Erinnerungen an Clausewitz in seiner Heimatstadt Burg

Erinnerungen an Clausewitz in seiner Heimatstadt Burg

Der Gegensatz kann für die Tagungsteilnehmer am 1. Burger Clausewitz – Kolloquium: „Mit Clausewitz in die Gegenwart denken – Nostalgie oder Erkenntnisgewinn?“, welches die Forschungsgemeinschaft Clausewitz-Burg e.V. organisiert hat, nicht größer sein. In der Stadthalle tragen am Vormittag Schüler des Gymnasiums literarische Texte zum bekanntesten Bürger der Stadt vor. Das ist Carl von Clausewitz, Kriegsphilosoph, Militärschriftsteller und General. Am Abend wird im Burg-Theater der DEFA-Fernsehfilm „Clausewitz – Ein Lebensbild“ gezeigt. Das Historienwerk wurde 1980 zu seinem 200. Geburtstag in der DDR produziert.

Clausewitz im Halbkreis - Sein Leben auf RollUps

Dieses Kolloquium in der Geburtsstadt des Generals weist auf das aktuelle Interesse an dem bekanntesten preußischen Kriegstheoretiker, den Verfassers des Werkes „Vom Kriege“ hin. Am 1. Juli 1780 erblickt er hier, der Stadt der Türme - so ein Werbeslogan, das Licht der Welt. „Wir Burger sind stolz, dass dieser Carl Philipp Gottlieb von Clausewitz vor 240 Jahren hier geboren und in der Oberkirche, getauft worden ist“, so der Bürgermeister in der Festschrift zum Geburtstag. Mit zwölf Jahren verlässt er seine Heimatstadt und zieht des Königs Rock an. Drei Ziele hat der Leiter der Erinnerungsstätte Rolf-Reiner Zube, die in seinem Geburtshaus in der Schulstraße 12 eingerichtet ist, für die Tagung: Die Ehrung des Generals,  neue nationale und internationale Erkenntnisse aus seinen schriftlichen Hinterlassenschaften zu gewinnen und durch Gedankenaustausch von Referenten und Teilnehmern die Bedeutung Carl von Clausewitz für die Gegenwart deutlich zu machen.

Dass der Heeresreformer auch in jüngeren Kreisen nicht vergessen ist, beweist die Teilnahme von Julian Kaiser, Student aus Essen, der augenblicklich seine Masterarbeit über die Wahrnehmung von Clausewitz in der Gesellschaft schreibt. Als Moderatorin haben die Veranstalter Bettina von Clausewitz, Journalistin aus Essen, gewonnen, eine Nachfahrin aus der Linie eines seiner Brüder. Die Ehe des Generals und Marie Gräfin von Brühl, sie hatten am 17. Dezember 1810 in Berlin geheiratet, blieb kinderlos. Den Bogen zur Gegenwart spannt bei der Begrüßung der Landrat des Jerichower Land Steffen Burchhardt mit einem Zitat von Clausewitz: „Die Zeit ist euer, was sie sein wird, wird sie durch Euch sein“.

Als erster Referent eröffnet Ulrich Kleyser, Mitglied der Clausewitz-Gesellschaft, den Fachteil des Symposiums mit den Ausführungen „Strategie und Wille im historischen Kontext“. In seiner letzten Dienstverwendung war der pensionierte Oberst Kommandeur im Verteidigungsbezirkskommando in Magdeburg und hat somit Heimspiel beim Auftritt. Inhaltlich konzentriert er sich auf den philosophischen Bereich des Willens. Die Entwicklung von Strategien ist eine Herausforderung des Willens. Wille allein ist aber nicht ausschlaggebend, er muss z.B. ergänzt werden durch Menschenkenntnis, Selbstvertrauen oder den Mut zur Übernahme von Verantwortung und „Vornehmheit der Seele“. Kleyser nenn Männern die Geschichte schrieben wie Scharnhorst, Gneisenau, Moltke, Seeckt, Churchill oder Eisenhower für seine Beispiele als Strategen mit ausgeprägtem Willen. Clausewitz betrachtet den menschlichen Willen grundsätzlich als positiv. Zusammengefasst ist Kleysers Vortrag eine tiefsinnige Einleitung, allerdings mit nostalgischem Rückblick.

Jacek Jedrysiak vom Historischen Institut in Breslau, hier starb Clausewitz am 16. November 1831, informierte die Zuhörer wie der preußische Stratege in der polnischen Geschichtsschreibung gesehen wird. Er wird nicht besonders herausgestellt und hat in Polen nicht die Bedeutung wie im angelsächsischen Sprachraum.

Aufs Familienterrain führt Christine Gräfin von Brühl die Teilnehmer, in dem sie über die beiden Großfamilien Brühl und Clausewitz aus der Sicht einer Historikerin referiert. In rund 700 Jahren Brühlsche Familiengeschichte spielt das kinderlos gebliebene Generalsehepaar nur eine untergeordnete Rolle. Die Brühlschen Terrassen in Dresden erinnern eher an den Namen der Grafen von Brühl.

Intensiver hat sich Vanya Efttimova-Bellinger mit der Ehefrau Marie befasst. Aus den USA in die Burger Stadthalle zu geschaltet erläuterte sie die Rolle, die diese und andere Frauen der Hofgesellschaft und des vornehmen Bürgertums in den Befreiungskriegen 1813-15 spielten. Aber nicht nur mit diesem Engagement für die Gesellschaft in der Zeit der Befreiungskriege, sondern auch mit der Rolle wie Marie von Clausewitz, nach dem Tod ihres Mannes, dafür sorgte, dass seine nachgelassenen Schriften veröffentlicht wurden. Die immer wieder aufkeimende Diskussion, inwieweit sie oder auch andere „viel“ in den Originalschriften „redigiert“ haben, wird mit letzter Wahrscheinlichkeit nie endgültig beantwortet werden können. Was bleibt als Erkenntnisgewinn über Marie von Clausewitz: Sie war eine starke Persönlichkeit, engagierte sich für liberale Reformen und ohne sie wäre „Vom Kriege“ wohl nicht verlegt worden. Der Erste band erscheint schon im Juni 1832. Sie stirbt am 28. Januar 1836 in Dresden, wird in Seiffersdorf, einem familiensitz, beerdigt und später an der Seite ihres Mannes auf dem Militärfriedhof in Breslau beigesetzt. Das ist aber nicht ihrer beiden letzte Ruhestätte. 1971 werden die sterblichen Überreste nach Burg überführt und mit einem Staatsakt am 19. November 1971 auf dem Ostfriedhof beigesetzt.

Aus einem ganz anderen Blickwinkel nähert sich Sebastian Schindler (München) dem Kriegstheoretiker. „Clausewitz und der Wert des Kämpfens“ nennt er sein Referat. So wie Clausewitz ein Kämpfer für politische Veränderungen in Preußen war, war er auch ein Kämpfer als Schriftsteller und Autor. Krieg ist ein Zweikampf, wie setzt man Willen gegen Widerstand durch? Wie kämpft man erfolgreich und wozu lohnt es sich überhaupt zu kämpfen? diese Fragen zu beantworten braucht es eigenständiges und unabhängiges denken. Hier hat Clausewitz viel von seinem Mentor, dem Heeresreformer Gerhard von Scharnhorst gelernt. Eine ausführliche Beschäftigung des Referenten mit dem General ist im „Buch: Clausewitz zur Einführung“, erschienen 2020, nachzulesen.

Andreas Herberg-Rothe, aus Fulda zugeschaltet, nennt Clausewitz als einen „frühen Theoretiker hybrider Kriege“. Jeder Krieg ist eine hybride Konstruktion, allerdings müsste seiner Ansicht nach eher vom hybriden Kampf oder hybrider Politik gesprochen werden. Für westliches Denken ist diese Form des Kampfes ein „großes Problem“. Andrée Türpe (Berlin) fragt, ob im Zeitalter von Drohnen, Robotern etc. noch Platz für Clausewitz ist? Unabhängig von seinem Thema ist der Hinweis auf sein Buch: „Der vernachlässigte General? Das Clausewitz-Bild in der DDR“. In der DDR wurde Clausewitz und sein Werk teilweise kontrovers beurteilt. Scharnhorst hatte ein höheres Ansehen. Der höchste DDR-Orden trug seinen Namen.

Den thematischen Tagungsabschluss übernimmt Harald Potempa (Potsdam) mit seinen „Anmerkungen zur Rolle der Militärgeschichte im Werk von Carl von Clausewitz“. Sie überwiegt gegenüber der Kriegsgeschichte in seinem Werk etwa im Verhältnis von dreißig zu siebzig Prozent. Vielleicht ist es gerade dieses Verhältnis, dass Clausewitz immer wieder einlädt, sich mit ihm zu beschäftigen. Bleibt zum Ende die Frage, Clausewitz-Nostalgie oder Clausewitz-Erkenntnisgewinn für die Gegenwart? Die salomonische Antwort lautet: Beides, für die älteren Teilnehmer mehr Nostalgie, für die jüngeren Anwesenden durchaus Erkenntnisgewinn.

Anmerkung: Die Erinnerungsstäte Carl von Clausewitz befindet sich in der Schulstraße 12 in 39298 Burg. www.clausewitz-erinnerungsstätte-burg.de.

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