Nachschau - Veranstaltung am 01.09.2016

 
 

Vortrag und Diskussion

zum Thema

Freiwilliger Wehrdienst
in Deutschland

 
Referentin:

Rabea Haß M.A.

Soziologin, Goethe-Universität Frankfurt am Main
 

am Donnerstag, 01. September 2016, 18:30 Uhr (!)
im Offizierheim neben der Graf-Werder-Kaserne
Wallerfangerstraße 33, Saarlouis

 

*****

 
Bericht der Sektion Saar

Wer dient Deutschland?

Vortrag über Freiwilligen Wehrdienst in Deutschland

Von Klaus Zeisig

Mit dem Thema „Freiwilliger Wehrdienst in Deutschland“ hatte sich die Referentin des Abends, die Soziologin Dr. Rabea Haß aus Frankfurt, schon während ihres Master-Studiums befasst und im vorigen Jahr das Ergebnis einer jüngst diesbezüglich durchgeführten Studie veröffentlicht.

Ausgangslage war die Entscheidung der Bundesregierung und des Deutschen Bundestages, die Allgemeine Wehrpflicht zum 01. Juli 2011 auszusetzen. Damit folgte Deutschland einem Trend vieler westlicher Staaten.

Ausschlaggebende Gründe für diese Entscheidung waren
- die damalige sicherheitspolitische Lageentwicklung,
- eine nicht zu erreichende Wehrgerechtigkeit bei der Einberufungspraxis,
- der gesetzlich ausgeschlossene Einsatz Wehrpflichtiger in den zunehmenden Auslandseinsätzen,
- die für eine hinlängliche Ausbildung von Spezialisten in hoch technisierten Streitkräften zu kurze Wehrdienstzeit von 6 Monaten,
der hohe personelle und finanzielle Aufwand für die Ausbildungsorganisation der Grundwehrdienstleistenden.

Seitdem tritt die Bundeswehr bei der Rekrutierung ihres Nachwuchses als ein „Arbeitgeber wie jeder andere“ auf einem vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung immer enger werdenden Arbeitskräftemarkt auf. Angesichts der besonderen Anforderungen an den Soldatenberuf muss sie dabei jedoch ein besonderes Augenmerk auf die Qualitäten und Fähigkeiten in Frage kommender Bewerber richten. Andererseits kann das Konzept nur dauerhaft funktionieren, wenn Zufriedenheit der Bewerber mit ihrer Berufswahl – oftmals aufgrund der Besonderheiten des militärischen Dienstes auch nur für eine begrenzte Zeit! – erreicht wird.

Mit dem FWD, der gleichsam aus der Kontinuität des Wehrpflichtmodells entstand, sollten als Ziele die Beibehaltung der Staatsbürgerpflicht, eine Sozialisationsinstanz, ein Rekrutierungsinstrument, Zivil-militärische Interaktion, Integrative Kraft und kostengünstiges Personal im Mannschaftsbereich erreicht werden.

Zusätzliche sollte ein Beitrag zu einer neuen „Kultur der Freiwilligkeit“, die Erschließung neuer Zielgruppen und ein Beitrag zur Einsatzorientierung bewirkt werden.

Vor diesem Hintergrund war eine einrichtungsneutrale Bestandsaufnahme der Zufriedenheit der Bewerber im Rahmen einer externen Studie zweifellos angebracht.

Zunächst stellte sich die Frage nach dem Menschentypus und seinen Motiven und Erwartungen an den Freiwilligen Wehrdienst in der Bundeswehr.

Soziologisch unterscheidet die Studie zwischen
- dem idealen Soldaten (dienender Staatsbürger, überzeugter Soldat),
- dem Angepassten (der Pflichtbewusste, der Pragmatiker) und
- dem Egotaktiker (der Selbstoptimierer, der Alternativlose).

Während die ersten beiden Kategorien auf den ersten Blick relativ problemlos in den aktiven Dienst der Streitkräfte integrierbar erscheinen – sie reichen aber vom Aufkommen her offensichtlich nicht aus, den Bedarf der Streitkräfte abzudecken – bedarf die dritte Kategorie eines besonderen Augenmerks.

Die idealen Soldaten haben im Allgemeinen eine sehr hohe Identifikation mit der Bundeswehr, Auslandseinsätze gehören zum Soldat-Sein, sie haben hehre Ansprüche an sich selbst, die Kameraden und die Organisation, mitunter führt eine Überidentifikation zu einer gewissen Entfremdung vom Zivilen, ihre hohen (vielleicht auch überhöhten?) Erwartungen werden im Alltag meist enttäuscht.

Die Angepassten kennen die Bundeswehr oft aus dem familiären Umfeld, für sie ist eine materielle Sicherheit sehr wichtig, sie sind loyal gegenüber der Organisation, haben ein hohes Pflichtbewusstsein, sind leicht zufriedenzustellen, sind oft sehr unkritisch und neigen mitunter zu blindem Gehorsam.

Die Egotaktiker haben im Allgemeinen einen niedrigen Identifikationsgrad, haben stark auf das Nützliche ihres Tun ausgerichtete Motive, der persönliche Nutzen steht im Vordergrund, sie sehen Auslandseinsätze meist kritisch und können sich einen eigenen Einsatz nicht vorstellen, ihre Verpflichtungszeit beläuft sich oft auf weniger als 12 Monate, sie teilen die Werte und Aufgaben der Bundeswehr nur sehr bedingt, sie sind gleichzeitig aber ein gutes Korrektiv für die Organisation. Diesem Typ gehören junge Menschen an, die über keine andere Laufbahn in die Bundeswehr eingetreten wären.

Während die Befragten der Allgemeinen Grundausbildung mit interessanter und fordernder Dienstgestaltung noch ein gutes Urteil ausstellen, wandelt sich dies bei der Bewertung des Alltags des militärischen Dienstes in den Kasernen in eine starke Ernüchterung bis hin zur Enttäuschung.

Dies ist – wie auch die anschließende Aussprache zeigte – kein neues Symptom, sondern war auch schon vor Jahrzehnten zu Zeiten der „guten alten Wehrpflicht“ die praktische Erfahrung der Grundwehrdienstleistenden.

Unbeschadet einer interessanten und die Menschen einer Organisation/eines Unternehmens zufriedenstellenden und sie „mitnehmenden“ Aufgabe hat dieses Symptom heute unter den oben geschilderten Rahmenbedingungen eine besondere Brisanz und sollte den Verantwortlichen in der Bundeswehr Anlass zum Nachdenken geben.

 
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