Sektion Delmenhorst

Sektion Delmenhorst

Mittwoch, 12.10.2022 - 18:30

Wasser, Klima, Energie

Strategische Faktoren für die Analyse von Sicherheitsfragen


Referent: Jörg Barandat

Jörg Barandat (Jg. 1959) war bis Ende 2019 Oberstleutnant i.G. und Dozent unter anderem für „Sicherheitspolitik und Strategielehre“ sowie „Globale Trends und strategisches Denken“ an der Führungsakademie der Bundeswehr, Hamburg. Davor war er unter anderem militärischer Berater im Auswärtigen Amt; Dezernent im Kernstab Operation Headquarters (OHQ) für EU-Militäreinsätze beim Einsatzführungskommando, Potsdam; Referent für Militärpolitik im Bundesministerium der Verteidigung sowie Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik der Universität Hamburg.

Ort: "Oase Haus Adelheide" (Soldatenheim), (vor Delmetal-Kaserne), - Abernettistraße 43 , 27755 Delmenhorst
Organisator: Herr Oberstleutnant a.D. Rolf Dieter Wienand , Sektionsleiter delmenhorst@gsp-sipo.de
Donnermoor 48, 27777 Ganderkesee  04222 / 950221

Referent (links) und Sektionsleiter

 

Eigenbericht zum Vortrag von Oberstleutnant a.D. Jörg Barandat „Wasser, Klima, Energie – strategische Faktoren für die Analyse von Sicherheitsfragen“

am 12.10.2022 vor der Sektion und ihren Gästen.

Vorweg: Wer in Anbetracht aktueller Probleme mit seinem heimischen Energieversorger auf Tipps zum Energiesparen gehofft hatte, wurde sicherlich enttäuscht. Wer aber Wasser und Energie als strategische Faktoren für unsere Sicherheit sieht, kam voll auf seine Kosten. Informativ, spannend, bildreich und von optimistischer Grundhaltung getragen -so lässt sich der Vortrag beschreiben.

Im Einzelnen: Oberstleutnant a.D. Barandat ist Spezialist für Wasser. Seine vielfältigen Veröffentlichungen zum Thema sprechen für sich. Er spannte den Bogen vom Wasser als operativem Faktor in militärischen Operationen im 1. Weltkrieg (Stellungskrieg im Westen und Palästina), 2. Weltkrieg (Nordafrika und Normandie) und ISAF in Afghanistan bis zu Wasser als Waffe bei der hybriden Machprojektion.

Er führte aus, dass es in der Geschichte fast 1300 Konflikte um oder wegen Wasser gab. Dabei war Wasser Auslöser (Syrien 2018, Jemen 2020), Waffe (Bombardierung der Eder-Talsperre, Vernässung von Geländeabschnitten in der Ukraine) oder Opfer (Versalzung von Grundwasser).

Wasser bietet Konfliktpotenzial, kann aber auch Grund für Kooperation sein, so der Redner. Als Beispiel für die kooperative Seite gilt eine Vereinbarung zwischen Jordanien und Israel. So gab Jordanien seine Ansprüche auf das Westjordanland auf und öffnete damit politisch einen Weg zur Lieferung von Solarenergie an Israel, welches seinerseits entsalztes Meerwasser an Jordanien liefert und den See Genezareth als Speicher für gerade nicht genutztes Jordan- und Jarmukwasser zur Verfügung stellt.

Als größten Netzwerker in Sachen Wasser sieht Barandat das UNO-System, insbesondere die UNESCO und deren World Water Assessment Programme. Jährlich wird der Weltwasserbericht herausgegeben. Die nachhaltige Bewirtschaftung der Wasserressourcen ist seitens der UNO zu einem Menschheitsziel erklärt. Allerdings: Aus den gewonnenen Erkenntnissen werden unverändert zu wenig Konsequenzen für die tägliche Praxis gezogen.

Wasser ist eine nicht unbegrenzt verfügbare Ressource, hat aber die Eigenschaft, sich durch den schon aus der Schule bekannten Kreislauf immer wieder zu erneuern.  Allerdings ist diese Erneuerung störanfällig. Als Faktoren, welche sich negativ auf die Erneuerung auswirken sieht Barandat Klimaveränderungen, Extremwetterlagen, vor allem aber Überbeanspruchung der Ressource, die zu Bodenveränderungen und Verdrängung durch Salzwasser führt.

Weil Industrie, Landwirtschaft, Verstädterung und Anbau nachwachsender Rohstoffe („Bio-Sprit“) den Wasserverbrauch weiter anheizen, sieht der Redner die Grenzen des Wachstums erreicht und mahnt vor Kipppunkten. Er beschreibt das ökologische System als hoch komplex und eigendynamisch, was wiederum strategisches Denken erfordert. Eindrucksvoll war die Präsentation eines Mobiles. Es ermöglicht bei Zuführung von  Impulsen auf einzelne Elemente eine Vielzahl von Bewegungen, welche allerdings kaum jemand voraussagen kann.

Fazit: Wasser ist die größte existenzielle Herausforderung. Die Menschheit muss systemisch denken und agieren. Es gibt weniger Erkenntnis- als vielmehr Umsetzungsdefizite.  Das Problem liegt wesentlich im Mangel politischer Führung. Es gibt nicht die „Goldrandlösung“, um die unendlich gerungen werden sollte. Die Lösung sieht Barandat in einem Mix von Maßnahmen die aber aufeinander abgestimmt bzw. gesteuert werden müssen. Dies setzt Aufklärung, Bildung und den Mut zur Veränderung voraus. Der Einzelne kann dazu durchaus seinen Beitrag leisten, indem er sorgsam mit unseren Ressourcen umgeht.  Wer nicht systemisch denken lernt und gar nicht handelt, verliert auf jeden Fall.

Nach zwei Stunden musste der Vortragende leider beenden, ließ aber noch Fragen zu. Nachdem auch diese beantwortet waren, gingen 38 Zuhörer nachdenklich nach Hause.