Nachschau - Veranstaltung am 26.11.2014

 

Ja, wir haben gelernt

Dr. Martin Stupperich referierte über die Lehren der Weltkriege

Der Vortrag von Dr. Martin Stupperich stieß auf ein großes Publikumsinteresse - Foto: Hans-Dieter Kück

Bremervörde (hdk). Welche Lehren haben wir aus den beiden Weltkriegen und der Zeit dazwischen gezogen? Diese Frage stand im Mittelpunkt eines Vortrages im EWE-Kundencenter Bremervörde. Referent zu dem Thema war Oberstudiendirektor a.D. Dr. Martin Stupperich, Hannover. Der ehemalige Leiter des Gymnasiums Leibniz-Schule und Ehrenvorsitzende des Nds. Geschichtslehrerverbandes, gilt als ein ausgezeichneter Kenner der Materie und konnte dies in seinem Vortrag auch eindrucksvoll belegen.

Dr. Stupperich, der auf Einladung der Sektion Elbe-Weser der Gesellschaft für Sicherheitspolitik und des Reservistenverbandes nach Bremervörde gekommen war, stellte in seinem Vortrag fest, dass man bei Betrachtung der Gesamtheit der letzten 100 Jahre es bei der Beantwortung der Frage, was gelernt wurde, eher mit einem Jein antworten müsste. Sicherlich habe man gelernt, wobei man aber hinterfragen müsse, wer denn nun gelernt habe. Und was noch wichtiger ist: Was wurde gelernt? Dr. Stupperich stellte dazu fest, dass eigentlich zu allen Zeiten gelernt wurde. Aber von historischem oder politischen Interesse ist nur, was eine größere Gruppierung, noch besser wäre die Mehrheit der in Frage kommenden Bevölkerung für Lehren daraus gezogen habe. Für Deutschland war kennzeichnend, dass es nach dem 1. Weltkrieg eine starke politische Spaltung gab, die sogar verhinderte, dass ein gemeinsames Gedenken an die eigenen Toten des Weltkrieges stattfinden konnte.

Eingehend befasste sich der Referent mit den politischen Geschehnissen des 1. Weltkrieges und den Wirren des Übergangs zum 3. Reich. Hier sah er eine besondere Entwicklung durch die Akzeptanz des Nationalsozialismus in der Bevölkerung. Heute hätten Forschungen ergeben, dass nicht die extremistischen Inhalte gewählt wurden, sondern man sich die Nationalsozialisten als Gegenpol zur Politik der republikanischen „Verräter“ und nahm sie als Sachwalter der eigentlichen deutschen Interessen wahr Hitler wurde als Heilsbringer gesehen, der Deutschland aus den Fesseln des Versailler Vertrages befreite. Die Kündigung dieses Vertrages und der Austritt aus dem Völkerbund gehörten zu den ersten Maßnahmen, die die neue Regierung nach der Machtübernahme in die Tat umsetzte. Man hatte nicht erkannt, dass der Völkerbund und der Versailler Vertrag dazu dienen sollten, in Europa eine friedliche Entwicklung einzuläuten.

Der Referent referiert im EWE - Kundenzentrum - Foto: Hans-Dieter Kück

Dr. Stupperich zeigte auf, wie sich die Entwicklung in Deutschland, geprägt auch durch die Präsidialdiktatur und der neuen Reichsregierung ab 1933, wandelte. Der Abbau der Arbeitslosigkeit und der wirtschaftliche Aufstieg Deutschlands waren hohe Erwartungen der Wählerschaft. Es wurde erst später deutlich, dass alle Maßnahmen, die die Politik nun voranbrachte, der Vorbereitung eines Revanchekrieges dienten. Nach außen wurde immer die Friedensbereitschaft beteuert, was gerade in den westlichen Staaten gern gehört wurde. Der Abbau der ungeheuren Arbeitslosigkeit, Autobahnbau und Schaffung von Sozialprojekten dienten auch der Pflege der Stimmung in der Bevölkerung. Letztlich waren aber alles dieses Vorbereitungen auf einen Revanchekrieg, sozusagen einer Fortsetzung des 1. Weltkrieges, der als nicht beendet angesehen wurde.

Die Entwicklung in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg verlief völlig anderes als nach dem Ersten. Das hatte seinen Grund in der veränderten Weltlage. Es bahnte sich ein Ost-West-Gegensatz an. Das westliche Deutschland wurde nun mit eingebunden in die westlichen Verteidigungspläne. Das hatte auch zur Folge, dass immer mehr öffentliche Posten von ehemaligen Nazis besetzt wurden. Auch das Rechtswesen wurde wieder weitgehend mit ehemaligen NS-Juristen besetzt und auch in anderen Führungspositionen fanden sich mit NS-Angehörigen wieder.

Wurde nun wieder nichts gelernt? Dr. Stupperich betonte, dass man nicht befürchten solle, dass wieder nichts gelernt worden sei. Das Lernen begann nur mit deutlicher Verspätung. Er führte dazu aus, dass gerade der Generationswechsel zu einem innerpolitischen Bruch mit der Vergangenheit geführt habe. Jetzt begann nach seinen Worten das Lernen, jetzt wurde die Vätergeneration hinterfragt und nicht selten auch radikal verurteilt. Gerade die 68er Generation setzte sich bewusst von den politischen Vorlieben der Eltern ab. Aber es dauerte dennoch lange, bis auch die konservativen Parteien und Liberalen zu einer eindeutigen und einheitlichen Haltung fanden.

Das wichtigste Lernergebnis ist nach seinen Worten das Projekt Europa. Heute hat man erkannt, dass es kein Alleinvertretungsanspruch einer Nation mehr gibt. Gerade die guten Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland sind hier Vorbild. Hier ist gelernt worden und der Lernprozess wird beständig weiter ausgebaut. Der Referent machte dieses an verschiedenen Bildungsprojekten, wie z.B. einem gemeinsamen deutsch – französischen Geschichtsbuch deutlich. Hier wurde die Zeit von 1815 bis 1945 aufgearbeitet, so der Redner, der hierin einen gelungenen Weg sah. Wenn irgendwo gelernt wurde, dann hier. Der grundsätzliche Erfolg dieses Schulbuch-Projektes gibt Mut, das andere, ebenfalls notwendige Geschichtsbuch anzugehen: Das deutsch-polnische Geschichtsbuch. Die Arbeiten sind bereits im Gang, man darf auch hier auf das Ergebnis gespannt sein.

Am Ende seines Vortrages stellte Dr. Stupperich fest: Die Ausgangsfrage: „Haben wir gelernt?“ kann beantwortet werden mit „Ja wir haben gelernt“: nämlich 1. Krieg ist nicht mehr selbstverständliches Mittel der Politik, 2. Deutschland ist ein verlässlicher Rechtsstaat, 3. Deutschland und Frankreich handeln auf der Grundlage gegenseitiger Freundschaft, 4. Das gemeinsame Europa ist ein großangelegtes Versöhnungsprojekt. Fazit: Es wurde gelernt, wenn auch erst spät!

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