Sektion Wolfhagen-Hofgeismar

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Dienstag, 09.02.2021 - 19:00

Der neue Krieg im Kaukasus. Geopolitik zwischen Revanchismus, Stellvertreterkonflikt und Hegemonialinteressen

Kooperationsveranstaltung mit den Sektionen Nienburg, Kassel und Rhein-Main
Webinar

"Der neue Krieg im Kaukasus. Geopolitik zwischen Revanchismus, Stellvertreterkonflikt und Hegemonialinteressen“– Vortrag der GSP Sektion Rhein-Main am 19.01.2021

Von Prof. Dr. Andreas Dittmann und Sascha Valentin

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Historischer Hergang

Die Geschichte der Konflikte in der umstrittenen Region im Südkaukasus begann bereits kurz nach der Oktoberrevolution 1917 und schon 1918 wurden die Armenische, Aserbaidschanische und Georgische Republiken gegründet die allerdings keinen dauerhaften Bestand hatten.  Nach Gründung der Armenischen, Aserbaidschanischen und Georgischen SSR 1920/1921 begann das Ringen um die Region Karabach.

Am 4. Juli 1921 wurde durch das Kaukasusbüro des Zentralkomitees der KPdSU entschieden, die Region Nagorni-Karabach in die armenische SSR zu integrieren. Durch aserbaidschanische Intervention beim Zentralkomitee in Moskau wurde bereits am 5. Juli, die Entscheidung revidiert und die Region in die Aserbaidschanische SSR integriert. Dies wurde durch die Einrichtung der autonomen Oblast Nagorni-Karabach 1923 final besiegelt. Dieser Zustand hielt sich bis zum Zusammenbruch der UdSSR Ende der 1980er-Jahre. Hier begann, was später als „Erster Karabach-Krieg“ in die Geschichte eingehen sollte.

Nach der Unabhängigkeit der Armenischen und Aserbaidschanischen SSR 1991 begann sich der Konflikt 1992 zunehmend zu verstärken, bis er 1994 durch eine (brüchige) Waffenruhe vorübergehend beendet wurde.

In den darauffolgenden Jahren, kam es immer wieder zu kleineren, bis mittleren Vorfällen und Konflikten, die 2020 ihren tragischen Höhepunkt in einem erneuten „Karabach-Krieg“ mit weitreichenden militärischen Interventionen fanden und in denen sich neben den offiziellen Akteuren auch zahlreiche ausländische Söldner beteiligten.

Friedenstiftende Maßnahmen - Environmental Peacebuilding

Das Konzept des Environmental Peacebuilding geht davon aus, dass sich tendenziell unfreundlich einander feindlich gegenüberstehende Nachbarländern über das Schaffen von gemeinsamen Verantwortlichkeiten für eine bestimmte Kultur- und Naturschutzmaßnahme, die im Interesse beider Seiten liegt, im Dialog, Austausch und in der Entwicklung gemeinsamer Strategien zusammenbringen lassen und so eine Dialogbereitschaft wächst und ausgebaut werden kann, die die Grundlage für weitere friedenstiftende Maßnahmen sein kann. Die Schaffung grenzüberscheitender Maßnahmen eignet sich dafür besonders. Vor allem kommt der Einrichtung von grenzüberschreitenden Geoparks eine zentrale Bedeutung zu.

Geoparks haben zur Aufgabe wertvolle Natur- und Kulturerbe gleichermaßen zu schützen. Sie gehen damit über das Konzept von Naturparks und Naturschutzgebieten hinaus, auch wenn sie in Einzelfällen Gebiete unter Naturschutz umfassen oder einschließen können. Häufig ist die Einrichtung von Geoparks dort leichter, wo es bereits Naturschutzgebiet oder Nationalparks gibt. Während die Einrichtung von Geoparks in Deutschland (derzeit insgesamt 17 als Nationale Geoparks zertifizierte, davon 2 grenzüberscheitend) nicht unbedingt mit einer Schutzfunktion verbunden sein muss, ist diese im europäischen und außereuropäischen Ausland eher die Regel.

Im Südkaukasus bietet sich schon aus Gründen der landschaftlichen und kulturhistorischen Besonderheiten die Einrichtung von Geoparks besonders an. Dies gilt sowohl für Georgien, als auch für Armenien und Aserbaidschan. Der Geopark-Gedanke ist in allen drei Ländern ebenso neu wie allgemein, von Bevölkerung, Wissenschaft und Politik, begrüßt.
Bei der Entwicklung von Ideen zur Einleitung von Maßnahmen des Environmental Peacebuilding (EP) im Südkaukasus muss man realistisch bleiben und darf die möglichen positiven Auswirkungen ebenso wenig überschätzen, wie der Versuchung erliegen, unrealistische Ziel zu formulieren. Als unrealistisch kann angesichts der jüngsten Konflikte angesehen werden, dass grenzüberscheitende Geoparks jetzt schon zu einer Deeskalation der Konflikte zwischen Armenien und Aserbaidschan führen könnten.

Dennoch kann man in jedem der beiden Länder, getrennt voneinander die Geopark-Idee etablieren und zunächst nationale Gründungen von Geoparks vorsehen. Damit wäre ein erster Schritt für eine mögliche spätere Maßnahmenausweitung geschaffen. Die kann insbesondere die Einrichtung von Gebieten der Geoparks in, an oder zusammen mit den Enklaven Nachitschewan und Nagorni-Karabach (Republik Artsakh) bedeuten. In Georgien, das mit den beiden der derzeit im Krieg miteinander liegenden Staaten grundsätzlich gute, auf friedlicher Koexistenz beruhende Beziehungen pflegt, ist dies sehr viel einfacher. Das gilt sowohl für das georgisch-armenische als auch für das georgisch-aserbaidschanische Verhältnis. Die Planungen für Geoparks - zunächst noch im nationalen Kontext - erscheinen derzeit in Georgien und Aserbaidschan besonders weit fortgeschritten. In Armenien steckt die Geopark-Ausweisung derzeit noch in den Anfängen.

Der georgisch-aserbaidschanische Grenzraum weist eine ganze Reihe von Möglichkeiten für grenzüberscheitendes Environmental Peacebuilding auf. An kaum einer Stelle im Südkaukasus werden die Potentiale für Environmental Peacebuilding so deutliche wie im SO-Georgisch-NW-Aserbaidschanischen Grenzgebiet."

Auch wenn das „Environmental Peacebuilding“ ein probates Instrument für die Friedenssicherung bzw. -erhaltung darstellt, wurde dieser im südlichen Kaukasus ohnehin schon schwierige Prozess, insbesondere zwischen den Ländern Armenien und Aserbaidschan durch die militärische Intervention im Gebiet der „Republik Artsakh“ (auch bekannt als Nagorni-Karabach oder Bergkarabach) im Oktober/November 2020 weiter unterminiert, wenn nicht sogar für einen längeren Zeitraum hinausgezögert.
 

Unter diesen Rahmenbedingungen gestalten sich Projekte im Bereich des "Environmental Peacebuildung", insbesondere über den Weg des grenzüberschreitenden Geotourismus als sehr ambitioniert. Allerdings besteht langfristig die Chance, Pilotprojekte aufzubauen und ggf. über den (Geo-)Tourismus einen Teil zur Friedensschaffung und was noch wichtiger erscheint, zur (idealerweise permanenten) Friedenserhaltung und Stabilisierung der Region beizutragen. Der Geotourismus kann, wenn richtig eingesetzt, als vornehmlich unpolitisches Medium und idealerweise ohne ideologische Einfärbung nicht nur eine „Friedenswirkung“ entfalten, sondern auch Menschen grenzüberschreitend verbinden, so z.B. durch die identitätsstiftende Wirkung eines gemeinsamen Lebensraumes.

Referent: Prof. Dr. Andreas Dittmann