Nachschau - Veranstaltung am 10.12.2014

 
 
 

Vortrag und Diskussion

zum Thema

Die Generation Einsatz –
eine andere Armee?

Referentin:

Dr. Anja Seiffert

Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften
der Bundeswehr, Potsdam
 

am Mittwoch, 10. Dezember 2014, 19.30 Uhr

im Offizierheim neben der Graf-Werder-Kaserne
Wallerfangerstraße 33, Saarlouis

 
 

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Eigenbericht der Sektion Saar

"Umgang mit militärischer Gewalt verändert
Selbstbild der Soldaten"

Sozialwissenschaftlerin fordert umfassende Aufarbeitung von Einsatzerfahrungen

Nach dem Vortrag vrnl: Kommandeur LLBrig 26 Oberst Stefan Geilen, Referentin Dr. Anja Seiffert, GSP-Sektionsleiter Saar Oberst a.D. Klaus Zeisig,Vorsitzender VdRBw Saarland Rechsanwalt und Maj d.R. Clemens Schug. - Foto: privat

Ende 2014 lief das ISAF-Mandat in Afghanistan nach 13 Jahren Einsatz auch für die Bundeswehr aus. Ab 2015 wird es durch eine Berater-Mission ohne direkten Kampfauftrag, an der sich auch die Bundeswehr beteiligt, abgelöst.

Für viele Soldaten der Bundeswehr sind die Missionen zur internationalen Krisenbewältigung längst zur Normalität geworden. Sie leben in den Einsätzen fern der Heimat; sind mit Elend und Zerstörung konfrontiert worden, erlebten Tod und Verwundung, und manche von ihnen haben in ihrem Einsatz in Afghanistan auch selbst in schweren Gefechten gegen Aufständische gestanden und getötet; erstmals in der Geschichte der Bundeswehr. Solche Erlebnisse gehen nicht spurlos an den Soldaten vorbei, sondern müssen nach der Rückkehr nach Deutschland verarbeitet und in den Alltag integriert werden.

Während der Blick auf die Auslandseinsätze der Bundeswehr meist auf Legitimations- und Strategiefragen begrenzt blieb, stellte die promovierte Politikwissenschaftlerin und Leiterin des Projektbereichs „Sozialwissenschaftliche Einsatzbegleitung und Einsatzdokumentation“ am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam, Dr. Anja Seiffert, die Fragen nach den persönlichen Wahrnehmungen der Soldaten im Einsatz und im Umgang mit militärischer Gewalt, sowie die Folgen dieser Erfahrungen für das Selbstbild der Soldaten und für die Organisation der Bundeswehr und für die entsendende Gesellschaft in den Vordergrund ihrer Betrachtungen. 2014 hatte sie das Ergebnis einer Studie zu diesem Thema veröffentlicht.

Als Ergebnis einer sozialwissenschaftlichen Langzeituntersuchung von Einsatzsoldaten und Veteranen der Bundeswehr hat sie ihre Erkenntnisse in 6 Thesen zusammengefasst:

1. Einsatz ist für die Soldaten nicht gleich Einsatz. Aufgrund unterschiedlicher „Erfahrungswelten“ ist die Einsatzwirklichkeit für die Soldaten abhängig von der Sicherheitslage und den wahrzunehmenden Aufgaben differenziert.

2. Die Erfahrungen im Einsatz, zumal die Erfahrungen in Gefechten, führen zu einem gemeinschaftlich geteilten Erfahrungshorizont, der Auswirkungen auf Einstellungen und Orientierungen hat.

3. Die unterschiedlichen Erfahrungswelten von militärischer Führung und nachrückender Generation können einen Generationenkonflikt befördern, der sukzessive auch einen Organisationswandel der Bundeswehr anstoßen kann.

4. In komplexen Einsatzszenarien wie in Afghanistan werden insbesondere von Vorgesetzten Führungsqualitäten, Verantwortungs- und Risikobereitschaft erwartet, die aber in einer hochgradig bürokratisch „verregelten“ Organisationskultur der Bundeswehr im Alltag wenig Resonanz finden.

5. Die Diskrepanz der Erfahrungswelten zwischen Heimatgesellschaft und Einsatzsoldaten kann die Sprachlosigkeit zwischen ihnen vergrößern. Das kann die Aufarbeitung von Einsatzerfahrungen erschweren und mit dazu beitragen, dass sich Rückkehrer aufgrund ihrer Gewalterfahrungen in der Gesellschaft marginalisiert fühlen.

6. Die Auslandseinsätze sind gesellschaftlich bislang nur ungenügend aufgearbeitet worden. Das kann Fremdheits- und Distanzierungsgefühle im Verhältnis von Einsatzrückkehrern und Gesellschaft verstärken.

Die 13 Jahre Einsatz- und Kampferfahrung in Afghanistan haben die Bundeswehr wie kein anderer Einsatz zuvor verändert. Hiervon sind nicht allein die Strukturen, sondern auch die Organisationskultur und das Selbstverständnis von Soldaten betroffen, die die Bundeswehr meist nur noch als Einsatzarmee kennen.

Die Soldaten kehren - oft auch traumatisiert – in ein familiäres und gesellschaftliches Umfeld zurück, das weiter in Frieden und Wohlstand gelebt hat und lebt und für das die Bewältigung der täglichen Alltagssorgen bestimmend ist.

Die Fragen, ob sich die deutsche Bevölkerung überhaupt für die Erlebnisse von Einsatzrückkehrern interessiert, ob diese auch mit Unterstützung und Verständnis rechnen können oder wie die Gesellschaft denjenigen begegnet, die körperlich und seelisch verletzt aus den Einsätzen zurückkehren, sind keinesfalls nur von psychologischem Interesse, sondern haben politische und gesamtgesellschaftliche Relevanz.

Bei manchen in Deutschland herrscht die Meinung vor, dass Soldaten sich freiwillig verpflichtet haben und daher nun auch mit den Folgen dieser Entscheidung leben müssten. Dieses Verständnis verkennt jedoch, dass Soldaten der Bundeswehr in den Einsätzen ja die Interessen und Werte der eigenen Gesellschaft vertreten sollen. Sie sind daher nicht irgendwelche Heimkehrer aus fernen Krisenregionen, sondern vom Parlament entsandte Soldaten. Die durch dieses Parlament repräsentierte Gesellschaft trägt daher Mitverantwortung. Die Aufarbeitung von Einsatzerfahrungen ist keine rein persönliche Angelegenheit der betroffenen Soldaten, sondern auch Angelegenheit der Gesellschaft.

Klaus Zeisig

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