12. November 1955 - Vergebliche Spurensuche in Bonn

12. November 1955 - Vergebliche Spurensuche in Bonn

Antreten der ersten Soldaten der Bundeswehr in der Ermekeilkaserne in Bonn

Empfang des amerikanischen Generalstabschefs Maxwell D. Taylor mit der Ehrenkompanie des Wachbataillons im September 1957

Das Tag war überlegt gewählt worden. Der 12. November 1955 war der 200. Geburtstag des preußischen Heeresreformers, General Gerhard Johann David von Scharnhorst. Die Aushändigung der Ernennungsurkunden für die ersten Soldaten der neuen deutschen Streitkräfte sollte an ihn erinnern. Die aufzustellende Armee hatte 1955 noch keinen Namen. Erst im April 1957 bekam sie den Namen: Bundeswehr.

Die Urkunden hatte Bundespräsident Theodor Heuss schon am 10. Oktober 1955 unterzeichnet. Nun war der Tag gekommen, am dem unter Blitzlichtgewitter nationaler und internationaler Presse in Bonn erstmals wieder einige deutsche Soldaten in Uniform zu sehen waren, die Mehrheit trug noch zivil.  

Seit 1951 war der „Beauftragte des Bundeskanzlers für die mit der Vermehrung alliierter Truppen zusammenhängenden Fragen“, nach dem Dienststellenleiter „Amt Blank“ genannt, in der Bonner Ermekeilkaserne untergebracht. Seit dem 7. Juni 1955 war aus dem „Amt Blank“ das Bundesministerium für Verteidigung geworden.  In dieser Kaserne, früher Unterkunft des 9. Rheinischen Infanterieregiment Nr. 160, fand das denkwürdige Ereignis statt.

Vom 11. November 1955 datiert die Weisung für das Zeremoniell, das für Samstag, den 12. November 10.00 Uhr in der Kraftfahrzeughalle angesetzt ist. Hier heißt es u.a.:“ Alle Herren, die an diesem Tage ihre Ernennungsurkunden ausgehändigt erhalten und bereits über eine Uniform verfügen, haben diese zu tragen.“

Aufgeführt sind zehn Namen. An erster Stelle stehen die beiden Generalleutnante Adolf Heusinger und Dr. Hans Speidel. Danach kommen je zwei Majore und Hauptleute des Heeres, je ein Major und Hauptmann der Luftwaffe sowie ein Korvettenkapitän und ein Kapitänleutnant.

Die beiden Generale trugen ihre Mützen in der Hand. Warum, darüber wurde lange gerätselt. Die Antwort ist einfach, Heusingers Mütze war zu groß, sie wäre ihm über die Ohren gerutscht. So kam es, dass die ersten Generale der Bundeswehr bei ihrer Ernennung „ohne Kopfbedeckung“ auf den Fotos für die Nachwelt festgehalten wurden.

Weiter heißt es: „Alle anderen Herren, die ihre Ernennungsurkunden ausgehändigt erhalten, werden gebeten, im dunklen Straßenanzug zu erscheinen.“

Die Kraftfahrzeughalle, zu Zeiten der Rheinischen Infanterie als Reithalle verwendet, war gemäß einem knappen Auftrag des Staatssekretärs, etwas freundlicher ausgestaltet worden.

„Eine Dekorationsfirma aus Bonn hatte sie mit grauem Stoff ausgeschlagen, ein Eisernes Kreuz war montiert worden...“

Woanders heißt es: “Ein großes Eisernes Kreuz - Sinnbild sittlich gebundener Tapferkeit - flankiert von schwarz-rot-goldenen Fahnen als Symbolen für Recht und Freiheit, bilden den Hintergrund zu der Feier, die anlässlich der Geburtsstunde der Bundeswehr in der Kraftfahrzeughalle der Bonner Ermekeilkaserne stattfand.“

Vor dem Eisernen Kreuz stand ein Podium mit Blumenschmuck.

Theodor Blank, erster Verteidigungsminister der Bundesrepublik, spricht zu den Angetretenen. Außer den beiden Generalen sollen es 18 Oberstleutnante, 30 Majore, 40 Hauptleute, 5 Oberleutnante und 6 Unteroffiziere, insgesamt also 101, gewesen sein, die an diesem Tag ihre Ernennungsurkunden erhalten hatten.

Dass darüber überhaupt Material existiert, ist einem der sechs Unteroffiziere zu verdanken, der an diesem Tag dabei war. Er wurde zum Stabsfeldwebel ernannt, musste diesen Dienstgrad aber wieder ablegen. In der damaligen Soldatenlaufbahnverordnung war dieser Dienstgrad nicht enthalten. Erst später wurde er in die Unteroffizierlaufbahn eingeführt. Karlheinz Richarz konnte nun befördert werden und als Stabsfeldwebel in Pension gehen.

Nach Theodor Blank sprach Generalleutnant Adolf Heusinger. „Dem Herren Bundespräsidenten und der Bundesregierung danken wir für das Vertrauen, das sie uns durch die Ernennung zu Soldaten ausgesprochen haben. Dieses Vertrauen verpflichtet uns, all` unsere Kräfte für den Frieden, unser Volk und Vaterland einzusetzen. Der 200. Geburtstag Scharnhorsts verpflichtet uns zweitens: die wahre Tradition im lebendigen Fortschritt und engster Verflechtung mit allen Schichten unseres Volkes zu sehen. Das Gedenken an Millionen deutscher Soldaten der Vergangenheit und unsere tiefe Verbundenheit mit ihnen verpflichtet uns zum dritten zu Gehorsam, Kameradschaft und Treue. Dieser dreifachen Verpflichtung wollen wir uns stets bewußt sei. Das geloben wir in dieser Stunde.“

Nach der Ernennung spielte das Musikkorps des Bundesgrenzschutzes aus Kassel im Innenhof deutsche Militärmärsche. Journalisten, die Bediensteten des Ministeriums und die ersten Soldaten in Uniform und Zivil waren Zuhörer, bevor sie wieder an ihre Arbeitsplätze gingen.

Die Kaserne wurde noch bis 2013 von verschiedenen Bundesdienststellen benutz und am 17. Juni an die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben übergeben.

Heute bleibt die Spurensuche nach diesen Tag vor 65 Jahren ergebnislos. Das Hauptgebäude, ein gelber Klinkerbau sieht heruntergekommen aus. Am Nachbargebäude ist eine Tafel angebracht, die auf den heutigen Hausherrn hinweist, das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Die Hausnummer 27 am verschlossenen Treppenaufgang ist noch dran. Neben der ehemaligen Wache ist eine kleine unauffällige Tafel mit dem Text: ERMEKEILKASERNE, 1883 errichtet als Infanteriekaserne auf dem Grundstück der Gastwirtsfamilie Ermekeil, seit 1949 vom Bund genutzt, u.a. vom „Amt Blank“, dem Vorläufer des Bundesministeriums der Verteidigung“ angebracht. Der Versuch auf dem Gelände nach einer Spur von Tradition zu suchen scheiterte an der Security: „Hier kommen sie nicht rein!“ Von Bundeswehrtradition nichts zu spüren. Theodor Blank zitierte am 12. November 1955 Scharnhorst „Tradition in der Armee hat es zu sein, an der Spitze des Fortschritts zu marschieren“. Über allem Fortschritt sollte die eigene Geschichte nicht vergessen werden. Eine Erinnerung an diesen Tag und das historische Ereignis hätte die Kaserne verdient.

Mir bleibt in Erinnerung der Empfang des amerikanischen Generalstabschefs Maxwell D. Taylor mit der Ehrenkompanie des Wachbataillons im September 1957.    

Anmerkung

Hinweis der Redaktion auf das Video „Männer der ersten Stunde“, in dem der Verfasser dieses Beitrages porträtiert wird.

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