Nachschau - Veranstaltung am 17.09.2015

 
 

Vortrag und Diskussion

zum Thema

Zwischen Wirtschaftsboom und Flüchtlingsstrom –
Afrika und die globale Migration

Referent:

Dustin Dehéz

Politikberater und Publizist Manatee Global Advisors, Frankfurt
 

am Donnerstag, 17. September 2015, 19.30 Uhr
im Offizierheim neben der Graf-Werder-Kaserne
Wallerfangerstraße 33, Saarlouis

 

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Bericht der Sektion Saar

Zwischen Wirtschaftsboom und Flüchtlingsstrom

Vortrag über Afrika und die globale Migration

Von Klaus Zeisig

Der Referent zu diesem Thema, der Politikberater und Publizist Dustin Dehez aus Frankfurt (und auch in Accra/Ghana lebend), beleuchtete zunächst die globale Flüchtlingssituation.

Derzeit gibt es nach Angaben des UNHCR weltweit circa 60 Mio Menschen, die auf der Flucht oder in der Vertreibung leben. 40 Mio davon gelten als innerhalb des jeweiligen Landes Vertriebene, 20 Mio sind grenzüberschreitend Vertriebene. So befinden sich derzeit z.B. auf Syrien bezogen 7,6 Mio Syrier innerhalb Syriens auf der Flucht, 4 Mio außerhalb Syriens.

Die innerhalb ihres Landes auf der Flucht Lebenden haben in anderen Ländern keine Auswirkungen, außer ggf. im Zuge internationaler Hilfsprogramme, und erzeugen kaum Aufmerksamkeit, außer bei besonders Interessierten. So wirken sich die z.B. innerhalb der Ukraine vertriebenen 650.000 in Deutschland nicht aus, hingegen ist derzeit der nicht abreißen wollende Flüchtlingsstrom 100.000er nach Europa und insbesondere nach Deutschland das beherrschende politische und gesellschaftliche Thema. Bezogen auf die Gesamtbevölkerung ist aber bisher der Anteil der Flüchtlinge in Deutschland mit 1% sehr gering. Der Anteil der im Libanon lebenden Flüchtlinge entspräche, auf Deutschland übertragen, einer Gesamtzahl von ca. 25 Mio Flüchtlingen.

Generell lassen sich die Flüchtlinge in 3 Gruppen aufteilen: Die größte Gruppe machen die Syrer aus, die zweitgrößte Gruppe bilden die Eritreer und die drittgrößte Gruppe lässt sich herkunftsmäßig nicht genau eingrenzen, die Menschen kommen überwiegend aus dem Raum südlich der Sahara.

Die Eritreer haben eine große Chance der Anerkennung als Asylbewerber in Deutschland.

Das Regime in Eritrea nutzt den seit der Unabhängigkeit von Äthiopien im Jahre 1993 mit Äthiopien bestehenden Konflikt zur brutalen Unterdrückung der eigenen Bevölkerung und wurde deswegen wiederholt von der UNO wegen Menschenrechtsverletzungen gerügt. Es gibt aber darüber hinaus eine Vielzahl von Fluchtbewegungen innerhalb Afrikas aus den Bürgerkriegsgebieten Süd-Sudan, Demokratische Republik Kongo (DRC), Nigeria, Niger, Zentral-Afrikanische Republik (ZAR) oder aus den Unruhegebieten Burundis (von dort allein ca. 80.000). Diese Fluchtbewegungen enden aber überwiegend in den unmittelbaren Nachbarländern und wirken sich nicht auf den weiteren afrikanischen Kontinent oder gar bis nach Europa aus.

Betrachtet man die Ursachen und Gründe der übrigen Flüchtlinge aus Afrika, die sich auf die lange „Reise“ nach Europa oft unter Gefahr für Leib und Leben machen, so ist der Anteil der sogenannten „Wirtschaftsflüchtlinge“ unklar, vor allem aus prosperierenden Staaten wie Ghana, Senegal oder anderen.

Auch trifft man vielfach in Deutschland und Europa bei der Analyse der Fluchtursachen der sogenannten „Wirtschaftsflüchtlinge“ auf Unkenntnis der Verhältnisse vor Ort und in der Folge auf falsche Rezepturen zur Beseitigung dieser Fluchtursachen. In weiten Bereichen Afrikas herrscht seit 10 -15 Jahren ein ausgesprochenes Wirtschaftswachstum. Qualifizierte Menschen könnten hinlänglich Arbeit und damit Ernährungsgrundlage finden.

Afrikanische Staaten insbesondere im Osten des Kontinents haben den Anschluss an die Globalisierung geschafft. Es besteht ein überproportionales Wachstum im Handel mit den Staaten Asiens (Indien, VR China), auch im intra-regionalen Handel.

Eine beginnende Industrialisierung ermöglicht auch Wirtschafts- und Bevölkerungs-Wachstum. Mit dem wirtschaftlichen Wachstum der Staaten und der Verbesserung der wirtschaftlichen Situation der Menschen nimmt auch die Mobilität der Menschen zu. Andererseits führt die unterschiedliche Aufholgeschwindigkeit aber auch zu einer fortschreitenden Teilung des Kontinents.

Angesichts der Gefahren und Strapazen insbesondere für die „Bootsflüchtlinge“ herrscht in Europa vielfach die Meinung vor, hierbei handele es sich um die „Ärmsten der Armen“, die diese Gefahren aus blanker Not auf sich nehmen. Vor dem Hintergrund der Rahmenbedingungen – eine „Bootsflucht“ kostet neben den Strapazen und den damit verbundenen Gefahren 4000 bis 6000 $, ein Flugticket ca. 500 $ - so ergibt sich allein daraus ein etwas anderes Bild. Man muss sich das auch leisten können! Jedoch: für ein Flugticket benötigt man ein gültiges Visum, wofür in der Regel im Ursprungsland Bürgschaften von bis zu 15.000 $ gefunden werden müssen, und per Flugzeug Einreisende ohne gültiges Visum werden sofort am Zielflughafen abgefangen und zurückgeschickt.

Überlagert werden die „wirtschaftlichen“ Hintergründe der Fluchtbewegung aus Afrika durch Sicherheitsprobleme. Nachdem in den 1990er Jahren von den „New African Leader“ als den Hoffnungsträgern und Perspektiven für eine prosperierende Zukunft dieser Staaten gesprochen wurde, setzte in den 2000er Jahren eine semi-autokratische Reaktion ein. In den 2010er Jahren gibt es nunmehr semi-autoritäre, nicht mehr autokratische Systeme. Gleichzeitig beginnt eine demokratische Konsolidierung (Stichwort: 3. Amtszeit).

Es gibt regionale Sicherheitsmechanismen. 2001 wurde die Afrikanische Union (AU) gegründet. Seither werden automatisch Sanktionen bei Staatsstreichen verhängt (Ägypten, ZAR) und es entwickelt sich eine afrikanische Sicherheitsarchitektur. Es gibt aber Staatsverfallprozesse in der Sahelzone (Mali, Niger, ZAR, auch Libyen), während im Südwesten und Süden relativ ruhige und stabile Verhältnisse herrschen.

Dies alles sind Entwicklungen, die Zeit bis zur Ausgereiftheit benötigen, und die von den Europäern sinnvoll begleitet und unterstützt werden können. Dazu bedarf es auch einer tiefgreifenden Überprüfung der bisherigen Entwicklungshilfe-Praktiken und deren grundlegenden Neuausrichtung. Bis dahin müssen wir uns aber auf weitere Migrationsbewegungen aus Afrika einstellen, eine einfache und schnelle Lösung gibt es offensichtlich nicht.

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