Wie der Kuba-Konflikt 1962 gelöst wurde

Wie der Kuba-Konflikt 1962 gelöst wurde

Durch das Handeln politischer Führer zweier Atommächte und des Generalsekretärs der Vereinten Nationen (VN) wurde vor sechzig Jahren ein geopolitischer Konflikt gelöst. Der russische Diktator, der ukrainische Präsident und der VN-Generalsekretär sollten diesem Beispiel folgen. Der Krieg in der Ukraine muss ein Ende haben. Die älteren GSP-Mitglieder werden sich noch an das Geschehen um Kuba erinnern, für die jüngeren ein Rückblick: Im Oktober 1962 stationiert die Sowjetunion Mittelstreckenraketen auf der Karibikinsel, direkt „vor der Haustür“ Amerikas. „Thirteen Days“ besteht die Gefahr für den 3. Weltkrieg. Nach der Berlin-Blockade 1948 und dem Bau der Berliner Mauer 1961 ist es die bedrohlichste Konfrontation der beiden atomaren Großmächte.

Seit Ende August 1962 weiß der amerikanische Präsident John F. Kennedy, dass die Sowjetunion defensive Boden-Luft-Raketen (Surface to Air Missile-SAM) und Kampfflugzuge auf Kuba stationieren. Nach einem weiteren Aufklärungsflug mit einer U-2 am 14. Oktober steht fest, dass um San Cristobal, im Westteil der Insel, Abschussrampen für Mittelstrecken-Raketen (MRBM-Medium Range Ballistic Missile/Reichweite bis 1.600 Kilometer) und um Guanalay für Mittelstreckenraketen mit größerer Reichweite (IRBM-Intermediate Range Ballistic Missle/Reichweite bis 3.500 Kilometer) aufgebaut werden.

Der Präsident wird über den Sachverhalt informiert und beurteilt die Lage mit seinen engsten Beratern. Drei Fragen ergeben sich: 1. Wie groß ist das Ausmaß der atomaren Bedrohung durch die Raketenstationierung? 2. Was sind die Gründe und Ziele sowie die Absichten der Sowjets? 3. Was kann dagegen getan werden?

An der Spitze der Sowjetregierung steht als Ministerpräsident und Erster Sekretär der Kommunistischen Partei Nikita Chruschtschow. In Kuba ist seit Februar 1959 der Revolutionär Fidel Castro an der Macht. Exilkubaner hatten sich in den USA, mit Billigung des amerikanischen Geheimdienstes, für eine Invasion vorbereitet, um Fidel Castro und sein kommunistisches Regime zu stürzen. Am 17. April 1961 landen rund 1.300 Exilkubaner in der Bahia de Cochinos, der „Schneinebucht“ auf der Inselsüdseite und versuchen sich bis nach Havanna durchzukämpfen. Das Unternehmen misslingt, über 1.100 Exilkubaner werden gefangen. Amerika muss für den „Freikauf“ mit Lebensmitteln, Medikamenten und Bargeld zahlen. Das Verhältnis Kubas zu den USA verschlechtert sich und die Marine-Basis Guantánamo ist ein weiterer Stachel in Castros Augen.

Ausdehnung des sowjetischen Einflussbereiches

Nun versucht sich Fidel Castro politisch stärker mit der Sowjetunion zu verbinden, was diesen gelegen kommt. Sie sehen eine Chance, ihren geopolitischen Einfluss auszudehnen. Eine Militärbasis auf Kuba wäre ein guter Stützpunkt im mittel- und südamerikanischen Raum. Militärberater und Rüstungsgüter sind bereits im Land. Mit Militärhilfe durch atomare Angriffsraketen haben die Amerikaner aber nicht gerechnet. Ab Montag, dem 15. Oktober 1962 wissen sie es besser. Im Umfeld des Präsidenten bilden sich zwei Lager. Das eine, meist Militärs, raten zum Präventivschlag gegen den noch nicht abwehrfähigen Gegner mit anschließender Invasion Kubas, um auch das Castro-Regime ein für alle Mal loszuwerden. Die „Tauben“ raten zu Zeitgewinn und Verhandlungen.

Die gesamten US-Streitkräfte in der Welt werden in Alarmbereitschaft versetzt, vier taktische Jagdbombergeschwader in Gefechtsbereitschaft, 100 Kriegsschiffe und Truppentransporter zusammengezogen. Um Kuba zu isolieren, wird eine „Quarantäne“ beschlossen. „Quarantäne“ statt „Blockade“ deshalb, weil eine „Blockade“ als Kriegshandlung einzustufen wäre. 800 Kilometer um Kuba beträgt der Radius, dadurch können MIG-Flugzeuge von Kuba aus die amerikanischen Quarantäne-Schiffe nicht erreichen.

Der amerikanische Präsident informiert die Weltöffentlichkeit

Am 22. Oktober wendet sich Präsident Kennedy mit einer von allen Fernseh- und Rundfunkstationen Amerikas übertragenen Rede an die Nation: „Guten Abend, meine lieben Landsleute.“ Kennedy schildert darin die durch die Sowjets heraufbeschworene bedrohliche Konfrontation. Dann folgen seine Gegenmaßnahmen, die mit einem Appell an den sowjetischen Ministerpräsidenten enden:

 „Ich fordere den Vorsitzenden Chruschtschow auf, die geheime, verantwortungslose und provokante Bedrohung des Weltfriedens und der Beziehungen zwischen unseren beiden Nationen zu beenden. Ich fordre ihn ferner auf, seine Versuche, die Welt zu beherrschen, aufzugeben und sich an den historischen Bemühungen zu beteiligen, den Rüstungswettlauf zu beenden und damit den Lauf der Weltgeschichte in neue Bahnen zu lenken. Jetzt hat er Gelegenheit, die Welt vom Rand des Abgrunds zurückzuführen. Dabei muß er sich nur an sein eigenes Wort halten, dass er keine Raketen außerhalb des Gebietes der Sowjetunion postieren werde, und diese Waffen aus Kuba zurückzuziehen.“

Den Vorsitz im Weltsicherheitsrat hat der sowjetische Delegierte. Die USA fordern eine Sondersitzung, diese soll „eine gefährliche Bedrohung des Friedens und der Sicherheit“ behandeln, „verursacht durch den geheimen Aufbau von Abschussrampen und die Einfuhr von Langstreckenraketen nach Kuba, die nukleare Sprengköpfe gegen fast alle Teile Nord- und Südamerikas tragen können“. Danach soll der Sicherheitsrat: 1. Die Sowjetunion auffordern, ihre Raketen und Bomber sofort aus Kuba zurückzuziehen; 2. Generalsekretär U Thant zu ersuchen, eine Gruppe von VN-Beobachtern nach Kuba zu entsenden, die den Abbau der Basen kontrollieren und der Weltorganisation Bericht erstatten sollte, 3. Das Ende der Quarantäne anordnen, sobald die Beobachter die Entfernung der Raketen bestätigt hätten; 4. den USA und der Sowjetunion empfehlen, sofortige Verhandlungen zur Eliminierung der bestehenden Bedrohung aufzunehmen.

Rund um den Erdball werden alle diplomatischen Kanäle benutzt, um den demokratischen, den neutralen und den blockfreien, aber auch den kommunistischen Staaten die größte Konfrontation seit der Berlin-Krise und dem Mauerbau darzulegen. Am 24. Oktober tritt die „Quarantäne“ in Kraft. Sowjetische Schiffe nähern sich dem Kordon. Auf Kuba wird weiter an Raketenstellungen und Infrastruktur gearbeitet. Amerikanische Luftaufnahmen werden in der Presse und im Fernsehen der Weltöffentlichkeit als Beweis bekannt gemacht.

Die Vereinten Nationen werden tätig

U Thant richtet an die Führer der beiden Weltmächte einen Appell ... „zusammenzutreffen und über eine friedliche Lösung der Probleme zu beraten.“ Der Appell schließt mit den Worten: „In diesem Zusammenhang bin ich gern bereit, den Parteien alle guten Dienste, die auszuführen ich in der Lage bin, zur Verfügung zu stellen. Ich richte daher an Eure Exzellenzen den dringenden Appell, sich mit dieser Botschaft sofort zu befassen“.

Chruschtschow und Kennedy antworten und erklären sich mit U Thants Vorschlägen einverstanden, der danach beide Seiten auffordert, Zwischenfälle auf See zu vermeiden, denn hier ist die Gefahr einer unbeabsichtigten Eskalation am größten. Die Versenkung eines sowjetischen Schiffes durch ein amerikanisches Kriegsschiff, hätte Chruschtschow unweigerlich in die Situation eines Gegenschlages gebracht.

Am Freitag, dem 26. Oktober wird der Frachter „Marcula“ von einer amerikanischen Entermannschaft kontrolliert. Das Schiff, einmal ein amerikanisches, jetzt in panamaischen Besitz, im Libanon registriert, ist von den Sowjets für eine Fahrt von Riga nach Kuba gechartert. Nachdem kein Kriegsmaterial an Bord festgestellt wird, kann es weiterfahren. Mit dieser demonstrativen Überprüfung machen die Amerikaner klar, dass das nächste Schiff, dass durchsucht wird, ein sowjetisches wäre.

Neben den offiziellen diplomatischen Verbindungen zwischen den USA, der Sowjetunion und den Vereinten Nationen laufen die „inoffiziellen“. Eine geheime Botschaft Chruschtschows an den Präsidenten, die in vier Teilen – wegen der Übersetzung in Moskau - im Laufe des Abends in Washington eintrifft, wird eingehend analysiert. Die Meinungen im Exekutivausschuss des Nationalen Sicherheitsrates, den der Präsident im Rahmen der Kuba-Krise gebildet hat, gehen auseinander. Aber die meisten Teilnehmer haben trotzdem den Eindruck, dass eine weitere Eskalation nicht zu erwarten ist.

Der Gipfel der Krise ist erreicht

„Jetzt kann es so oder so ausgehen“, sagt der Präsident am Samstag, dem 27. Oktober zu einigen seiner Mitarbeiter. Während der Beratungen auf das Chruschtschow Angebot erfährt der Exekutivausschuss über Radio Moskau den Inhalt eines zweiten „Nikita-Briefes“. Hier spielen die in der Türkei stationierten amerikanischen Jupiter-Raketen eine Schlüsselrolle. Deren Abbau war von Kennedy zwar längst vorgesehen, aber von den Militärs noch nicht in die Tat umgesetzt.    

Abends geht ein Brief des Präsidenten an Chruschtschow. Er schreibt: „Werter Herr Vorsitzender, ich habe Ihren Brief vom 26. Oktober mit größter Aufmerksamkeit gelesen und begrüße Ihre erklärte Bereitschaft, eine prompte Lösung des Problems zu suchen. Das erste, was jedoch geschehen muß, ist die Einstellung aller Arbeiten an den offensiven Raketenstellungen in Kuba und die Liquidierung – unter der Kontrolle der Vereinten Nationen – aller Waffensysteme auf der Insel, die aggressiven Zwecken dienen können.“

Im letzten Absatz des Briefes führt er aus: „Eine andauernde Bedrohung oder langwierige Verhandlungen, in denen die kubanische Frage mit dem breiteren Komplex der europäischen und der Weltsicherheit verknüpft würde, können indessen zweifelsohne nur zu einer Verschärfung der kubanischen Krise führen und den Weltfrieden ernsthaft gefährden. Aus diesem Grunde hoffe ich, dass wir rasch zu einer Übereinkunft gemäß den Richtlinien dieses Briefes und Ihres Schreibens vom 26. Oktober gelangen können.“ Nach einer Nacht, in der die amerikanischen Alarmvorbereitungen auf Hochtouren laufen, beginnt Radio Moskau am Sonntagmorgen des 28. Oktober um 09.00 Uhr Washingtoner Zeit eine Erklärung Chruschtschows zu verlesen. Den offiziellen Text des Briefes bekommen die Amerikaner erst Stunden später.

Die Vernunft hat gesiegt

Kennedy antwortet sogleich, die Erklärung wird über die „Stimme Amerikas“ nach Moskau ausgestrahlt. Er sagt u.a. „Ich begrüße den staatsmännischen Entschluss des Vorsitzenden Chruschtschow, den Bau von Stützpunkten auf Kuba einzustellen, die Offensivwaffen abzubauen und sie unter Kontrolle der Vereinten Nationen in die Sowjetunion zurückzusenden. Dies ist ein wichtiger und konstruktiver Beitrag zur Erhaltung des Friedens“. Am Nachmittag wird die offizielle Antwort des Präsidenten Moskau übermittelt. Hier heißt es u.a.: „Ich stimme mit Ihnen überein, dass wir unsere Aufmerksamkeit dringend der Frage der Abrüstung zuwenden müssen; sowohl in einem globalen Zusammenhang als auch im Hinblick auf besondere Krisengebiete. Jetzt, nachdem die große Gefahr vorbei ist, wird es vielleicht möglich sein, in diesen Belangen wesentliche Fortschritte zu erzielen. Ich glaube aber, dass wir das Problem der Weiterverbreiterung von Kernwaffen, auf der Erde wie auch im Weltraum, mit Vorrang behandeln sollten, ebenso die Frage eines Atomteststoppvertrages.“

Entspannung und Rüstungskontrolle werden in Gang gesetzt

Nach zwei Wochen normalisiert sich das Verhältnis der beiden Weltmächte. Auch Fidel Castro, der eine eigenständige politische Rolle spielen wollte, beugt sich dem Druck von Außen. Die Raketen und die Iljuschin-Bomber werden abgezogen, die Quarantäne nach 27 Tagen aufgehoben. Nach Beendigung der Kuba-Krise macht sich auf beiden Seiten die Ansicht breit, dass eine dauerhafte Aggression den Weltfrieden nur unsicher macht. Konfrontation soll durch Entspannung und Aufrüstung durch Rüstungskontrolle abgelöst werden. Eine der ersten Maßnahmen ist die Einrichtung des „Heißen Drahtes“, auch „Rotes Telefon“ genannt, zwischen dem Moskauer Kreml und dem Weißen Haus in Washington. Am 5. April 1963 wird es in Betrieb genommen.

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