Nachschau - Veranstaltung am 19.03.2015

 
 

Vortrag und Diskussion

zum Thema

Der Supermann am Bosporus –
die Türkei unter Staatspräsident Erdogan

Referent:

Dr. Günter Seufert

Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), Berlin
 

am Donnerstag, 19. März 2015, 19.30 Uhr

im Burgwald-Kasino

 

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vom 24.03.2015

Wissenschaftler spricht über den "Supermann am Bosporus"

Vortrag bei der Gesellschaft für Sicherheitspolitik über den Nahen Osten

Frankenberg. Über „Den Supermann am Bosporus – die Türkei unter Staatspräsident Erdoğan“ referierte Günter Seufert bei einem Vortragsabend der Gesellschaft für Sicherheitspolitik. Der stellvertretende Sektionsleiter Manfred Weider begrüßte den Referenten. Mit seiner kurzen Vorstellung unterstrich Weider, dass die GSP einen Vortragenden verpflichtet hat, der das Land aus eigenem Erleben kennt. Seufert ist Wissenschaftler bei der Stiftung Wissenschaft und Politik, Berlin. Er war 1996 bis 2001 Referent und dann akademischer Leiter des Orient-Instituts, Istanbul; zudem arbeitete er als freier Autor und Journalist in Istanbul. Seine Forschungsgebiete sind unter anderem Kurden im Nahen Osten, die Türkei, Zypern, die EU-Erweiterungspolitik sowie Migration und Islamismus.

Seufert begann mit der Frage: „Warum ist Recep Tayyip Erdoğan auch nach neun gewonnenen Wahlen so erfolgreich?“ Die Beliebtheit Erdoğans leitet Seufert von den Erfolgen seiner Reformen mit Beginn seiner ersten Ministerpräsidentschaft bei der Landbevölkerung ab, der zahlenmäßig stärksten Bevölkerungsgruppe. Besonders die Bekämpfung der Korruption, Abschaffung der Vorherrschaft des Militärs schlagen zu Buche. Dieser Teil der Bevölkerung wird von einem starken Zusammenhalt als muslimische Gesellschaft getragen.

Politisch war lange Zeit die Außenpolitik Ursache für Erdogans Erfolg. Die Umsetzung der Richtlinien des ehemaligen Außenministers, heute Ministerpräsident, Ahmet Davutoğlu brachte viel Sympathie. Davutoğlu wollte mehr Eigenständigkeit der Türkei. Dieser Weg wurde verstärkt eingeschlagen, nachdem der damalige Staatspräsident Nicolas Sarkozy die Beitrittsverhandlungen zur EU stoppte. Auch die Kritik an den USA und Europa sowie die Vision, als Leitnation den türkischarabischen Raum zu gestalten, stärkten das türkische Selbstbewusstsein.

Davon ist wenig übrig geblieben, fuhr der Referent fort. Die Beliebtheit des Präsidenten ist bei der Landbevölkerung ungebrochen. Die Landflucht hat aber die innenpolitische Landschaft stark verändert. Die ländlichen Strukturen wurden in die Städte mitgenommen. Anatolische Bauern wurden Politiker. Es gab einen Riss zwischen der alten Elite und der neuen politischen Klasse. Die schnelle Urbanisierung überfordert die Verwaltung, die Infrastruktur ist mangelhaft. Die Städter sind kritisch, verlangen tatsächliche Meinungsfreiheit und demokratische Strukturen. Von den außenpolitischen Visionen ist laut dem Referenten nichts mehr übrig geblieben.

Den arabischen Raum bezeichnete Seufert als semitischen Bereich, zu dem die Türkei nicht gehört. Die Bekämpfung Assads wird von Erdoğan nicht konsequent umgesetzt. Die Kurden sind durch ihren Einsatz bei der Bekämpfung des IS international aufgewertet worden. Damit haben diese eine wesentlich stärkere Stellung in ihren Forderungen gegenüber der Türkei. Seufert sieht auf lange Sicht die Entstehung einer Eigenständigkeit der Kurden.

Als Fazit beurteilt Seufert die außenpolitischen Ziele der Türkei als gescheitert. Es gibt keine erkennbare neue außenpolitische Strategie. Erdogan sei somit nicht der Supermann am Bosporus. - (r)

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