Irak“ über „ISIS“ (Islamischer Saat im Irak und in Syrien) (2012) bis hin 2014 zum „Neuen Kalifat/Islamischer Staat“ (ohne bisherige Staatsgrenzen). Ihr Vormarsch war brutal menschenverachtend und zunächst erfolgreich.

Finanziell unterstützt (s.o.) und eigene Finanzen rekrutierend durch ein funktionierendes Besteuerungssystem, aber insbesondere auch durch den Verkauf von Rohöl aus den eroberten Ölquellen (wer waren und sind die Abnehmer?!) erzielten sie gleichsam im Sturmschritt ohne nennenswerten Widerstand riesige Geländegewinne und besetzten wichtige Zentren im Irak und in Syrien.

Mittlerweile hat sich das militärische Blatt gewendet. Der “IS“ hat große Geländeteile wieder verloren, wichtige Städte wurden wieder befreit, auch die Befreiung Mossuls, der größten und symbolträchigsten Stadt, weil dort 2014 das „Neue Kalifat“ des selbsternannten Kalifen al Baghdadi ausgerufen wurde, scheint nur noch eine Frage von Wochen oder wenigen Monaten zu sein. In der dem „IS“ eigenen Logik verlagert er seit dem militärischen Niedergang in Nahost seine Aktivitäten auf Terroranschläge in Europa und anderen Teilen der Welt.

Die Karte zeigt den Flickenteppich der noch vom „IS“ kontrollierte Gebiete – Quelle: Präsentationsfolie des Referenten

Mit dem Blick auf die nachfolgende Übersicht wird das Durcheinander verschiedener Akteure in Syrien und Irak und die Verworrenheit der dortigen Lage offensichtlich. Eine zumindest kurzfristige Lösung scheint nicht in Sicht, insbesondere nicht, solange der Stellvertreterkrieg zwischen Saudi-Arabien und Iran anhält.

Konflikte in Nah-/Mittelost und beteiligte Akteure – Quelle: Präsentationsfolie des Referenten

Der sunnitisch-schiitische Konflikt wird sich durch einen sich zunehmend radikalisierenden Sunnismus (hin zum Dschihadismus) verschärfen. Eine Nachkriegsordnung in den bisherigen (willkürlich gezogenen) Staatsgrenzen scheint nicht zukunftsweisend zu sein. Eine Neugruppierung des Nahen Ostens entlang religiöser, konfessioneller und ethnischer Grenzen könnte ein tragfähiges Zukunftsmodell sein.

 
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