Sektion Elbe-Weser
Der Israel-Palästina Konflikt: Geschichtliche Entwicklung, Interessenlagen und mögliche Lösungen
Referent: Prof. Dr. Eckart Woertz , Direktor des Instituts für Nahost-Studien am GIGA (German Institute for Global Studies)
Eckart Woertz ist Direktor des Instituts für Nahost-Studien am GIGA (German Institute for Global and Area Studies) in Hamburg und Professor für Zeitgeschichte und Politik des Nahen Ostens an der Universität Hamburg. Er hat breite international Erfahrung. Seine Forschungsinteressen umfassen die politische Ökonomie des Nahen Ostens und Nordafrikas und seine internationalen Beziehungen, Energiefragen und Ernährungssicherheit. Vor seinem Umzug nach Hamburg war er am Barcelona Center for International Affairs (CIDOB), an der Sciences Po in Paris, an der Princeton University und am Gulf Research Center in Dubai tätig und arbeitete für Banken in Deutschland und den Vereinigten Arabischen Emiraten im Aktien- und Rentenhandel.
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Die jüngst vereinbarte Waffenruhe im Gazastreifen gewährt den Menschen wieder ein wenig Ruhe. Ruhe in einem nahezu völlig zerstörten Land. Wie konnte es so weit kommen? Worin liegt der israelisch-palästinensische Konflikt begründet, dass es so schwer zu sein scheint, zu einer für alle akzeptablen Lösung zu kommen. Auf Einladung der Sektion Elbe-Weser der Gesellschaft für Sicherheitspolitik (GSP) stellte Prof. Dr. Eckart Wirtz, Direktor des Instituts für Nahost-Studien am German Institute for Global and Area Studies in Hamburg, in den Räumen des EWE-Kundenzentrums die Zusammenhänge des Konfliktes dar, der von vielen quasi synonym für die ganze Region als Nahost-Konflikt bezeichnet wird.
In der Tat sei die Palästinenserfrage das am schwersten zu lösendes Problem in der Region. Seinen Ursprung habe es mit dem wachsenden Antisemitismus im 19. Jahrhundert in Europa und der Popularität der zionistischen Idee, die die Gründung eines eigenen jüdischen Staates anstrebte. Tatsächlich gibt es weder ein Ur-Israel noch ein Ur-Palästina. Die Gebiete gehörten bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges zum Osmanischen Reich und wurden nach dessen Zerfall zum britischen Mandatsgebiet. In dem komplexen geopolitischen und regionalen Gemengelage wurden sowohl den Juden als auch den Palästinensern verschiedene Zugeständnisse in Aussicht gestellt, die jedoch einander widersprachen. Das wirke sich bis heute negativ auf die Kompromissfähigkeit auf beiden Seiten, so Prof. Wirtz. Nach der Gründung des Staates Israel 1948 zog sich Großbritannien, vom Zweiten Weltkrieg ausgelaugt, aus der Region zurück und übertrug die Verantwortung in ehemaligen Mandatsgebiet Palästina den neu gegründeten Vereinten Nationen. Aber auch die konnte nicht verhindern, dass der eben erst entstandene jüdische Staat gleich von mehreren arabischen Nachbarn überfallen wurde, die sich um ihre enthaltenen Versprechen betrogen sahen. Zwar konnte sich Israel militärisch behaupten, doch das war nur der Anfang weiterer Kriege und setzte eine Flüchtlingsbewegung der Palästinenser ungeheuren Ausmaßes in Gang, die nicht nur die Nachbarländer schwer belastete, sondern auch das ethnisch-religiöse Gefüge vielerorts bis heute empfindlich stört. So haben die Menschen in Israel unterschiedliche Rechte abhängig von ihrer Ethnie, ihrer Religion, ihrer Staatsangehörigkeit und ihrem Wohnort. „Es gibt Menschen im Westjordanland, die noch nie das Meer gesehen haben, weil ihnen die kurze Reise dorthin verweigert wird“ macht Prof. Wirtz die bedrückende Lage in dem von Israel besetzten Gebiet deutlich. Andererseits sei Israel das einzige Land, in dem Araber wählen dürfen. An dem Gazastreifen, der jetzt aufgrund der israelischen Angriffe in den Fokus geraten ist, habe Israel eigentlich gar kein Interesse. Der Auslöser, der Angriff der Terrorgruppe Hamas am 7. Oktober 2023 sei lediglich der Höhepunkt einer fortwährenden Eskalation gewesen, meint der Nahostexperte. In den 1990er Jahren, nach habe es ein Zeitfenster für eine mögliche Lösung gegeben, doch die sei von beiden Seiten verpasst worden. Doch heute seien die Fronten verhärtet. Israel drohe immer weiter nach rechts zu rutschen, die politischen Falken dort sprechen unverhohlen von einer Annexion des Westjordanlandes, das daher oft auch mit den biblischen Namen Judäa und Samaria bezeichnet wird, um den historischen Anspruch zu legitimieren. Tatsächlich sei Jerusalem, die Hauptstadt Judäas, der Ort, an dem sich die Geister scheiden, da er für beide Seiten hinsichtlich seiner religiösen und identitätsstiftenden Bedeutung unteilbar sei. „Der Konflikt drückt verschiedene Knöpfe in verschiedenen Lagern, eine sachliche Diskussion ist kaum noch möglich“ stellt Professor Wirtz enttäuscht fest. Sowohl unter den Palästinensern also auch in Israel sind diejenigen, die eine Zwei-Staaten-Lösung unterstützen in einer absoluten Minderheit. Sowohl die Hamas, als auch die israelischen Rechtsextremisten wollten eine Einstaatenlösung, und zwar jeweils auf die eigene Art. Die Aussicht auf eine Beilegung des Konfliktes seien sehr trübe, verbindende Elemente gebe es kaum. „Hochzeiten über die Zäune hinweg gibt es nicht“ so Wirtz. Im israelischen Kernland könne man von einer gewissen Koexistenz sprechen. Für die Palästinenser gäbe es nur wenig aktive Solidarität in der arabischen Welt. Ob die Hamas sich, wie es Trumps Plan vorsieht, entwaffnen lässt sei äußerst fraglich. Der Gazastreifen laufe Gefahr in eine mafiöse Struktur zu versinken.
hier finden Sie einen Bericht des Bremervörder Anzeiger vom 13. Dezember 2025 über die Veranstaltung,
sowie einen Bericht im E-Paper der Bremervörder Zeitung vom 10.12.2025.