Nachschau - Veranstaltung am 02.02.2017

 
 
 

Vortrag und Diskussion

zum Thema

Zwischen Aufruhr, Aufbruch und Aufstieg –
Die vielen Seiten Afrikas

 
Referent:

Dustin Dehez

Managing Partner der Manatee Global Advisors GmbH, Frankfurt/Main
 

am Donnerstag, 02. Februar 2017, 19.30 Uhr
im Offizierheim neben der Graf-Werder-Kaserne
Wallerfangerstraße 33, Saarlouis

 

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Bericht der Sektion Saar

Zwischen Aufruhr, Aufbruch und Aufstieg

Erkenntnisreicher Vortrag über die vielen Seiten Afrikas

Von Klaus Zeisig

Dustin Dehéz, Managing Partner der Manatee Global Advisors GmbH, einem weltweit agierenden Strategie- und Politikberatungsunternehmen war jüngst Gast der Sektion Saar. Der studierter Historiker und Publizist aus Frankfurt, der den überwiegenden Teil des Jahres in Accra/Ghana lebt, trug facettenreich und authentisch vor interessiertem Publikum zu den vielen Seiten Afrikas vor.

Gleich zu Beginn wies Dehéz einschränkend darauf hin, dass es auch trotz seiner häufigen innerkontinentalen Reisen angesichts der Größe des afrikanischen Kontinents mit seinen 54 Staaten „den“ Afrika – Experten schlechthin nicht geben könne.

Durch klare Gliederung in die Bereiche Politische Herausforderungen, Wirtschaftlicher Aufbruch, Neue Mächte in Afrika und Sicherheitspolitische Herausforderungen gewann der Zuhörer einen guten Überblick über die derzeitige Situation und sich abzeichnende Herausforderungen.

In den 1990er Jahren keimte nach dem Sturz autoritärer Regime durch „New African Leaders“ zunächst Hoffnung auf nachhaltige demokratische Entwicklungen auf, die aber in den 2000/2010er Jahren autoritäre Reaktionen unter dem Deckmantel „afrikanischer Lösungen“ z.B. durch Festklammern einiger Führer an laut Verfassung nicht vorgesehenen dritten Amtszeiten (Uganda, Niger, Republik Kongo, Sambia, Demokratische Republik Kongo, Ghana und Somalia) Rückschläge erlitten. Dennoch wuchs das Vertrauen in demokratische Systeme. So schätzten laut „Afrobarometer“ in einer Umfrage gut 40 % der Bürger die Wahlen als frei und fair, weitere ca. 38 % als frei mit kleineren oder größeren Problemen ein.

Die Herausforderung schlechthin besteht aber in dem enormen Bevölkerungswachstum von derzeit ca. 1,3 Milliarden auf über ca. 4 Milliarden im Jahre 2100. Angesichts fehlender Sozialsysteme und fehlender sozialer Altersversorgung besteht die Vorsorge für Krankheit und Alter insbesondere in der Unter- und Mittelschicht immer noch in einer großen Kinderzahl.

Die politische Integration ist vorangeschritten. Seit 2001 gibt es die „Afrikanische Union“, der künftig alle Staaten Afrikas angehören werden, nachdem Marokko seine Ambitionen, Mitglied der EU zu werden, derzeit aufgegeben hat. Die „AU“ greift ein und verhängt Sanktionen bei Staatstreichen, überwacht die Entwicklungen in den einzelnen Ländern, hat einen Friedens- und Sicherheitsrat, betreibt ein Frühwarnsystem und unterhält African Standby Brigades.

Schwieriger gelingen die Regionalintegrationen. Hier gibt es überlappende Mitgliedschaften, unterschiedliche Interessen bis hin zu zwischenstaatlichen Konflikten.

Der wirtschaftliche Aufschwung ist evident. Das panafrikanische Wirtschaftswachstum lag in den vergangenen Jahren deutlich über 4% und wird nach einem Rückgang 2015/16 für 2017 wieder über 3 % prognostiziert. Aber: die Entwicklungen in den einzelnen Staaten und Regionen sind zum Teil sehr unterschiedlich! So boomt der Export im ostafrikanischen Raum (Burundi, Kenia, Mosambik, Ruanda, Tansania, Uganda). Dort wurde der Anschluss an die Globalisierung geschafft, was andererseits aber zu einer fortschreitenden Teilung des Kontinents führt. Der Handel mit Indien (vor allem Ostafrika!) und China ist überproportional gewachsen. Aber: 600 Millionen Menschen haben keinen Zugang zu Strom. Hier greift man individuell (wer es sich leisten kann!) zu teuren und umweltschädigenden Zwischenlösungen (Stromaggregate). Die Versorgung mit sauberem Wasser ist zum Teil absolut unzureichend. Ebenso die Entsorgung von Müll und Fäkalien. Es gibt dramatische Verkehrsengpässe, praktisch keine öffentlichen (Nah-) Verkehrsnetze (Eisenbahnen, Straßenbahnen, U-Bahnen, Busnetze). Insgesamt kann man dennoch von einer beginnenden Industrialisierung sprechen.

Neben den Europäern gibt es noch andere (neue) Mächte, die ihre Interessen wahrnehmen.

Da sind zuvorderst die Chinesen, die insbesondere an der Zusammenarbeit mit rohstoffreichen Staaten (z.B. Sudan) interessiert sind und diese Interessen auch offensiv mit erheblichen Investitionen umsetzen. Dennoch hält sich die Beliebtheit der Chinesen in Afrika in Grenzen, da sie immer gleich mit einer Armee von Arbeitern anrücken und damit die Arbeitsmöglichkeiten der Afrikaner selbst beschränken.

Für Indien sind die ostafrikanischen Anrainerstaaten des Indischen Ozeans traditionell handelsmäßig, aber auch militärisch von großem Interesse.

Brasilien konzentriert sich auf die ehemaligen portugiesischen Kolonialbereiche (z.B. Angola, Mosambik) und will die Europäer ablösen.

Auch Südafrika versucht mehr Einfluss in Richtung Norden zu erlangen, ohne aber bisher eine kohärente Politik erkennen zu lassen.

Und da darf von den BRICS-Staaten natürlich auch Russland nicht fehlen, das vor allem Unterstützung in den Vereinten Nationen und beim Kampf gegen Revolutionen sucht.

Die Mittel der Einflussnahme dieser Staaten sind – in unterschiedlicher Ausprägung – Infrastrukturausbau (eine echte und große Lücke!), Ausbau von Flugverbindungen, großzügige Kreditbedingungen, Ausbildungs- und Militärhilfen.

Auch die Türkei mischt kräftig mit und hat z. B. die Anzahl ihrer Botschaften von 10 im Jahre 2010 auf 35 im Jahre 2016 fast vervierfacht.

Hieraus ergeben sich aus Sicht der und für die Europäer sicherheitspolitische Herausforderungen:

Es gibt generell eine schwach ausgeprägte Staatlichkeit mit einerseits Überbürokratisierung bei gleichzeitiger Unterbürokratisierung mit zunehmender Entfernung von den Hauptstädten und Zentren. Insbesondere die parlamentarischen Kontrollmechanismen müssen deutlich verstärkt werden. Noch aus den 1970er und 1980er Jahren gibt es eine deutliche ethnische Manipulation von Streitkräften. Die regionalen Fähigkeiten zur Konfliktbewältigung sind noch unzureichend ausgeprägt – dennoch gibt es kaum zwischenstaatliche Konflikte.

Als weitere Risiken kommen hinzu: Politische Konflikte und Staatszerfallprozesse, Präsidialsysteme mit unzureichenden Beteiligungsmöglichkeiten, unzureichende Gewaltenteilung, Terrorismus, Klima- und Energieversorgungsprobleme, Migrationsströme vor allem in Afrika selbst.

Insgesamt hat Afrika ähnliche Sicherheitsprobleme wie der Rest der Welt, nur mit afrikanischen Dimensionen.

Angesichts der immensen Probleme in der Energie- und Wasserversorgung, in der umweltschonenden Abfallentsorgung, im Ausbau eines leistungsfähigen Verkehrswegenetzes (Schiene, Straße) besonders in den Ballungsgebieten aber auch auf dem flachen Lande, müsste im Sinne der von Europa angestrebten Beseitigung von Fluchtursachen eine kohärente Entwicklungspolitik implementiert werden, die nicht mehr Geld in lokalen Insellösungen vergeudet und die wirklich drängenden Probleme des afrikanischen Kontinents unterstützend aufgreift.

 
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