Nachschau - Veranstaltung am 16.11.2015

 
 

Vortrag und Diskussion

zum Thema

Die Bedrohung durch ISIS –
Wie geht es weiter im Nahen Osten?

Referent:

Dr. Kinan Jaeger

Lehrbeauftragter an der Universität Bonn
 

am Montag, 16. November 2015, 19.30 Uhr
in der Reinhardt-Kaserne
Hohenstaufenstraße 2a, 73477 Ellwangen (Jagst)

 

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vom 16.11.2015

Keine Lösung für Syrien in Sicht

Der Politologe und Islamwissenschaftler Dr. Kinan Jaeger vermittelt die Einsichten eines Insiders

Von Gerhard Königer

Es gibt keine realistischen Szenarien, die zu einer Befriedung oder wenigstens Beruhigung des Nahost- Konflikts führen könnten. Aber viele, die eine jetzt schon schreckliche Lage noch viel weiter eskalieren lassen könnten. Dies vermittelte Dr. Kinan Jaeger am Montagabend im Olgasaal der Reinhardt-Kaserne.

Ellwangen. Der Referent kam auf Einladung der Gesellschaft für Sicherheitspolitik (GSP), Sektion Ostwürttemberg und des Reservistenverbandes. Der Olgasaal war bis auf den letzten Platz besetzt. Die Terroranschläge in Paris hatten dem seit Monaten geplanten Vortrag zu einer ganz besonderen Aktualität verholfen. Dr. Kinan Jaeger, Dozent für Politologie an der Universität Bonn und Fachmann für den Nahost-Konflikt, zeigte die Hintergründe des syrischen Bürgerkrieges sehr detailliert auf. Als Sohn eines syrischen Vaters und einer deutschen Mutter, in Damaskus geboren, mit syrischem Pass, konnte er auch Einblicke in das Denken und Handeln der syrischen Bevölkerung geben.

Er machte deutlich, dass die Bevölkerung in Syrien und im Irak sowohl religiös wie auch ethnisch sehr zersplittert ist insbeund dass die von den damaligen Kolonialmächten willkürlich gezogenen nationalen Grenzen im Volk nie wirklich anerkannt wurden. Das Assad-Regime hielt diesen künstlichen Staat mit eiserner Politik zusammen. Der Islamische Staat gebe nun den jungen Muslimen erstmals die Perspektive eines eigenen echten Staates. „Der IS ist keine Dilettantentruppe“, machte Jaeger deutlich. Seine Kämpfer stünden vor Damaskus und Aleppo, Millionenstädte, deren Bevölkerung ohnehin auf gepackten Koffern sitze. Wenn es dem IS gelinge, in diese Städte einzudringen, würden alle bislang genannten Zahlen über noch zu erwartende Flüchtlinge obsolet.

Der Terror, den die IS-Kämpfer nach Europa tragen, lebe einerseits von dem Gedanken, Vergeltung für Verbrechen der Kolonialzeit zu üben. Andererseits habe der IS tatsächlich den Anspruch, sein Kalifat auf jene Länder auszudehnen, die einst schon unter dem Einfluss der Osmanen standen. Eine Karte, die im Internet kursiert, zeigt einen IS-Staat, der bis nach Österreich und Frankreich reicht.

Besonders fatal ist der Syrien-Konflikt, weil er zum Spielfeld der großen Mächte geworden ist, glaubt Jaeger. Russland, die Türkei, Iran und Saudi Arabien sowie die USA wollen aus dem Syrienkrieg Profit schlagen und liefern Waffen, egal für wen. Für viele Sunniten ist offenbar der IS der einzige Beteiligte mit integren Absichten.

Kinan Jaeger befürchtet eine Zersplitterung, eine „Balkanisierung“ des Nahen Ostens und sieht für Zentralafrika bereits dieselbe Entwicklung voraus, weil dort ebenfalls labile Regierungen in willkürlich gezogenen Staatsgrenzen die Konflikte nicht stoppen können.

„Die Situation wird sich für Europa weiter verschärfen“, meinte er „und die Syrer fühlen sich im Stich gelassen, weil niemand etwas unternimmt.“ Putin habe in Syrien auch Sympathien gewonnen, weil er sich einmischte „und zu stabilisieren versucht, was noch da ist“. Mittlerweile wachse auch in Europa die Einsicht, dass man nur mit Assad zu einer Lösung komme und den IS zurückdrängen könne.

Jaeger stellte die Thesen der italienischen Terrorexpertin Loretta Napoleoni in den Raum, die dazu auffordert, den IS als neue Staatsgründung zu akzeptieren. Und die von Jürgen Todenhöfer, der behauptet, die Luftangriffe auf IS würden den Terroristen in die Hände spielen, weil die Bevölkerung dadurch erst recht radikalisiert werde.

Jaeger selbst machte keine konkreten Vorschläge, wie man die Region befrieden könne. Westliche Bodentruppen seien keine Option, allenfalls könne man mit Verbündeten vor Ort gegen den IS erfolgreich vorgehen. Europa und insbesondere Deutschland habe bei den am Mittelmeer lebenden Syrern ein hohes Ansehen, was bislang von den Europäern nicht genutzt werde. Wenn nicht gleich einen Marschallplan, so böte sich doch zumindest ein Hilfsprogramm an, mit dem man den Menschen in schwieriger Lage helfen könne.

Dem spannenden Vortrag schloss sich eine rege Fragerunde an. Eingangs hatte GSP-Sektionsvorsitzender Gerhard Ziegelbauer zu einer Schweigeminute für die Opfer von Paris gebeten.

 
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