Sektion Ostwürttemberg

Sektion Ostwürttemberg

Mittwoch, 06.04.2022 - 19:30

Strategische Machtveränderungen im Nahen Osten

- Die EU nur Zaungast? -

War Putins brachiale Militärintervention im Bürgerkriegsland Syrien eine Generalprobe und Ermutigung für den aktuellen
Krieg in der Ukraine? War dieser Einsatz ein erster Baustein seiner Strategie, Russland wieder zur dominanten
Hegemonialmacht aufsteigen zu lassen?

Der Westen unternahm wenig, um Putins Pläne zu vereiteln und schätzte seine Motive völlig falsch ein. Die EU sollte sich
jetzt, vor dem Hintergrund zu erwartender Energieengpässe, gerade im östlichen Mittelmeerraum und im Nahen Osten
strategisch klug aufstellen. Denn Russland, China, die Türkei und der Iran sind auf bestem Wege, die südöstliche
Nachbarschaft der EU machtpolitisch unter sich aufzuteilen.

Unser Referent, selbst in Syrien geboren, versucht eine Bestandsanalyse der geopolitischen Verhältnisse in der Levante und
wirft einen Ausblick in eine ungewisse Zukunft.
Vortrag und Diskussion
Referent: Dr. Kinian Jäger , Institut für politische Wissenschaft und Soziologie der Universität Bonn
Ort: Schulzentrum Neresheim, Mensa - Dossinger Weg 16 , 73450 Neresheim
Organisator: Gerhard Ziegelbauer gerhard.blitz@web.de
07961 / 55567

von rechts nach links: Sektionsleiter Gerhard Ziegelbauer, Dr. Kinan Jäger, Bürgermeister Thomas Häfele (Bild Privataufnahme)


Russlands Taktik und Strategie

Zu einem Interessanten Vortragsabend hat die Stadt Neresheim unter Bürgermeister Thomas Häfele und die Gesellschaft für Sicherheitspolitik Ostwürttemberg unter Sektionsleiter Gerhard Ziegelbauer eingeladen.

Begrüßen konnten Sie Dr. Kinan Jäger, Lehrbeauftragter am Institut Politik und Soziologie an der Uni in Bonn.

Bei aller Kritik gegenüber Russland kann festgehalten werden: Dessen „Eingreifen“ in Syrien brachte zwar nicht den erhofften Friedenszustand, aber zumindest eine Waffenruhe in weiten Teilen des Landes, die zu halten scheint. Im Gegensatz dazu war das Engagement des Westens über Jahre hinweg wenig zielführend gewesen. So ist der offene Bürgerkrieg damit vorerst einer gespenstischen Friedhofsruhe gewichen. Offenkundig haben viele Syrer vor Ort ihren Widerstand gegenüber Assad zurückgefahren - nicht zuletzt, da sein Regime für ein geringeres Übel gehalten wird als etwa eine Auseinandersetzung mit dem IS.

Kritiker des Kreml vermuten heute, dass der russische Einsatz in Syrien eine „Generalprobe“ für den jetzigen Ukraine-Krieg darstellt. Sie betrachten die Vorgänge als Anfangsphase einer postsowjetisch orientier­ten Strategie Putins, Russland zum Weltmachtstatus zurückzuführen. Markant ist, dass es Moskau sowohl in Syrien, als auch auf der Krim gelungen ist, hohen Gewinn zu erzielen – mit relativ wenig Aufwand und geringen eigenen Verlusten. Der Westen intervenierte in beiden Fällen nur begrenzt oder gar nicht. Der russischen Armee fielen dadurch bedeutsame strategische Positionen zu, in unmittelbarer Nachbarschaft zur EU. Die Sperrung des Bosporus in der aktuellen Ukraine-Krise verpufft weitgehend bedeutungslos, da russische Kriegsschiffe ungehindert von ihrer syrischen Mittelmeerbasis aus in den Weltmeeren agieren können. Das Bürgerkriegsland wurde für Russland auch zum Experimentierfeld für neu entwickelte Waffensysteme (Splitter-, Cluster, Vakuum- und Aerosolbomben) und für psychologischen Terror gegen die Zivilbevölkerung. Mit dem Beschuss von Krankenhäusern, Geburtenstationen und Sicherheitskorridoren sowie dem Abriegeln und Bombardieren ganzer Städte ergeben sich auffällige Kontinuitäten in der russischen Kriegsführung, die von Grosny (Tschetschenien 1995) über Aleppo (Syrien 2016) bis nach Mariupol (Krim 2022) zu reichen scheinen.

Eine rege Diskussion im Anschluss an den Vortrag rundete den Abend ab, bevor Dr. Jäger von Sektionsleiter Gerhard Ziegelbauer und Bürgermeister Thomas Häfele verabschiedet wurden mit einem Buch des Benediktinerkloster Neresheim und einheimischer Produkte.