Streitregion Kaschmir - Seit 1947 Konflikte zwischen Indien u. Pakistan

Streitregion Kaschmir - Seit 1947 Konflikte zwischen Indien u. Pakistan

Seit der Teilung Britisch-Indiens in das hinduistische Indien und das muslimische Pakistan streiten sich die beiden Atommächte um die nördliche Grenzregion Kaschmir. Drei Kriege zwischen beiden Staaten führten bisher zu keiner Lösung des Dauerkonfliktes, es wird wieder geschossen. Nur ein Blick in die Vergangenheit hilft ihn zu verstehen.

Monarchin mit zwei Kronen

Seit Mitte des 17. Jahrhunderts war Indien für Großbritannien ein wichtiger Handelsplatz. Die „East India Company“ verwaltete direkt einzelne Territorien auf dem Subkontinent. Den englischen Kolonialherrn wohl gesonnene Fürstenstaaten erhielten Verwaltungsprivilegien. 1857 kam es zu einem Aufstand gegen die Kolonialmacht. Die „East India Company“ wurde aufgelöst und Indien der direkten Verwaltung Londons unterstellt. Königin Victoria wurde am 29. April 1876 zur Kaiserin von Indien proklamiert. In New Delhi wurde die britische Krone dann durch einen Vizekönig vertreten.

„British Raj“, die Verwaltungsaufteilung – Quelle: commons.wikimedia.org/wiki/File:British_india.png

Machtansprüche der Einheimischen

Ab 1906 organisierten sich die indischen Muslime in der Muslim-Liga und forderten ab 1940 einen eigenen Staat. Die zentrale Figur der indischen Unabhängigkeitsbewegung aber war der Führer der Kongresspartei Mohandas Karamschand (Mahatma) Gandhi. Während des Zweiten Weltkrieges wurde Indien von den Briten als Operationsbasis für den Krieg im Pazifik genutzt. Nach Kriegsende entschloss sich Großbritannien Indien als Dominion, d.h. als britisches Herrschaftsgebiet im Commonwealth in die Selbständigkeit zu entlassen. Diese Absicht ließ sich aber aufgrund der eskalierenden Spannungen und Auseinandersetzungen zwischen Hindus und Muslimen nicht verwirklichen.

In dem Plan lag schon Sprengstoff

Im Juni 1947 verkündete der britische Vizekönig Lord Louis Mountbatten einen Unabhängigkeits- und Teilungsplan für den Subkontinent. Das Ergebnis waren zwei Staaten, die hinduistische Republik Indien und das muslimische Pakistan. Beide Neustaaten sollten Mitglieder mit Dominion-Status im Commonwealth bleiben. Die eigenständigen Fürstentümer konnten entscheiden, welchem Staat sie sich anschließen wollten. Am 14./15. August 1947 wurde der Mountbatten-Plan umgesetzt und die beiden Staaten in die Selbständigkeit entlassen. Lord Mountbatten, Cousin der englischen Königin, wurde am 27. August 1979 Opfer eines Bombenattentats der irischen Untergrundarmee (IRA).

Die Teilung Indiens – Quelle: Themightyquill – de.wikipedia.org/wiki/Datei:Partition_of_India-en.svg

Der nicht gelöste Dauerkonflikt

Kaschmir und Jammu war eines dieser selbständigen Fürstentümer, das sich nun entscheiden musste. Das Fürstentum liegt in Vorderindien an der Gebirgskette des Himalajas und des Karakorum-Gebirges. Es ist ein strategisch bedeutendes Gebiet. Seine Größe beträgt etwa 228.000 Quadratkilometer. Das Tal von Kaschmir mit einer Länge von etwa 130 und einer Breite von etwa 40 Kilometer ist fruchtbares Land. Die Hauptstadt ist Srinagar. Der hinduistische Maharadscha Hari Singh entschied sich im Oktober 1947 zum Anschluss an Indien. Die Bevölkerung war aber zu rund 80 Prozent muslimisch und wollte überwiegend den Anschluss an Pakistan. Verkehrstechnisch und wirtschaftlich wäre die Anbindung an Pakistan logischer gewesen. Aus politischen, strategischen und emotionalen Gründen – Jawaharlal Nehru der Nachfolger Gandhis stammte aus Kaschmir – war Indien stark an Kaschmir interessiert. Vorausgegangen waren Übergriffe und Besetzung des Landes durch irreguläre paschtunische Stammeseinheiten.
Der Konflikt eskalierte zum Krieg. Erst 1949 kam es zum Waffenstillstand. Dessen Folge die Teilung der Himalajaregion war.ist. Seitdem haben die Vereinten Nationen Beobachter an der Waffenstillstandslinie stationiert. Während des Krieges wechselten etwa 15 Millionen Menschen die Seiten, um bei ihren religiösen Brüdern zu sein. Die Zahl der Opfer wird auf etwa eine Million geschätzt.

The members of the U.N. Military Observer Group in India and Pakistan- Major Emilio Altieri (Uruguay) – riding a horse while on patrol along the cease-fire line; here, he exchanges a few words with a group of Kashmiris he met on the way. (01 January, 1955, Kashmir) – Foto: unmogip.unmissions.org

26. Januar 1957: Indien erklärt Kaschmir zum Bundesstaat

Dies geschah unter Missachtung der Auflagen des UN-Sicherheitsrates und führte 1965 zum zweiten und 1971 zum dritten indisch-pakistanischen Krieg. 1990 brach in Kaschmir ein Bürgerkrieg aus, Ziel war die Unabhängigkeit Kaschmirs von Indien zu erreichen. Im Mai 1999 fanden wieder Kämpfe im Gebiet um den Kargilpass statt.
Durch einen Staatsstreich kam in Pakistan General Parvez Musharraf an die Macht. Seine Eltern waren 1947 aus Kaschmir nach Pakistan geflohen. Am 13. Dezember 2001 organisierten terroristische pakistanische Organisationen einen Anschlag auf das indische Parlament. Die indische Armee marschierte an der Grenze zu Pakistan auf. Indien ist mit seinen 1,3 Millionen aktiven Soldaten und 1,1 Millionen Reservisten die drittgrößte Militärmacht der Welt. Die Krise wurde durch amerikanische Vermittlung entschärft.

Dialogversuche kamen in Gang

Seit Anfang 2004 fanden Gespräche zwischen Indien und Pakistan statt, um das Kaschmirproblem friedlich zu lösen. Im Oktober 2005 richtete ein Erdbeben, sowohl im indischen wie im pakistanischen Teil Kaschmirs, schwere Schäden an. Mehr als 70.000 Menschen kamen dabei ums Leben. Die NATO half beiden Seiten mit der Einrichtung einer Luftbrücke. Die pakistanische Zeitung „The News“ titelte damals, dass das Erdbeben keine Grenze respektiert habe. „Indien, Pakistan vereint im Kummer“ – war die Schlagzeile der indischen „Times of India“. Die Einrichtung einer Buslinie zwischen der Hauptstadt Srinagar, dem indisch kontrollierten Teil, und Muzaffargarh, der Hauptstadt des pakistanisch kontrollierten Teils war schon ein Erfolg der Entspannungsbemühungen. Seit dem Regierungsantritt des indischen Premierministers Narendra Modis 2014 erhoffte man sich für die Region eine friedliche Lösung.

Autonomiebestrebungen verschärfen den Konflikt

Aber seit 2016 haben sich die indisch-pakistanischen Beziehungen wieder verschlechtert. Seit dem Terroranschlag im indisch besetzten Teil Kaschmirs am 14. Februar, der das Leben von mehr als 40 indischen Soldaten gefordert hat, eskaliert die Gewalt. Die Terrorgruppe Jaish-e-Mohammed (JeM) reklamierte die Tat für sich. Die Reaktion Indiens war der erste Luftangriff seit 1971 auf ein Terroristenlager, wobei eine Maschine abgeschossen wurde. Der von Pakistan gefangene Pilot wurde  an Indien übergeben. Zusammengefasst ist festzustellen, dass  „auf dem höchsten Kriegsschauplatz der Welt“ sich zwei Staaten mit einem gewaltigen Waffenarsenal gegenüberstehen. Indien hat rund 1,3 Millionen und Pakistan auch mehr als eine Million Soldaten unter Waffen. Beide Staaten sind Atommächte. Aus den Wahlen im April/Mai 2019 ging Ministerpräsident Narendra Modi mit seinr hindunationalistischen Partei wieder als Sieger hervor. Nun will er gegenüber dem Erzfeind Stärke demonstrieren. Große innenpolitische oder wirtschaftliche Erfolge hat seine Regierung bisher nicht vorzuweisen. Der seit dem 18. August 2018 amtierende Premierminister Pakistans Imran Khan muss diese außenpolitische Krise mit seinem Nachbarn meistern. Hinzu kommen in beiden Ländern Autonomiebestrebungen von Separatisten hinzu, die ein eigenständiges Kaschmir wollen.

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    Diskussionsleitung:
    Marcus Pindur, Deutschlandfunk

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