Sektion Bonn

Sektion Bonn

Dienstag, 27.10.2026 - 19:00

Drei Jahre nach dem 7. Oktober 2023 - zur strategischen Lage Israels im Herbst 2026

Fernab der historischen Entwicklungen im Nahen Osten, der ständigen Frage nach Ursache und Wirkung, war in den letzten Jahren beobachtbar, dass sich das Entsetzen ob der Hamas-Greueltaten an der israelischen Bevölkerung im Laufe des Krieges zu deutlich anti-israelischen Parolen und Ablehnung der militärischen Operationen im Gaza-Streifen entwickelte. Dies geschah international, aber auch im demokratischen Israel selbst.

Wir möchten uns erneut mit Dr. Jürgen Haffner, einem ehemaligen Angehörigen des militärdiplomatischen Dienstes an den deutschen Botschaften in Brüssel, Paris, Tel Aviv über die Lage unterhalten.

Referent Dr. Haffner © Richard Rohde


Die Kooperationspartner der Veranstaltung © Richard Rohde


V.l.n.r. Michael Warter (CG), Julius Velenzer (VdRdBw), Richard Rohde (GSP), Oberst a.D. Haffner, Marc Cieszewski (VdRdBw), Dr. Cedric Bierganns (KAS), Marie Schleicher (CASSIS) © Richard Rohde

 

 

Veranstaltungsbericht Drei Jahre nach dem 7. Oktober 2023: Israels strategische Lage im Herbst 2026

Drei Jahre nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel steht das Land weiterhin vor erheblichen sicherheitspolitischen Herausforderungen. Am Tag der Veranstaltung wurde in Israel gewählt – ein zusätzlicher Anlass, die politische Entwicklung des Landes und seine strategische Ausrichtung in den Blick zu nehmen. Wie hat sich Israels Sicherheitslage verändert? Welche Folgen hatten die militärischen Auseinandersetzungen mit der Hamas, der Hisbollah und dem Iran für die regionale Sicherheitsordnung? Und welche Perspektiven bestehen für eine nachhaltige Stabilisierung des Nahen Ostens?

Diesen Fragen widmete sich eine Veranstaltung im Moltke-Saal des Bundesministeriums der Verteidigung in Bonn. Als Referent sprach Oberst a. D. Dr. Jürgen Haffner, ehemaliger Angehöriger des militärdiplomatischen Dienstes an den deutschen Botschaften in Brüssel, Paris und Tel Aviv. Die Veranstaltung wurde in Kooperation mit dem Center for Advanced Security, Strategic and Integration Studies (CASSIS) der Universität Bonn, dem Verband der Reservisten der Deutschen Bundeswehr, der Clausewitz-Gesellschaft, Regionalkreis West, sowie der Konrad-Adenauer-Stiftung durchgeführt.

Am Tag der Veranstaltung wurde in Israel ein neues Parlament gewählt. Während des Vortrags waren die Wahllokale noch geöffnet. Die Wahl bildete damit einen aktuellen politischen Hintergrund für die Diskussion über Israels sicherheitspolitische Ausrichtung und die Zukunft der Region.

Sicherheit als übergeordnetes Paradigma

In seiner Einführung verwies Richard Rohde auf das strategische Dilemma Israels: Der Terrorangriff vom 7. Oktober und die anschließende Militäroperation im Gazastreifen führten nicht nur zu einer regionalen Eskalation, sondern auch zu einer zunehmend kontroversen internationalen Debatte über Israels militärisches Vorgehen. Zugleich rückten die humanitäre Lage in Gaza und der erstarkende Antisemitismus stärker in den Fokus.

Haffner ordnete diese Entwicklungen vor dem Hintergrund seiner diplomatischen und militärischen Erfahrungen ein. Seine zentrale These lautete: Für Israel ist Sicherheit das alles überwölbende Paradigma. Die geografische Verwundbarkeit, historische Erfahrungen und die Bedrohung durch regionale Gegner prägen Israels strategische Entscheidungen maßgeblich.

Vom Terrorangriff zur regionalen Konfrontation

Ausgehend von einem Rückblick auf die Jahre 2018 bis 2022 analysierte Haffner den Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023, bei dem rund 1.200 Menschen getötet und 251 als Geiseln verschleppt wurden. Die anschließende israelische Operation Swords of Iron weitete sich zu einer mehrdimensionalen Auseinandersetzung aus. Neben dem Krieg im Gazastreifen prägten die Kämpfe mit der Hisbollah im Libanon, direkte Angriffe des Iran sowie die Aktivitäten der Huthi im Jemen die israelische Sicherheitslage.

Haffner beleuchtete die verschiedenen israelischen Militäroperationen, darunter Northern Arrows gegen die Hisbollah und Rising Lion im Konflikt mit dem Iran. Die Ausweitung der Konfrontation verdeutlichte, dass Israels Sicherheit nicht isoliert betrachtet werden kann, sondern eng mit der regionalen Machtbalance verbunden ist.

Die Erfahrungen der vergangenen Jahre haben nach Haffners Darstellung auch Israels Verteidigungsdenken verändert. Die Schaffung von Sicherheitszonen beziehungsweise Zwischenräumen entlang der Grenzen soll potenzielle Gegner auf Abstand halten und erneute Überraschungsangriffe erschweren. Gleichzeitig verdeutlichten Raketenangriffe und Warnsysteme, wie stark die permanente Bedrohung den Alltag der israelischen Bevölkerung prägt.

Perspektiven für eine regionale Sicherheitsordnung

Mit Blick auf den Herbst 2026 richtete sich die Aufmerksamkeit auf die Entwicklungen im Gazastreifen und im Libanon. Die Entwaffnung der Hamas, die Kontrolle durch neutrale Dritte und die Umsetzung internationaler Vereinbarungen bleiben zentrale Herausforderungen. Entscheidend ist, ob sich Waffenruhen in eine tragfähige Sicherheitsordnung überführen lassen.

Auch die regionalen Machtverhältnisse standen im Mittelpunkt. Haffner hob Israel, den Iran, Saudi-Arabien und die Türkei als maßgebliche Regionalmächte hervor. Zugleich bleiben die Abraham-Abkommen sowie die Kooperation Israels mit Zypern und Griechenland wichtige Elemente der regionalen Beziehungen.

Die völkerrechtliche Bewertung des israelischen Vorgehens und die humanitären Folgen des Krieges bildeten einen weiteren Diskussionspunkt. Insbesondere das Spannungsfeld zwischen Israels Sicherheitsanspruch, dem Schutz der Zivilbevölkerung und den völkerrechtlichen Verpflichtungen aller Konfliktparteien regte zum Austausch an. Bereits während des Vortrags ergaben sich dazu engagierte Wortmeldungen, die die unterschiedlichen Perspektiven auf den Konflikt sichtbar machten.

Fazit

Der Vortrag verdeutlichte, wie tiefgreifend der 7. Oktober 2023 Israels strategisches Denken und die regionale Sicherheitsordnung verändert hat. Israel steht vor der Aufgabe, militärische Abschreckung, langfristige Sicherheit und internationale Beziehungen miteinander in Einklang zu bringen.

Der Abend wurde von einer interessanten und lebhaften Diskussion begleitet, in der sicherheitspolitische, politische und völkerrechtliche Fragen nochmals vertieft wurden. Sie zeigte, wie sehr die strategische Lage Israels auch drei Jahre nach dem Terrorangriff zur Auseinandersetzung herausfordert.

Die zeitgleich stattfindende Parlamentswahl unterstrich die politische Bedeutung der diskutierten Fragen. Ein eindeutiger Sieger zeichnete sich auch nach Schließung der Wahllokale zunächst nicht ab. Die anschließenden  Koalitionsverhandlungen dürften daher entscheidend dafür sein, welche sicherheitspolitischen und regionalpolitischen Schwerpunkte Israels künftige Regierung setzt.

Haffners abschließender Gedanke brachte die zentrale Botschaft auf den Punkt: „Sicherheit ist kein Ziel, sondern ein Zustand ständiger Wachsamkeit.“ Wie aus militärischer Handlungsfähigkeit und begrenzten Waffenruhen eine dauerhafte regionale Sicherheitsordnung entstehen kann, bleibt eine der entscheidenden offenen Fragen.

Nachbericht: Benedikt Roelen, GSP Bonn


zur Sektion