Nachschau - Veranstaltung am 14.10.2015

 
 

Vortrag und Diskussion

zum Thema

Adler und Drache auf Konfliktkurs?

Der Aufstieg Chinas und die sicherheitspolitischen Folgen
in Asien und im Pazifik

Referent:

Enrico Fels M.A.

Center for Global Studies der Universität Bonn
 

am Mittwoch, 14. Oktober 2015, 18.00 - 20.00 Uhr
im Le Manège
Am Neuen Markt 9 a/b, 14467 Potsdam

 
Foto: Uni Bonn/Center for Global Studies
 

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Bericht der Sektion Potsdam

Adler und Drache auf Konfliktkurs?

Von Dr. Kurt Hecht und Enrico Fels

„Der Aufstieg Chinas und die sicherheitspolitischen Folgen in Asien und im Pazifik" war Thema eines gemeinsamen sicherheitspolitischen Vortragsabends der Gesellschaft für Sicherheitspolitik, Sektion Potsdam, der Konrad Adenauer Stiftung, der Deutschen Atlantischen Gesellschaft und dem Reservistenverband, Landesgruppe Brandenburg im Potsdamer „Le Manège“. Es referierte Herr Enrico Fels M.A. vom Center for Global Studies der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn.

Der Wissenschaftler stellte höchst anschaulich und unterlegt von vielen Zahlen und Fakten, eindrucksvoll dar, welchen bedeutenden globalen Bedeutungszuwachs die Großregion Asien-Pazifik seit Ende des Kalten Krieges erfahren hat und wie eng diese Entwicklung mit dem Aufstieg Chinas verbunden ist.

Die Volksrepublik konnte in den letzten dreißig Jahren fast durchgängig zweistellige Wachstumsraten des BIP erzielen, im Oktober 2014 überholte die chinesische Wirtschaft kaufkraftbereinigt sogar jene der USA. Kein anderes Land der Erde hat in der Menschheitsgeschichte je in so kurzer Zeit so viel zusätzlichen Wohlstand anhäufen können. Selbst in der jüngsten Zeit kann China hohe Wachstumsraten vorweisen, die trotz der ähnlich großen BIPs noch mehr als die dreifachen Wachstumszahlen im Vergleich zu den USA vorweisen, so der Referent.

Alles in allem hat diese wirtschaftlichen Entwicklung im Verbund mit der veränderten geopolitischen Situation nach dem Ende des Kalten Krieges eine Großmachtkonkurrenz zwischen China und den USA, den beiden bedeutsamsten Akteuren der Region, ausgelöst. Obgleich wirtschaftlich eng miteinander verzahnt, befinden sie sich mittlerweile in einer stetig ansteigenden sicherheitspolitischen Konkurrenzsituation, betonte Fels. Angesichts historischer Präzedenzfälle ist dies nicht verwunderlich, gibt allerdings Anlass zu Sorge – auch für Europa: Seit 1500 ist es in 11 von 15 Fällen, in denen eine aufsteigende auf eine etablierte Großmacht traf, zum Krieg gekommen.

Empirisch lässt sich zudem nachweisen, dass die wirtschaftliche Entwicklung in Asien-Pazifik massive Folgen für die militärische Rüstung aller Länder in der Region hatte und hat – insbesondere China hat diesen Trend vorangetrieben. Mittlerweile gibt die Volksrepublik mehr für das eigene Militär aus als alle anderen Regionalstaaten zusammen. Kein anderes Land der Welt baut mehr U-Boote und Kriegsschiffe. Auch ist der Abstand zu den Amerikaner enorm gesunken: Gab Washington am Ende des Kalten Krieges noch fast 25 mal soviel für das Militär aus, sind die amerikanischen Rüstungsausgaben 2014 weniger als dreimal höher als die chinesischen, erläuterte der Wissenschaftler.

Chinas massive Aufrüstung ist besonders angetrieben durch die eigene, sehr delikate geostrategische Lage. Die Volksrepublik hat – nicht zuletzt aufgrund der starken wirtschaftlichen Verknüpfung mit dem Rest der Welt – eine große Abhängigkeit gegenüber der maritimen Sphäre entwickelt. Die Weltmeere wie auch jene ‚Flaschenhälse’, durch welche die globalen Hauptschiffsfahrtrouten (SLOC), verlaufen, werden indes von der US-Marine kontrolliert. Dieses ‚Malacca-Dilemma’ sowie die eigene, jahrhundertelang währende Hegemonie über weite Teile Asien-Pazifiks, die nur durchbrochen wurde durch überlegene westliche Militärtechnologies und politische Fragilität Chinas im Zuge der Opium-Kriege Mitte des 19. Jahrhunderts, treiben China – ganz in Übereinstimmung mit der Theorie des offensiven Realismus (Mearsheimer) – dazu, die regionale Stellung der USA zunehmend zu unterminieren. Verschärfend kommt hierbei hinzu, dass trotz der engen wirtschaftlichen Abhängigkeit zwischen China und den USA Studien gezeigt haben, dass die Eliten in Peking und Washington einander misstrauisch gegenüberstehen und der anderen Seite verdeckte, sinistere Motive unterstellen.

Um seine maritime Abhängigkeit, die u.a. die Versorgung mit Erdöl betrifft, zu reduzieren, führte der Referent aus, verfolgt China verschiedene Strategien. Zum einen wird Zentralasien als Transportraum nach Europa, einem der wichtigsten Handelsräume der Volksrepublik, stark ausgebaut. Dies beinhaltet u.a. die beiden Eurasischen Landbrücken, durch welche mittlerweile u.a. Spanien über Güterzüge quasi direkt an Chinas Küstenprovinzen angeschlossen ist. Auch Deutschland profitiert von dieser infrastrukturellen Entwicklung, welche die Transportzeiten von Gütern drastisch reduziert (8-10 per Zug vs. 45 Tage auf See). Für diese Herausbildung war und ist die Partnerschaft mit dem einstigen regionalen Hegemon Zentralasiens – Russland – notwendig. Die zunehmende Entfremdung zwischen dem Westen (Stichworte Osterweiterungen von NATO und EU sowie Georgien- und Ukraine Krise) spielt Peking dabei besonders in die Hände; Russland ist angesichts der sicherheitspolitischen Drohkulisse und der ökonomischen Sanktionen leichter für die chinesischen Pläne zu gewinnen. In Zentralasien herrscht mittlerweile ein strategisches Kondominum der beiden eurasischen Giganten (u.a. via SCO, die nunmehr auch die russisch-dominierte Eurasische Union und die chinesische Silk Road Economic Belt-Strategie vereinen soll). Darüber hinaus baut Peking ‚Abkürzungen’, i.e. Pipelines und Transportwege, durch Myanmar/Burma und Pakistan, um die Wegstrecke der eigenen Waren- und Energietransporte zu verkürzen. Schließlich versucht die Volksrepublik – bis dato sehr erfolgreich – unter Beugung, wenn nicht gar Bruch des internationalen Seerechts, die Oberhoheit über das strategisch bedeutsame Südchinesische Meer zu gewinnen (größter maritimer Handelskorridor der Welt, sehr energie- und nahrungsmittelreich), betonte Fels.

Obgleich aus chinesischer Sicht damit nur jener Zustand wiederhergestellt werden soll, der vor der Zeit der Opiumkriege, welche zu einer massiven Schwächung Chinas und der bis heute noch anhaltenden westlichen Vorherrschaft in der Region beitrugen, über Jahrhunderte galt, sind die USA ganz im Sinne ihrer Rolle als globale Großmacht keinesfalls gewillt, die eigene regionale Vorherrschaft widerstandslos aufzugeben. Dies deutet schwierige Zeiten für die Region und über sie hinaus an. Angesichts der engen sicherheitspolitischen Verbundenheit Europas mit den USA sowie der gleichfalls bedeutsamen wirtschaftlichen Verflechtung mit China stehen die Länder Europas damit vor einer weiteren besonderen Herausforderung in dieser krisengeplagten Zeit.

Die Fragen der zahlreichen Teilnehmer wurden nach dem Vortrag bereitwillig und sehr interessant beantwortet. Bei einem anschließenden Umtrunk stellte sich der Referent weiteren Gesprächen in kleinerer Runde.

Man war sich einig, zu dieser Thematik werden weitere Episoden in der Sicherheitspolitik der USA und der Volksrepublik Chinas folgen.

 
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