Sektion Bonn

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Donnerstag, 13.06.2024 - 19:00

BRICS-Staaten – neue Herausforderer auf der Weltbühne

Die „BRICS“-Staaten Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika sind ein informelles Forum ohne institutionelle Organisation. Sie repräsentieren einen großen Anteil an der Weltbevölkerung und an der globalen Wirtschaft. Gemeinsame Idee ist es, als Gruppe entwicklungsfähiger Volkswirtschaften außerhalb des G7-Raums als Gegenpol zu den Industriestaaten des Westens zu wirken. Dieses kam insbesondere beim Krieg in der Ukraine oder in Gaza zum Ausdruck, bei dem die BRICS-Staaten überwiegend kritische Distanz zu westlichen Reaktionen zeigten.
Vortrag (Präsenz) + Videokonferenz
Referent: Prof. Dr. Heinemann-Grüder , Bonn International Centre for Conflict Studies (BICC)

Prof. Dr. Andreas Heinemann-Grüder, Uni Bonn © Richard Rohde


Elisabeth Bauer, WIIS © Richard Rohde


Interessierte Zuhörer © Richard Rohde


Joachim Schulz, Sektion Bonn © Richard Rohde


vlnr: Christiane Heidbrink, JGSP Bonn, Roland Heckenlauer, StvSL Sektion Bonn, Elisabeth Bauer, WIIS, Prof. Dr. Heinemann-Grüder, Uni Bonn, Joachim Schulz, Sektion Bonn © Richard Rohde

 

Nachbericht zur Veranstaltung „BRICS-Staaten – neue Herausforderer auf der Weltbühne“

Prof. Dr. Andreas Heinemann-Grüder, Research Fellow am Global Public Policy Institute (GPPI) in Berlin sowie Senior Fellow beim Center for Advanced Security, Strategic and Integration Studies (CASSIS) und außerplanmäßiger Professor für Politikwissenschaft an der Universität Bonn, trug im Rahmen einer hybriden Präsenz- und Zoom-Veranstaltung in Kooperation mit Women In International Security (WIIS) zum Thema „BRICS-Staaten – neue Herausforderer auf der Weltbühne“ vor.

Frau Elisabeth Bauer stellte einführend die WIIS vor.

Leitfrage des Vortrages war: Lösen die BRICS-Staaten die „liberale“ Weltordnung ab?

Prof. Dr. Heinemann-Grüder stellte zunächst den Zusammenschluss als ein informelles Netzwerk von vormaligen „Schwellenländern“ vor, das sich als ein Versuch der Alternative zu G-7 etabliert habe. Es gehe den Staaten um ein Vehikel für eine multipolare Weltordnung, als ein Wettbewerber der USA und um die Ent-Dollarisierung des Welthandels- und Finanzsystems. Er verwies auf ihren bedeutenden Anteil an der Weltbevölkerung und am weltweiten BIP. Ein erster Erweiterungsschritt (Ägypten, Äthiopien, Iran und VAR) sei 2024 erfolgt – 40 weitere Staaten bekundeten Interesse.

Es folgten Ausführungen zu den Ambitionen der BRICS-Staaten: Kontrolle über Energienachschub, Finanzen und Entwicklung sowie Frieden und Sicherheit. Er sah dabei mehrere „Treiber“ wie z.B. (1) die Ablehnung der US-Hegemonie und kolonialer Muster, (2) die mangelnde Reform der internationalen Organisationen, (3) die Reaktion auf politisierte westliche Entwicklungspolitik, die auf good governance, Klima, Migrationskontrolle und „Bürgernähe“ poche, (4) Allianz der Autokraten, (5) Abbau von Handelsbarrieren, neue Zahlungssysteme und Handelsrouten, (6) BRICS attraktiv für Investoren aufgrund wirtschaftlicher Stagnation der Industrienationen und (7) alternative Finanzquellen, insbesondere für afrikanische Länder. Auf die einzelnen Punkte ging der Vortragende detailliert ein.

Anschließend betrachtete er afrikanische Interessen und Motive zur Zusammenarbeit mit den BRICS-Staaten wie Export von Öl und Mineralien gegen Import von Infrastruktur und Waffen, gegenseitige diplomatische Unterstützung in den Vereinten Nationen und insgesamt die Überwindung kolonialer Abhängigkeiten.

Nachfolgend stellte der Referent die Beziehung der einzelnen Staaten dieser heterogenen Gruppe dar. China als die dominierende wirtschaftliche Macht, die der wichtigste Handelspartner und Großinvestor der anderen Staaten sei, strategisch in Afrika investiere, aber auch Kritik erfahre wegen der daraus resultierenden marktbeherrschenden Stellung, der mangelnden Umweltstandards sowie der Verschuldung der afrikanischen Länder. Die Verhältnis China-Russland-Iran sei geprägt von Kooperation gegenüber westlichen Sanktionen und dem Rohstoffhunger Chinas. Russland brauche zudem die BRICS-Staaten als Unterstützer im Krieg gegen die Ukraine sowie als Absatzmarkt für seine Produkte (Öl, Gas und Waffen). Brasilien profitiere von den westlichen Sanktionen gegen Russland, da es im Agrarhandel die entstandenen Löcher stopfe und von massiver Investition in seine Öl- und Gasproduktion Nutzen ziehe. Indien treibe trotz aller politischen Differenzen mit China dennoch einen stabilen Handel, fokussiere sich auf Ostafrika, beziehe Öl und Lebensmittel in steigendem Maße aus Brasilien und habe den Handel mit Russland sowohl im Export (Fahrzeuge, Chemie, Maschinen) als auch im Import (Öl, Gas) enorm gesteigert. Südafrika – als wirtschaftlich kleinstes Mitglied - suche Zugang zu Handel, Märkten und ausländischen Direktinvestitionen, eine Verbesserung seiner Reputation sowie eine Absorption von Schocks und Risiken der Globalisierung.

Nach dieser Sachstandsbeschreibung untersuchte Prof. Dr. Heinemann-Grüder die Potenziale und Grenzen von BRICS. Die Staatengruppe stelle ein alternatives informelles Forum zu G-7 dar und Regionalmächte spielten zunehmend eine flexible Rolle, wenn auch nicht unbedingt als regionale Gravitationszentren oder als Agenda-setter. Es blieben aber die grundlegenden Spannungen und Rivalitäten zwischen China-Indien, China-Russland und Russland-Iran. China könne bisher auch noch nicht internationale Finanzinstitutionen führen.

In seinem Fazit stellte der Vortragende u.a. fest: (1) BRICS Institutionen sind schwach; es gibt keine gemeinsame Vision und wenig Aktivitäten jenseits bilateraler Beziehungen; (2) die wirtschaftliche Zusammenarbeit ist bisher begrenzt infolge von internen Spannungen, Koordinationsproblemen und unterschiedlichen Prioritäten; (3) BRICS sollte als Weckruf für westliche Entwicklungspolitik verstanden werden; (4) BRICS verspricht, saubere Klimapolitik zu verfolgen, vertritt aber bisher eine Allianz der fossilen Rohstoffproduzent und -Konsumenten; (5) BRICS Staaten werden in der EU und in der EU Nachbarschaft an Einfluss gewinnen, sofern die EU sich nicht erweitert; (6) BRICS braucht Führung, Innovation und Nachhaltigkeit: durch China?; (7) G-20 bleibt bedeutsamer für „global governance“, besonders für Mittelmächte; (8) die New Development Bank stärkt die Verhandlungsmacht des globalen Südens gegenüber westlichen Finanzinstitutionen und (9) China und Indien sind die beiden Mächte, die internationale Spielregeln ändern und die Süd-Süd-Kooperation ausbauen können.

Letztlich verstehe sich BRICS als Teil der Überwindung jener Ordnung, die von 1945 bis zur Jahrtausendwende vorherrschte. BRICS sehe sich als Freihandel gegen den Protektionismus im Westen.

Die anschließende Diskussion griff den vermeintlichen Abstieg westlicher Industriegesellschaften, die Aspekte von Bi- und Multipolarität der Welt, die Haltung vieler Staaten des globalen Südens zur flexiblen Auswahl der Allianz- und Kooperationspartner, die Rolle der EU, eine gemeinsame BRICS-Währung als Gegenpunkt zum Dollar sowie die Frage nuklearer Macht der BRICS-Staaten auf.

Prof. Dr. Heinemann trug sehr offen und kenntnisreich vor. Er behandelte das Thema umfassend, ohne sich in Details zu verlieren. Seine Darstellung war klar und seine Analyse der politischen und wirtschaftlichen Dimension des Einflusses der BRICS-Staaten für das Publikum nachvollziehbar. Der Vortragende scheute sich nicht, Defizite in der europäischen Wahrnehmung und Reaktion der Entwicklung BRICS beim Namen zu nennen. Insbesondere setzte er sich sehr kritisch mit der Reaktion der EU und speziell der deutschen Entwicklungspolitik auf die veränderte Lage im globalen Süden auseinander: es würden bekannte Muster wiederholt und an alten Konzepten mit einer überbordenden Bürokratie festgehalten. Man habe noch keine Konzepte für angemessenes Handeln gefunden.

Die Offenheit, Klarheit und Direktheit des Vortrages war erfrischend und wurde vom Publikum dankend aufgenommen.

Diese Veranstaltung kann bei YouTube unter Gesellschaft für Sicherheitspolitik nachverfolgt werden.

Den Vortrag finden Sie unter Download der Einladung.

Text: Joachim Schulz, Pressebeauftragter GSP Bonn

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