Rückblende: Vor 80 Jahren „Fall Barbarossa“

Rückblende: Vor 80 Jahren „Fall Barbarossa“

Am 22. Juni 1941 um 03:15 Uhr begann der Angriff der Wehrmacht auf die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR). Die neue Ostfront „Barbarossa“ reichte von der Ostsee im Norden bis zu den Karpaten im Süden. Die Frontlänge betrug fast 2000 Kilometer. Für diesen Angriff waren insgesamt 154 Divisionen (118 Infanterie.-, 15 motorisierte und 19 Panzer) aufgeboten. Mit mehr als drei Millionen Soldaten, etwa 75 Prozent des gesamten Feldheeres mit 600.000 Fahrzeugen, 750.000 Pferden, 3580 Panzerkampfwagen, 7184 Geschützen und 1830 Flugzeugen sollte den Sieg gegen den „Bolschewismus“ errungen werden.

Das „Ostheer“ war in drei Heeresgruppen gegliedert, denen folgende Angriffsrichtungen mit Zielen vorgegeben waren. NORD sollte aus den Verfügungsräumen in Ostpreußen in die baltischen Länder Richtung Leningrad vorstoßen und es einnehmen; MITTE aus dem südlichen Ostpreußen in Richtung Minsk-Smolensk-Moskau und SÜD aus dem südlich besetzten Polen mit Stoßrichtung Kiew-Dnjepr-Bogen. Hier standen noch zwei rumänische Armeen auf deutscher Seite, auch Ungarn, Slowaken und Finnen haben auf deutscher Seite gekämft. Jeder Heeresgruppe war zur Unterstützung eine Luftflotte zugeteilt. Den Heeresgruppen folgten vier Einsatzgruppen der SS (Schutzstaffel) mit etwa 3000 Mann für die Räume des Baltikums, Weißrutheniens (geografische Bezeichnung für ein Teilgebiet des heutigen Weißrusslands), der Ukraine und der Krim. Ihre Aufgabe war die Tötung von Juden, kommunistischen Funktionären, Zigeunern und anderen „unerwünschten“ Elementen. 1941/42 fielen den Einsatzgruppen über eine Million Menschen zum Opfer. Die sowjetischen Truppen im Grenzgebiet, auf die die Wehrmachtstruppenteile stießen, waren in fünf Fronten gegliedert und hatten einen Personalumfang von etwa 4,5 Millionen.

Die Weisung Nr. 21 „Fall Barbarossa“ hatte „Der Führer und Oberste Befehlshaber der Wehrmacht“ Hitler am 21. Dezember 1940 erlassen. Sie begann mit der Absicht: „Die deutsche Wehrmacht, muß darauf vorbereitet sein, auch vor Beendigung des Krieges gegen England, Sowjetrußland in einem schnellen Feldzug niederzuwerfen (Fall Barbarossa). [Unterstreichung im Original]. Die strategische Absicht ist aus dem Schlusssatz zu entnehmen. „Die Einnahme dieser Stadt bedeutet politisch und wirtschaftlich einen entscheidenden Erfolg, darüber hinaus den Ausfall des wichtigen Eisenbahnknotenpunktes.“ Beim wirtschaftlichen Erfolg wird auf die frühzeitige Besitznahme des wehrwirtschaftlich wichtigen Donez-Beckens im Süden gehofft und im Norden „das schnelle Erreichen von Moskau“ erwartet. Nur zur Erinnerung, schon vor 129 Jahren, hatte Kaiser Napoleon in der Nacht des 24. Juni mit einem Brückenschlag über die Memel bei Kaunas/Litauen Russland angegriffen und war im darauffolgenden Winter vor Moskau mit seiner Grande Armée gescheitert.

Um politisch und operativ den „Fall Barbarossa“ einzuordnen ist auf einige NS-außen- und innenpolitische Ereignisse in aller Knappheit hinzuweisen. Kurz nach der Machtübernahme Hitlers am 30. Januar 1933 wurden die Spitzen der Reichswehr von ihm über seine politischen Ziele informiert. Dazu gehörte u.a. die Absicht, eine totale Umgestaltung der europäischen Lebensordnung nach rassenideologischen Prinzipien, dessen Kern ein radikaler, universaler Antisemitismus war. Russland galt als Eroberungsziel für notwendigen „Lebensraum im Osten.“ Das sollte geschehen, nach dem Frankreich ausgeschaltet war, um nicht einen Zweifrontenkrieg zu führen. Die dafür notwendige Kampfkraft, personell und materiell zu erreichen, wurde am 16. März 1935 das „Gesetz für den Aufbau der Wehrmacht“ erlassen. Was mit diesem Gesetz eingeleitet worden war, wurde mit der Verkündung des Wehrgesetzes vom 21. Mai 1935 vollendet. Schon ein Jahr später, am 7. März 1936, marschierte die Wehrmacht mit 30.000 Mann in die entmilitarisierte Zone im Rheinland ein. Diesen Bruch des Versailler und des Locarno-Vertrags nahmen die Westmächte hin. Am 18. Juli 1936 begann in Spanien ein Bürgerkrieg. Die Wehrmacht kämpfte hier mit Heer und Luftwaffe in der „Legion Condor“ an der Seite des Putschisten Franco und sammelte Kampferfahrungen und technische Kenntnisse bei den Waffensystemen.

Am 14. März 1938 wird die „Wiedervereinigung“ mit Österreich verkündet. Auch hier reagieren die europäischen Mächte mit Protesten, mehr aber auch nicht. Bei der Münchner Viermächtekonferenz (Frankreich, England, Italien, Deutschland) am 29./30. September 1938 einigten sich die Vier auf das Abtreten des Sudetenlandes an das Deutsche Reich. Mit dieser Appeasement-Politik glaubte man den Frieden in Europa gerettet zu haben. Das täuschte, mit der Besetzung der Resttschechei am 15. März 1939 und der Einverleibung des Memellandes. Sieben Tage später waren die Voraussetzungen für die große Ziele geschaffen. Der Hitler-Stalin-Pakt vom 23. August 1939 brachte für das Reich die Isolierung Polens, damit die Vermeidung eines Zwei-Fronten-Krieges und garantierte Rohstofflieferungen aus der UdSSR. Ein Krieg im Westen ermöglichte der UdSSR die Ausdehnung eigener geopolitischer Interessen nach Osten. So würde sie nicht in einen Krieg zwischen kapitalistischen und faschistischen Kräften verwickelt.

Ein Irrtum, schon am 1. September 1939 beginnt der Angriff auf Polen.  Mit der „Weserübung“ Anfang April 1940 wurden Dänemark und Norwegen besetzt. Der schnelle, erfolgreiche Westfeldzug gegen Frankreich vom 10. Mai bis 22. Juni 1940 versetzte die politische und militärische Reichsführung in Euphorie, nun alles erreichen zu können. Das Scheitern der Luftschlacht um England (Juli – November 1940) dämpfte sie nicht. Nun wollte Hitler Südosteuropa neu ordnen. Jugoslawien und Griechenland wurden im Frühjahr erobert. Der Bundesgenosse Italien hatte im März 1941 englische Besitzungen in Nordafrika angegriffen, konnte den englischen Truppen aber nicht standhalten. Hitler sah sich gezwungen, deutsche Truppen zur Unterstützung nach Afrika zu schicken.

Damit zurück zu „Barbarossa“. Obwohl Stalin durch Spionageinformationen von Hitlers Absicht unterrichtet war, glaubte er ihnen nicht. Am Vormittag des 22. Juni 1941 überreichte der deutsche Botschafter in Moskau dem russischen Außenminister ein Memorandum, das keine „Kriegserklärung“ enthielt. Am 3. Juli wandte sich Stalin in einer Rundfunkansprache an die Bevölkerung und rief zum „Vaterländischen Krieg“ auf. Er bildete ein Staatliches Verteidigungskomitee und übernahm den Vorsitz.

Den militärischen Anfangserfolgen der Wehrmacht in den ersten Monaten folgte aber bald die Ernüchterung im Oberkommando des Heeres, das Hitler am 19. Dezember auch noch übernahm. Personalverluste konnten nicht mehr ersetzt werden, der Verschleiß von Waffen und Gerät stellte die Truppe vor unlösbare Herausforderungen, die Nachschubwege für Verpflegung, Munition, Ersatzteile, Sprit u.a. wurden immer länger, Partisanen im Hinterland störten diese und die Regenzeit kündigte sich an.

Russische Verbände wurden aus dem Osten abgezogen und an die Westfront verlegt, da durch Spionageinformationen bekannt wurde, dass Japan die UdSSR nicht angreifen würde. Am 7. Dezember griff Japan die Pazifikflotte der USA im Hafen von Pearl Harbor an, einen Tag später erklärten die USA Japan den Krieg. Als Partner der Achse Berlin – Rom – Tokio machten das daraufhin auch Deutschland und Italien am 11. Dezember gegenüber den USA. Damit wurden aus den Kämpfen rund um den Globus der Zweite Weltkrieg. Von nun an lieferte die USA an die UdSSR Flugzeuge, Panzer, Geschütze, Schlepper, Lokomotiven, Fahrzeuge aller Art, Traktoren, Handwaffen und persönliche Ausrüstungsgegenstände. Mit der Kapitulation der eingekesselten 6. Armee in Stalingrad am 31. Januar 1943 kann man den „Fall Barbarossa“ als beendet betrachten. Von den etwa 90.000 Gefangenen kehrten nur 5000 zurück. Insgesamt ließen 5,3 Millionen deutsche Soldaten ihr Leben auf allen Kriegsschauplätzen. Die meisten Todesopfer im „Großen Vaterländischen Krieg“ hatte jedoch die Sowjetunion mit über 24 Millionen Menschen, darunter mehr als 13 Millionen Soldaten.

Schließlich bleibt die Frage, warum eine Rückblende auf ein Ereignis vor 80 Jahren? Die Antwort lautet, weil damit die nationalsozialistische Ideologie, Antibolschewismus, Antisemitismus und die Rassenideologie in den NS-Vernichtungskrieg Einzug gefunden hatten. Mit der Kapitulation der Wehrmacht am 8. Mai 1945 endete das Dritte Reich und der Krieg in Europa.

 

 

 

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