Wir erinnern: Charles de Gaulle 1890 - 1970

Wir erinnern: Charles de Gaulle 1890 - 1970

Am 9. November jährt sich der Todestag von Charles des Gaulle. In Frankreich wird an diesem Tag an den Mann erinnert, den die meisten Franzosen, sieht man von den Royalisten ab, für den bedeutendsten Staatsmann ihrer Geschichte im 20. Jahrhundert halten. Grund genug sich auf die Spuren von „Mon General“ - wie ihn die Franzosen nennen - zu begeben, denn er hat auch in Deutschland Spuren hinterlassen.

Bundesskanzler Konrad Adenauer und Staatspräsident Charles de Gaulle unterzeichnen den „Elysee-Vertrag“ (Foto: Bundesbildstelle)

Bundeskanzler Konrad Adenauer und Staatspräsident Charles de Gaulle in der Kathedrale von Reims (Foto: Bundesbildstelle)

Staatspräsident Charles de Gaulle und Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß an der Führungsakademie in Hamburg (Foto: Bundesbildstelle)

Am 22. November 1890 wird Charles de Gaulle als Sohn eines Gymnasiallehrers in Lille geboren. Er wächst in einer konservativ-katholisch geprägten Intellektuellenfamilie auf. 1908 tritt er in die von Napoleon 1802 gegründete Offizierschule des Heeres Saint-Cyr ein. 1912 ist die Ausbildung mit der Beförderung zum Leutnant beendet und er wird in die Armee übernommen. Während der Ausbildung hat er Deutsch gelernt. Seine erste Truppenverwendung ist beim 33. Infanterieregiment in Arras. Dessen Kommandeur ist Oberst Philippe Pétain, später Marschall und mit dem Hitlerregime kollaborierender Staatschef des Vichy-Regimes.

Im Ersten Weltkrieg wird de Gaulle mehrmals bei Gefechten verwundet und im März 1916 gerät er als Hauptmann in deutsche Kriegsgefangenschaft. Nach erfolglosen Fluchtversuchen wird er in ein Gefangenlager in die Festung Ingolstadt verlegt. Hier ist auch der zaristische Offizier Michail Tuchatschewski inhaftiert, der 1917 fliehen kann. In der Roten Armee wird er dann einer der ersten Marschälle, fällt aber den stalinistischen Säuberungen zum Opfer und wird am 11. Juni 1937 in Moskau hingerichtet. Nach einem weiteren Fluchtversuch wird Hauptmann de Gaulle, der mit seiner Größe von fast 2 Metern auffällt, 1918 auf die Hohenzollernfestung Wülzburg in der Nähe von Weißenburg in Bayern inhaftiert. Eine dort angebrachte Gedenktafel erinnert an seinen damaligen unfreiwilligen Aufenthalt.

Mit Kriegsende kehrt de Gaulle nach Frankreich zurück und wird zur französischen Militärmission nach Polen als Ausbilder für die neu aufzustellende Armee kommandiert. Nach Rückkehr in die Heimat heiratet er. Dem Dienst im Stab der Rheinarmee in Mainz folgt die Versetzung in das Kabinett von Marschall Pétain. 1927 bekommt er ein Truppenkommando als Bataillonskommandeur in Trier. Pétain hat die strategische und schriftstellerische Begabung de Gaulles schon früh erkannt und fördert sie. 1932 veröffentlicht de Gaulle sein erstes Buch unter dem Titel „Der Faden des Schwertes“. Das stößt in der französischen Generalität nicht auf Zustimmung und trägt vermutlich auch zu seiner Versetzung ins französische Mandatsgebiet Libanon nach Beirut bei. Nach Rückkehr nach Paris wird er als Sekretär im Nationalen Verteidigungsrat verwendet, dessen Leitung Petain hat. 1934 erscheint sein Buch „In Richtung auf eine Berufsarmee“. Die Ideen der Schaffung einer Berufsarmee mit einem verantwortlichen Oberbefehlshaber oder die Aufstellung von Panzerverbänden sind hier zu finden. Allerdings finden seine Gedanken beim sozialistischen Ministerpräsidenten Léon Blum und seiner Regierung aber auch im Generalstab keinen Widerhall. Hingegen ist auf der anderen Seite des Rheins der Aufbau der Panzerwaffe in vollem Gange. De Gaulle lässt aber nicht locker und so bekommt „Colonel Motors“, sein Spitzname in der Truppe, dann doch Anfang 1937 das Kommando über das aufzustellende Panzerregiment in Metz.

Am 10. Mai 1940 beginnt mit dem „Fall Gelb“ der Westfeldzug gegen die Niederlande, Belgien, Luxemburg und der „Fall Rot“ setzt am 5. Juni die deutschen Angriffe gegen Frankreich fort. Nach dem Blitzfeldzug ist Frankeich geschlagen. Der Waffenstillstand tritt am 25. Juni in Kraft. De Gaulle führt in den Abwehrkämpfen gegen die Wehrmacht die 4. Panzerdivision und wird am 1. Juni zum jüngsten Géneral de Brigade [Anm. Im Gegensatz zum Brigadegeneral trägt er 2 Sterne] des französischen Heeres befördert und am 6. Juni zum Unterstaatssekretär für nationale Verteidigung ernannt. Er lehnt den Waffenstillstand ab den Pétain will, fliegt nach England und vereinbart mit dem britischen Premierminister Winston Churchill die Fortsetzung des Kampfes gegen die deutschen Truppen. Er fliegt nach Bordeaux, dem Sitz der provisorischen Regierung, kann Pétain aber nicht abhalten den Waffenstillstand zu unterzeichnen. Er kehrt nach England zurück. Am 18. April wendet er sich über den englischen Rundfunksender BBC an das französische Volk und fordert es auf…“die Flamme des Widerstandes darf nicht erlöschen und wird auch nicht erlöschen“.

Am 25 Juni gründet de Gaulle in London das Komitee „Freies Frankreich“, wird Chef der “Freien Französischen Streitkräfte und des „Nationalen Verteidigungskomitees“.  Im Heimatland wird er von der Vichy-Regierung wegen Hochverrat Mitte 1940 zum Tode verurteilt. In den nächsten Kriegsjahren gelingt es dem politisch Taktierenden immer wieder Frankreichs Interessen bei den Alliierten durchzusetzen.  Am 25. August 1944, dem Tag der Befreiung von Paris, marschiert er als Triumphator auf der Avenue des Champs-Élysées vom Triumphbogen zu dem Place de la Concorde hinunter. Einen seiner größten politischen Erfolge erzielt der General im Februar 1945 auf der Konferenz von Jalta. Es ist die Anerkennung durch die „Großen Drei“, dass Frankreich Besatzungsmacht in Deutschland wird und einen Sektor in Berlin erhält.

Am 13. November 1945 wird der General zum Präsidenten der provisorischen Regierung ernannt. Wegen Meinungsverschiedenheiten mit dem Parlament, das ihm als zukünftigen Präsidenten der IV. Republik nicht die Machtbefugnisse zubilligen will, die er sich vorstellt, tritt er Ende Januar 1946 zurück. Der Versuch mit einer neu gegründeten Partei das durchzusetzen misslingt, so dass er sich 1953 nach Colombe-les-Deux-Églises zurückzieht. Bis zu seiner Rückkehr auf die politische Bühne dauert es fünf Jahre. Inzwischen hat Frankreich den Indochinakrieg verloren und in Algerien verblutet Frankreich Jugend. De Gaulle entzieht sich nicht dem Ruf der Nation nach einem starken Mann, dem das Volk zutraut die anstehenden Probleme zu lösen. Am 1. Juni 1958 tritt er als Ministerpräsident an. Für sechs Monate erhält er weitreichende Machtbefugnisse und eine neue Präsidialverfassung wird erarbeitet. Das Referendum darüber, mit 83 Prozent angenommen. 

Am 14./15 September 1958 treffen sich Bundeskanzler Konrad Adenauer und de Gaulle in seinem Landhaus im lothringischen Colombey-les-deux-Églises. Bei dieser Begegnung werden die Weichen für die weitere Annäherung beider Völker gestellt. Am 21. Dezember wird de Gaulle mit 78 Prozent der Stimmen zum Präsidenten der V. Republik gewählt und übernimmt am 8. Januar 1959 das Amt. Eine der ersten außenpolitischen Maßnahmen ist der Aufbau der Force de Frappe, um in der Allianz der Atommächte mitreden zu können. Die Unabhängigkeit Algeriens ist ein weiterer Schritt aus der verfahrenen Kolonialsituation. Zwei schwere politische Krisen dieser Zeit, der Bau der Berliner-Mauer 1961 und die Stationierung sowjetischer Mittelstreckenraketen auf Kuba 1962 machen deutlich, dass die Bundesrepublik und Frankreich nur gemeinsam gegen Moskau intervenieren können. Während der Berlinkrise haben der Präsident und der Kanzler ständigen Kontakt.  Vom 2. bis 8. Juli 1962 macht Konrad Adenauer einen Staatsbesuch in Frankreich. Die Bevölkerung bringt dem Kanzler große Sympathie entgegen. Der Besuch beider Staatsmänner beim Versöhnungsgottesdienst in der Kathedrale in Reims ist einer der Höhepunkte. Die Bilder gehen um die Welt. Der Gegenbesuch des Staatspräsidenten findet vom 4. bis 9. September statt. Bonn, Köln, Düsseldorf, Hamburg, München, Ludwigsburg und Stuttgart sind Stationen dieser Reise. In Hamburg ist „Mon General“ Gast der Führungsakademie der Bundeswehr. Verteidigungsminister Franz Josef Strauß empfängt ihn.  Für seinen Auftritt hat er die Uniform angezogen. In seiner Ansprache erläutert er, dass eine Kooperation beider Staaten zu besseren Möglichkeiten der Verteidigung und der militärischen Forschung führen. Er zitiert Carl Zuckmayer „War es gestern unsere Pflicht Feinde zu sein, ist es heute unser Recht Brüder zu werden.“ In Ludwigsburg hält er eine Rede an die deutsche Jugend. Der Staatsbesuch gleicht einem Triumphzug. Die Anerkennung der Deutschen als eines „großen Volkes“ nimmt einen Teil des Schuldkomplexes durch einen früheren Gegner.

Ein weiterer bedeutender Schritt hin zu einer Normalisierung zwischen den einst verfeindeten Staaten findet am 22. Januar 1963 im Saal Murat des Präsidentenpalais in Paris statt. De Gaulle und Adenauer setzen ihre Unterschriften unter einen Vertrag. In Deutschland wird er schnell als „Freundschaftsvertrag“, in Frankreich als „traite de l´Elysée“ bezeichnet. Die Umarmung beider wird vom Blitzlichtgewitter der Fotografen begleitet. Bei der Ratifizierung durch den Deutschen Bundestag wird ihm allerdings eine Präambel vorangestellt. Sie betont die Aufrechterhaltung der bestehenden Beziehungen zu den Vereinigten Staaten von Amerika, zu Großbritannien und zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft. Für de Gaulle ist das fast wie eine politische Niederlage. Die „unilaterale Präambel“ vor einem bilateralen Vertrag „die seinen ganzen Sinn änderte“ entspricht nicht seinem Staatsverständnis. Für den 87-jährigen Bundeskanzler Konrad Adenauer ist die Aussöhnung mit Frankreich die letzte entscheidende politische Leistung seiner Amtszeit. Nach vierzehn Kanzlerjahren tritt er am 15. Oktober 1963 zurück.

De Gaulle siegt am 19. Dezember 1965 im zweiten Wahlgang gegen Francois Mitterrand. Anfang 1966 fordert er von der NATO ihre Einrichtungen in Frankeich unter französischen Befehl zu stellen. Darauf lässt sich die NATO nicht ein und Frankreich zieht seine Soldaten aus den integrierten Stäben ab. Ebenso wird das Hauptquartier von Fontainebleau ins belgische Brunssum verlegt. Die Studentenrevolte vom Mai 1968 und Streikwellen in Frankreich erschüttern seine Autorität, Demonstranten fordern den Rücktritt. Das Ende seiner Amtszeit leitet das verlorene Referendum über eine Regionalreform ein. Er hat schon vorher angekündigt das zu tun, sollte keine Zustimmung erfolgen. Sie wird abgelehnt und kurz nach Mitternacht am 28. April 1969 gibt der Staatspräsident seinen Rücktritt bekannt. Er zieht sich auf seinen Landsitz zurück und arbeitet an seinen Memoiren. Dafür bleibt ihm nur ein Jahr Zeit, denn schon am 9. November 1970 stirbt er. Ein Staatsbegräbnis hat de Gaulle in seinem Testament abgelehnt, so dass die Beisetzung am 12. November in Colombey erfolgt. In der Kathedrale Notre-Dame in Paris findet am gleichen Tag ein Requiem statt. Über 80 Staats- und Regierungschefs aus der ganzen Welt nehmen daran teil.

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