Nachschau - Veranstaltung am 20.11.2014

 
 

1. Veranstaltung

der Wintervortragsreihe 2014 / 2015

 

Thema des Abends:

Medizinmann auf Friedensmission

Erlebnisse eines Bundeswehrsoldaten im Kaukasus

Referent:

Herbert R. Bauer

Oberstabsfeldwebel a.D.
 

am Donnerstag, 20. November 2014, 19:00 Uhr

im großen Festsaal des Stadthauses
Markt 2, 06108 Halle (Saale)

 
 
Eigenbericht der Sektion Halle (Saale)

Ein Medizinmann auf UN-Friedensmissionen

Stadthaus Halle: Vortrag eines Bundeswehrsoldaten über seine Erlebnisse im Kaukasus

Von Ernst W. Speidel
Der Referent OStFw a.D. Herbert R. Bauer bei seinem Vortrag. - Foto: Manfred Kamprad

Dass Beobachter, die von den Vereinten Nationen an bestimmten Brennpunkten der Erde eingesetzt sind, vor Ort nicht von allen als „Freunde“ empfunden werden, hat Oberstabsfeldwebel a.D. Herbert R. Bauer aus Halle (Saale) als Sanitätssoldat am eigenen Leib erfahren – einschließlich seiner Erlebnisse als Geisel. Im großen Festsaal des Stadthauses berichtete er davon. Es war der erste Abend der Wintervortragsreihe, die von der Gesellschaft für Sicherheitspolitik e.V. - Sektion Halle (Saale) mit Unterstützung durch den Verband der Reservisten der Deutschen Bundeswehr e.V. (VdRBw) – Landesgruppe Sachsen-Anhalt und die Stadt Halle (Saale) durchgeführt wurde.

Zunächst ging es um die Beobachtermission der Vereinten Nationen in Georgien („United Nations Observer Mission in Georgia“, kurz UNOMIG). Der Referent hat dort zwischen 1996 und 2009 sieben Einsätze mitgemacht, mit insgesamt 1.500 Tagen Dauer, also zusammen mehr als vier Jahren. Er zeigte Bilder dieses Landes mit einer vielfach schneebedeckten Mittelgebirgslandschaft, die höher und unwegsamer wirkte als Harz oder Erzgebirge. Flussläufe und Auen stellten teils schwer überwindbare Trenn- oder Sperrlinien zwischen verschiedenen Ländern oder Regionen dar, und wegen der unzureichenden Verkehrserschließung waren Hubschrauber unabdingbar. Allerdings mussten die Beobachter für ihre Aufgabe an den Orten körperlich präsent sein und deshalb ihre Bewegungen meist zeitaufwändig am Boden zurücklegen.

Die UNOMIG-Beobachtermission sollte nach einem VN-Beschluss von 1993 das Durchsetzen des Waffenstillstandsabkommens zwischen Georgien und der abchasischen Regierung kontrollieren und die in der Region tätigen GUS-Friedenstruppen beobachten. Die UNOMIG-Kräfte bestanden jeweils aus ca. 120 Soldaten/Uniformierten und ca. 150 zivilen Beobachtern aus 26 Ländern. Diese Kräfte, alle unbewaffnet in einem Friedenseinsatz, wurden durch eine bewaffnete militärische Schutztruppe in etwa gleicher Stärke gesichert.

Diese militärische Schutztruppe wurde, einer Bedingung für den VN-Beschluss zufolge, ausschließlich von Russland gestellt. Daher mussten alle Patrouillen rechtzeitig zwischen UNOMIG und der RUS-Schutztruppe abgesprochen werden, sodass beide Seiten planen konnten. Trotz des Einsatzes von Dolmetschern waren Kenntnisse der russischen Sprache für die UNOMIG-Kräfte von Vorteil. Zwingend erforderlich bei UNOMIG aber waren Englischkenntnisse, da Englisch als gemeinsame Sprache der internationalen Einsatzkräfte aus den Teilnehmerstaaten der Community of Independent States (CIS) genutzt wurde.

Für Herbert Bauer, zu diesem Zeitpunkt schon ca. 15 Jahre im Sanitätsdienst der Bundeswehr ausgebildet und eingesetzt, bedeutete diese neue Aufgabe weitere zwei Jahre Ausbildung. Er sollte für zivil-militärische Zusammenarbeit (CIMIC = Civil-Military Co-Operation) als CIMIC-Feldwebel ebenso wie für seinen Einsatz in einem „Operational Mentoring and Liaison-Team (OMLT)“ , also einem Ausbildungs-, Betreuungs- und Verbindungsteam, vorbereitet und ausgebildet werden und seine englischen Sprachkenntnisse vertiefen.

Zuhörer des GSP-Vortrags im Stadthaus. - Foto: Manfred Kamprad

Die deutsche Sanitätstruppe war bei diesen Einsätzen jeweils mit drei Sanitätsstabsoffizieren, drei Sanitätsoffizieren (Ärzten) und drei Sanitätsfeldwebeln beteiligt, die ihrerseits vor Ort auf drei Sektoren verteilt arbeiteten. Aufgabe der Mission war es, Verletzungen des Waffenstillstandes auf Wunsch der beteiligten Parteien vor Ort zu untersuchen und nach Möglichkeit zu lösen; auch die erforderliche, zweckmäßige und mögliche sanitätsdienstliche Versorgung sollte sichergestellt werden. Durch tägliche Patrouillen in gepanzerten Fahrzeugen, aber selbst unbewaffnet, wurden entmilitarisierte Sicherheitszonen beobachtet und überwacht.

Dazu gehörten die Waffenstillstandslinie entlang der stellenweise drei Kilometer breiten Flussaue des Inguri, die beiderseits angrenzenden Regionen Gali und Zugdidi und die Kodori-Schlucht im Großen Kaukasus, in der die Einsätze in Höhen von 750 m über N.N. bis auf über 2.000 m stattfinden konnten. Das Hauptquartier der UNOMIG war in Sukhumi. Bauer zeigte plastische Bilder einer Patrouille, bei der auch eine Antonov 26 zum Einsatz kam. Dieser Film war aus einem Einsatz-Hubschrauber vom Typ MI 8 aufgenommen, der von einem ukrainischen Piloten geflogen wurde.

Den Patrouillen, berichtete der Referent, ging jeweils ein Einsatzbefehl (patrol order) voraus, den auch die RUS-Schutztruppe kennen musste, um rechtzeitig für alle Vorhaben bereit zu sein. Bauer beschrieb die Umgebung um das Kodori-Tal als „Natur pur“. Dort musste man bei weichem Schnee zwar mit abgehenden Lawinen rechnen, aber für Gebirgsstellungen war es trotzdem nutzbar und deshalb auch zu beobachten oder zu überwachen. Als nachteilig erwies es sich, dass die RUS-Schutztruppen maximal bis zu Höhen von 800 m über N.N. aufsteigen und „in höheren Lagen ihrer Aufgabe nicht mehr nachkommen wollten“, wie der Referent erklärte.

Bei einem Einsatz Anfang Juni 2003 im Bereich des Kodori-Tals geriet Bauer in eine gefährliche Lage: Am 5. Juni um 9 Uhr sollte eine Fahrt nach Norden beginnen bis zu einer Brücke, von der aus ein Fußmarsch an der anderen Flussseite zu einem Beobachtungspunkt vorgesehen war. Auf einem Ural-Lkw saßen das vierköpfige UNOMIG-Team und vier RUS-Schutztruppen-Soldaten nebeneinander. Die Schutztruppe hatte ihre Waffen AK47 – wie meistens – weit vom Körper entfernt an einer Bordwand aufgehängt. So fuhr das Fahrzeug los.

Gegen 09.15 Uhr wurde das dumpfe Ural-Motorengeräusch plötzlich von Feuerstößen übertönt. Der Lkw musste anhalten. Die Besatzung bemühte sich, auf der Ladefläche in Deckung zu gehen; die Russen versuchten an ihre Waffen zu kommen – vergeblich. Dann kam, auf russisch, die Aufforderung, die Hände zu heben, aufzustehen und vom Fahrzeug zu steigen. Einige Maskierte trennten die russischen Soldaten vom UNOMIG-Team, zu dem außer dem Referenten ein deutscher Major, ein dänischer Hauptmann und ein georgischer Übersetzer gehörten.

Das Team musste sein Gepäck aufnehmen und auf Aufforderung und in Beleitung der Maskierten zu Fuß in die Berge hoch klettern, mehrere Tage lang, auch mit Pausen, Nachtruhen und Verpflegung. Danach wurden den Gefangenen die Augen verbunden, alle wurden aneinander gefesselt und mussten so langsam weiter marschieren. Auf einem ebenen Weg wartete ein kleiner russischer Geländewagen, mit dem es weiterging. Die Entführten erfuhren, sechs Tage nach der Entführung, dass ihnen gleich der Gouverneur des Kodori-Tales die Augenbinden abnähme, dann seien sie frei. So geschah es auch. Sie waren körperlich unbeschädigt. Nach Kenntnis des Referenten wurde bisher nicht geklärt, wer die Entführer waren und mit wessen Hilfe sie wieder frei gekommen waren.

Der Referent beschrieb auch die Verarbeitung dieser Erlebnisse durch ihn und seine Familie, in der seine Frau sehr gelitten und auch seine Tochter sich um ihren Vater gesorgt hatte. Beide waren vor Ort bei diesem Vortrag dabei, sodass anschließend viele Zuhörer den Kontakt suchten und ihr Mitgefühl ausdrückten.

GSP-Sektionsleiter Speidel bedankt sich beim Referenten Herbert R. Bauer für seinen spannenden Vortrag. - Foto: Uwe Weber

Zusätzlich berichtete Bauer kurz über seine drei ISAF-Einsätze in Afghanistan (283 Tage). Er machte deutlich, dass er dabei bewaffnet eingesetzt gewesen sei, auch wenn sich seine Aufgaben dabei nicht so sehr von seinen anderen Einsätzen unterschieden hätten: Zum einen ging es hier um die Koordinierung der sanitätsdienstlichen Unterstützung der eingesetzten Truppen, daneben aber um die Verbindung zur ANA, der afghanischen Armee und um die Ausbildung und Betreuung der dortigen Sanitätskräfte.

Herbert R. Bauer hat seine Erlebnisse bei UNOMIG schon 2007 unter dem Titel „Medizinmann auf Friedensmission - Erlebnisse eines Bundeswehrsoldaten im Kaukasus“ unter ISBN 3-86703-497-4 als Buch beim Engelsdorfer Verlag, Leipzig veröffentlicht.

Nach oben Zurück