Sektion Fulda

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Mittwoch, 04.08.2021 - 19:30

Tscherkassy 1944 – ein zweites Stalingrad?

Vortrag und Diskussion
Referent: Oberst a.D. Dr. Karl-Heinz Frieser , Militärhistoriker, ehem. Leiter des Forschungsbereiches „Zeitalter der Weltkriege am MGFA Freiburg i. Breisgau und Potsdam

Oberst a.D. Dr. Frieser studierte Geschichte und Politikwissenschaft an der Universität Würzburg. Bereits 1981 promovierte er dort mit dem Thema „Die deutschen Kriegsgefangenen in der Sowjetunion und das Nationalkomitee Freies Deutschland“.

Von 1985 bis zu seiner Pensionierung 2009 arbeitete er am Militärgeschichtlichen Forschungsamt in Freiburg i. Breisgau und Potsdam, war dort bis 2009 Leiter des Forschungsbereiches „Zeitalter der Weltkriege“. Sein erfolgreichstes Buch „Blitzkrieg-Legende“ avancierte international zum Standardwerk und wurde in sieben Sprachen übersetzt.

Als Berater und Interviewpartner war er an verschiedenen Dokumentarfilmen im Fernsehen beteiligt, etwa an einem Film über den Westfeldzug mit dem Titel „Der seltsame Sieg“. Das Magazin DER SPIEGEL hat diesen Film unter dem Titel „Die Blitzkrieg-Legende“ als DVD seiner Ausgabe vom 16. August 2010 beigefügt.

Ort: Hotel "Jägerhaus", Wintergarten - Bronnzeller Straße 8 , 36043 Fulda-Bronnzell
Organisator: Oberstleutnant d.R. Michael Willi Trost
0661 / 402882

Oberst a.D. Dr. Frieser bei seinem Vortrag


Sektionsleiter Michael Trost dankte Oberst a.D. Dr. Frieser für die "arbeitsintensive Vorbereitung“ des Vortrags.

 

Oberst Frieser zu Gast bei GSP-Fulda:„Tscherkassy 1944– ein zweites Stalingrad ?“
von Pressereferent Michael Schwab, mit Fotos von Gisbert Hluchnik

Die Rivalität zweier russischer Generäle rettete deutschen Soldaten das Leben

Fulda (mb).  Propagandistisch haben sowohl die Sowjets als auch die Deutschen die Kesselschlacht von Tscherkassy für sich als militärischen Erfolg reklamiert. In Wahrheit aber war das grauenvolle Gemetzel nichts anderes als ein entsetzlicher Verlust für beide Seiten: ein Verlust an Menschen – wie an Material. Ob historisch betrachtet „Tscherkassy 1944  – ein zweites Stalingrad?“ gewesen ist, wie Stalins Propaganda behauptete, analysierte der Militärhistoriker Oberst a.D. Dr. Karl-Heinz Frieser auf der ersten Präsenzveranstaltung der Fuldaer Sektion der Gesellschaft für Sicherheitspolitik (GSP).

Egomane Marschälle

Frieser, ehemals Leiter des Forschungsbereiches „Zeitalter der Weltkriege“ am  Militärgeschichtlichen Forschungsamt (MGFA) Freiburg i. Breisgau und Potsdam, hatte seinen Zuhörerinnen und Zuhörern im Bronnzeller Jägerhaus mit seinem Referat eine „Premiere“ versprochen. Eine „Erstaufführung“, die nicht nur äußerst detailreich die Abläufe der Kämpfe in dem von Deutschen gehaltenen Frontbogen nachvollziehbar werden ließ, sondern auch den Machtkampf zweier „egomaner Marschälle“. Die von Stalin forcierte Rivalität zwischen Georgi Konstantinowitsch Schukow und Iwan Stepanowitsch Konjew sowie militärische Fehlentscheidungen waren letztlich verantwortlich für den geglückten Entsatz Tausender deutscher Soldaten. Wie in Stalingrad 1942 wären diese sonst dem Untergang geweiht gewesen.

In der Kesselschlacht von Tscherkassy nahm nach Frieser die unerbittliche Rivalität  der beiden beteiligten späteren Sowjet-Marschälle Schukow und Konjew ihren Anfang, um schließlich in der „Operation Berlin“, der Einnahme der Reichshauptstadt, ihren Höhepunkt zu finden. Schukow galt als der fähigste General Stalins. Erstaunlicherweise überstand er Stalins Säuberungsaktion. Vermutlich weil Schukow ein „Nur-Soldat“ war, der sich nicht für Politik interessierte. Doch selbst Stalins „Feuerwehrmann“ habe in ständiger Angst vor dem System gelebt. Ein Köfferchen, das der spätere Marschall stets bei sich trug, das unter anderem frische Unterwäsche und Seife enthielt, „war Symbol dieser Angst, unvorbereitet zu Stalin befohlen zu werden“, urteilt Frieser. Konjew hingegen, der  ein „Mann der Partei“ war, galt als verbindlich und geschmeidig im Gegensatz zu Schukow. „Konjew mag zwar sympathischer gewirkt haben, war aber alles andere als der ehrliche und geradlinige Schukow.“ Der grauenvolle Preis dieses Kräftemessens: 361.000 Männer und Frauen, die die  Rote Armee bei der „Operation Berlin“ verlor. Sie seien die Opfer eines „Privatduells zweier egomaner Marschälle“ gewesen.

Hass

Doch woher kam dieser abgrundtiefe Hass aufeinander? Frieser sieht den Auslöser in den eigentlichen Ereignissen um die Schlacht von Tscherkassy. Rückblick: Im Juli 1943 scheiterte die letzte deutsche Großoffensive bei Kursk. Am 24./25. September 1943  plante die Rote Armee beim großen Wettlauf zwischen ihr und der Wehrmacht zum Dnjepr bei Bukrin, 80 Kilometer südlich von Kiew, ihre bisher größte Luftlandeaktion. Um einen sechs Kilometer breiten Brückenkopf auf der westlichen Seite zu sichern und auszubauen, sollten drei sowjetische Luftlandebrigaden eingesetzt werden. Doch laut Frieser wurde „alles falsch gemacht, was falsch gemacht werden konnte.“ Die Aktion geriet  für die Rote Armee buchstäblich zum „Griff ins Wespennest“. Die Pläne seien zu spät bekannt gegeben worden. Die deutsche Gegenwehr habe sich formieren können.  Schließlich kamen nur 4.500 von rund 10.000 Luftlandesoldaten zum Einsatz. Viele von ihnen verfehlten ihr Ziel und landeten Dutzende Kilometer entfernt. Oder fielen der erbitterten deutschen Abwehr zum Opfer. Später wurde dieser Einsatz als „Meisterwerk der Luftlandeoperation“ dargestellt. Dennoch gewann die Rote Armee im Winter 1943/1944 südlich von Kiew unaufhaltsam weiter an Raum.

Der rund 70 Kilometer lange „Frontbalkon von Kanew“ nordwestlich von Tscherkassy war schließlich der einzige Abschnitt, der von der Wehrmacht am westlichen Flussufer des Dnjepr noch gehalten werden konnte. Von hier aus hatte Hitler im Frühjahr eine Großoffensive Richtung Kiew eröffnen wollen.  Am „Frontbalkon“ versuchte die Rote Armee in einer groß angelegten Zangenaktion die deutschen Truppen einzuschließen. Bei Zvenigorodka sollten sich die russischen Panzer vereinigen. Zwei deutsche Armeekorps waren dort aufgrund Schukows entschlossenem militärischen Vorgehen eingeschlossen worden. Das Oberkommando der Heeresgruppe Süd unter Generalfeldmarschall Erich von Manstein habe zunächst gelassen auf die Kesselbildung reagiert. Hitler jedoch verbot wie in Stalingrad kategorisch jeden Ausbruchsversuch. 149 Panzer und Sturmgeschütze standen für den Entsatzangriff der eingeschlossenen Deutschen zur Verfügung. Schon bald lief sich der Angriff aufgrund des Geländes und russischen Widerstandes fest. Alles habe auf eine Neuauflage Stalingrads hin gedeutet. Glückliche Fügung des Schicksals: Die Rivalität zwischen Schukow und Konjew. Der intrigante Konjew überredete Stalin in einer entscheidenden Phase der 14 Tage dauernden Kämpfe im Januar und Februar 1944, ihm das Kommando zu übertragen, um den Kessel schnellstmöglich zu liquidieren. Alle Truppen sollten nun ihm unterstellt und Schukow von dieser Aufgabe entbunden werden. Weil die Liquidation des deutschen Kessels, deren Vollzug die Propaganda bereits gemeldet hatte, auf sich warten ließ, nahm Stalin Konjews Angebot an. Er alleine wollte mit seiner 2. Ukrainischen Front die Deutschen vernichten. Ein Affront gegenüber Schukow, dessen Plan ohnehin erfolgversprechender war. Eigentlich schien das Schicksal der eingeschlossenen deutschen Verbände bereits besiegelt zu sein, als sich der Würgegriff für einen Moment lockerte. Dank Konjew griffen große Teile der sowjetischen Truppen gar nicht in die entscheidenden Kämpfe ein. Von dem späteren Bundeswehr-General Johann Adolf Graf von Kielmansegg hatte Frieser nach eigenen Aussagen außerdem erfahren, dass „die deutsche Funkaufklärung den sowjetischen Code geknackt hatte“. Das Oberkommando der Heeresgruppe unter von Manstein erkannte, dass zwischen dem 16. und 17. Februar eine Lücke entstehen würde. Der Generalfeldmarschall reagierte sofort. Von Manstein gab die „Parole Freiheit“ aus mit Ziel Lyssjanka. Die noch im Kessel befindlichen 45.000 Soldaten sollten ausbrechen.

Doch was sollte mit den 1450 nicht  mehr marschfähigen Schwerverwundeten passieren angesichts der akuten Gefahr für zwei Armeekorps? Sie sollten zurückbleiben und an die Rote Armee übergeben werden. Das würde aber das Todesurteil für sie und die Sanitätssoldaten bedeuten. Viele Soldaten brachten es nicht fertig, ihre verwundeten Kameraden im Stich zu lassen. 600 blieben letztlich zurück; und nur ein Teil des Sanitätspersonals. Sie erlitten allerdings ein grausames Schicksal, wurden von russischen Panzern zusammengeschossen oder niedergewalzt.  

Parole Freiheit

Doch die „Parole Freiheit“ hatte unter den deutschen Soldaten für  Euphorie gesorgt. Ihr Angriff erfolgte nach Friesers Schilderung lautlos. Sie wunderten sich über den geringen russischen Widerstand. Ganze Stellungen seien nicht besetzt gewesen. Acht Kilometer trennten sie von den deutschen Linien. Dazwischen lag die Höhe 239, die die Rote Armee mit Panzern und Geschützen bestückt hatte, um einen Ausbruch der Deutschen zu verhindern. Dennoch stürmten die Flüchtlinge weiter vorwärts. Mit ihren Handfeuerwaffen hatten sie gegen die schweren Waffen der Roten Armee aber keine Chance. Die Folge war ein Blutbad, das sich fast zu einer Katastrophe ausweitete. Was war geschehen? Das Panzerregiment Bäke hatte nach Friesers Schilderung mit ihren Tiger-Panzern angegriffen und zahlreiche T34 abgeschossen. Kurz vor der Höhe 239 sei jedoch der Treibstoff zur Neige gegangen. Ironie der Geschichte: Nur Stunden später genügten drei Tiger-Panzer, um die Höhe zu besetzen. Der kommandierende deutsche General Wilhelm Stemmermann war bei den erbitterten Kämpfen ums Leben gekommen, die deutsche Seite plötzlich führerlos. Doch der Wille, nach Südwesten zum 3. Panzerkorps durchzubrechen, habe die Wehrmachts- und Waffen-SS-Angehörigen vorangetrieben. Furchtbar waren die Berichte derjenigen, denen der Ausbruch gelang. Sie berichteten von Panzern, die Panjewagen umfuhren und sie mit den Verwundeten darin zermalmten. Ganze Pferdetrecks hätten die Sowjet-Panzer vor sich her geschoben. Die große Masse der deutschen Truppen seien zum Fluss Gniloi Tikitsch geflüchtet. Der Flussübergang jedoch geriet vielen zum Verhängnis. Sowjetische Panzer fuhren heran und schossen in die Menge. „Es war ein Blutrausch“, berichtete später ein sowjetischer Major, der damit die Rachemotive in Worte fasste, die die deutsche Vernichtungsstrategie provoziert hatte. Dann stabilisierte sich die Lage. Bis zum 18. Februar dauerte es, bis die letzten Gruppen aus dem Kessel eingetroffen waren.

Warum es zu diesem hohen Blutzoll gekommen war, begründete Frieser mit einem Blick auf die russische Seite, speziell die Kesselschlacht von Kiew am 12.09.1941. Nach langem Kampf waren dort 665.000 Rotarmisten gefangen genommen worden. Für die brutale  Vorgehensweise der Deutschen gegenüber ihren Kameraden nahm die Rote Armee furchtbare Rache. Konjew behauptete 130.000 Soldaten seien in Tscherkassy eingeschlossen gewesen und wären nicht entkommen. Lediglich 53.000 hatten sich ursprünglich tatsächlich im Kessel befunden. 5000 waren ausgeflogen worden. 35.000 konnten ausbrechen. 13.000 gelten als vermisst, also 10 Prozent der von Konjew genannten Gesamtzahl. 80.000 Mann verlor die Rote Armee.

Warum hassten sich Schukow und Konjew? Es war Schukow, dem es gelang, zwei Armeekorps einzuschließen. Konjew vereitelte den militärischen Erfolg. Stalin habe das gewusst. Die Propaganda jedoch feierte den zum Marschall der Sowjetunion ernannten Konjew als großen Sieger. Schukow hingegen haftete das Odium des Versagers an. Bei der großen Siegesparade für Konjew habe er lediglich Spalier gestanden. Dabei hätte Konjew Schukow eigentlich dankbar sein müssen. Seit Tscherkassy, so Friesers Fazit, war das Verhältnis der beiden Sowjet-Marschälle Konjew und Schukow, dem späteren Sieger von Berlin, zerrüttet bis an ihr Lebensende.

Sektionsleiter Michael Trost dankte Frieser für die "arbeitsintensive Vorbereitung“ des Vortrags. Darin sei deutlich geworden, dass die ganze Brutalität des Krieges nur durch die Strategie des deutschen Angriffs- und Vernichtungskrieges möglich geworden war. „Heute schlägt in Russland niemandem mehr Hass entgegen, sondern Gastfreundschaft. Vor dem Hintergrund von 27 Millionen russischer Toten ist dies nicht selbstverständlich“, wie Trost betonte. Die Einkesselung von Tscherkassy sei von Hitler selbst verschuldet worden. Wahrscheinlich wären alle im Kessel Eingeschlossenen umgekommen, wenn man sich nicht dem Befehl Hitlers widersetzt hätte.

Die nächste GSP-Veranstaltung findet am 28 September mit der Eröffnung der Ausstellung der „Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur“ zum Thema: „Postsowjetische Lebenswelten“ statt.

Mit freundlichen Grüßen

Michael Trost
Sektionsleiter