Sektion Elbe-Weser

Sektion Elbe-Weser

Donnerstag, 29.01.2026 - 19:00

Jahresempfang mit Vortrag: Zeitenwende – Entscheidungen und Auswirkungen. Eine „Halbzeitbilanz“

Die Ukraine und damit Europa erleben den vierten Kriegswinter, alle Erkenntnisse weisen darauf hin, dass Putin ab 2029 die Möglichkeiten hätte, einen Angriff auf ein NATO-Land durchzuführen. Wir wissen nicht, ob und wann ein solcher Fall eintreten kann. Wir sind aber gut beraten, uns auf dieses Worst-Case- Szenario im Rahmen der Gesamtverteidigung einzustellen.
Nach der Rede von Bundeskanzler Scholz zur Zeitenwende im Februar 2022 wurden zahlreiche strategische, politische und militärische Entscheidungen getroffen, die unsere Gesellschaft insgesamt betreffen.
Unser Referent, der ehemalige Generalinspekteur der Bundeswehr (2018-2023) und heutiger Vize-Präsident der Gesellschaft für Sicherheitspolitik (GSP), General a.D. Eberhard Zorn, wird diese Entscheidungen einordnen, ihr Zustandekommen erläutern und in einer Bilanz deren Auswirkungen auf der Zeitachse bewerten. Am Ende steht die Antwort auf die Frage: Werden wir 2029 verteidigungsfähig sein?
Vortrag und Diskussion

Referent: General a. D. Eberhard Zorn , Ehemaliger Generalinspekteur der Bundeswehr

General a. D. Eberhard Zorn übte das Amt des Generalinspekteurs in einer Zeit der Krisen aus: In seine Amtszeit von 2018 bis 2023 fielen der russische Überfall auf die Ukraine, das Ende des zwanzigjährigen Auslandseinsatzes der Bundeswehr in Afghanistan und die Coronapandemie. Auch sie verlangte Deutschland und den Streitkräften vieles ab. Als Generalinspekteur forderte er bereits 2020 die Vollausstattung der Streitkräfte, um eine jederzeit einsatzbereite Bundeswehr zu haben – sowohl für die Aufgaben in den Einsatzgebieten der Bundeswehr als auch für die Landes- und die Bündnisverteidigung. 

Einige Schlüsselverwendungen seines militärischen Werdeganges:

1978 – Eintritt in die Bundeswehr
1991 – 1993 Generalstabslehrgang an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg
1999 – 2001 Kommandeur des Feld- und Panzerartilleriebataillons 295 in Immendingen
2004 – 2007 Abteilungsleiter im Heeresführungskommando in Koblenz
2010 – 2012 Kommandeur der Luftlandebrigade 26 in Saarlouis
2014 – 2015 Kommandeur Division Schnelle Kräfte
2018 – 2023 Generalinspekteur der Bundeswehr

Ort: Oste-Hotel - Neue Straße 125 , 27432 Bremervörde
Organisator: Oberstleutnant a.D. Werner Hinrichs werner-hinrichs@web.de
04761 / 70121


Bericht der BREMERVÖRDER ZEITUNG vom 31. Januar 2026

Wehrhaftigkeit, Resilienz, Nachhaltigkeit - Wie steht es um die Verteidigungsfähigkeit Deutschlands? 

Vortrag von General a.D. Eberhard Zorn am 29. Januar 2026 im Oste-Hotel

Die Gesellschaft für Sicherheitspolitik (GSP) ist in der Bremervörder Region eine bekannte Größe, wenn es um das Thema äußere und innere Sicherheit Deutschlands geht. Als älteste und größte sicherheitspolitische Vereinigung Deutschlands vermittelt sie in ehrenamtlicher Arbeit Sicherheitspolitik auf sachkundige und parteiunabhängige Weise. Die Sektion Elbe-Weser lud am 29. Januar zu einem Jahresempfang im Bremervörder Oste-Hotel und konnte dazu als Gastredner mit General a.D. Eberhard Zorn den ehemaligen Generalinspekteur der Bundeswehr gewinnen. Der bis auf den letzten Platz gefüllte Saal im Oste-Hotel machte das große Interesse in der Oste-Stadt an dem, was der seinerzeit ranghöchste Soldat Deutschlands zur aktuellen sicherheitspolitischen Lage zu sagen hat, deutlich. Das bestätigte auch die Präsenz zahlreicher Vertreter aus Politik, Bundeswehr und der sogenannten Blaulicht-Organisationen. So konnte Sektionsleiter Werner Hinrichs u.a. Landrat Marco Prietz, den Landtagsabgeordneten Dr. Marco Mohrmann, Bremervördes Bürgermeister Michael Hannebacher als Gäste begrüßen. Nicht zu vergessen der Kommandeur des Jägerbataillons 91 aus Rotenburg, Oberstleutnant Marcus Pein, zahlreiche Soldaten und Soldatinnen des Materialwirtschaftszentrums in Hesedorf sowie Bremervördes Erster Hauptkommissar Gerd Groeneveld.

General a.D. Zorn versprach den Gästen auf die bloße Wiederholung dessen, was man täglich in allen Medien lesen könne zu verzichten und statt dessen die Quintessenz aus seinen Erfahrungen im Kanzleramt, Verteidigungsministerium und der NATO zu berichten. Nach einer scherzhaften Bemerkung zu seiner Bahnanreise – „die waren pünktlich“ – kam der ehemalige Generalinspekteur gleich zur Sache: „Putin ist der Verantwortliche für einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg auf die Ulkaine, mit dem Ziel Europa und die USA zu entflechten!“. Der Einmarsch habe Bundeswehr und NATO überrascht, obwohl alle Lagebilder darauf hingedeutet hätten. Die Bedrohung sei bis zuletzt politisch heruntergespielt worden, was auf einen Mangel an einem langfristigen strategischen Blick schliessen lasse. „Haben wir in den letzten dreissig Jahren die Balance gehalten?“ stellte General a.D. Zorn die Verteidigungsanstrengungen seit dem Ende des Kalten Krieges auf den Prüfstand. Russland werde seine Streitkräfte auf 1,5 Millionen Soldaten aufwachsen lassen und sei nach aktuellen Erkenntnissen ab 2029 in der Lage, trotz hoher menschlicher und materieller Verluste in der Ukraine, die NATO anzugreifen. Auch wenn er keine russischen Panzerarmeen in der Lüneburger Heide erwarte, so sei es doch geboten , von einem Worst Case, dem schlimmsten Fall, auszugehen. Vor dem Hintergrund der aktuellen NATO-Verlegeübung „Steadfast Dart 26“ erklärte Zorn, die sogenannte „Drehscheibe Deutschland“ sei hochgefährdet. Eine erheblich reduzierte Luftverteidigung, ungeschützte kritische Infrastruktur und eine übertriebene Transparenz, die jedem die Lage unseres Stromnetzes offenlege, machten uns verwundbar, und so warb General a.D. Zorn für eine Krisenvorsorge auf allen Ebenen. Für Panik bestehe jedoch kein Grund. Mit dem von Bundeskanzler Olaf Scholz angekündigten 100-Mrd-Euro-Paket sei ein erster Schritt gemacht. Jedoch würden damit zunächst die Dinge umgesetzt, die nach damaligem Erkenntnisstand der NATO zugesagt worden waren. „Beschafft wird das, was seinerzeit als notwendig erachtet wurde“ kritisierte der ehemalige Generalinspekteur diejenigen, die nun – nach vier Jahren Krieg in der Ukraine – eine falsche Beschaffungspolitik bemängeln. Dass es nicht bei den 100 Mrd Euro bleiben wird, wurde aus den weiteren Ausführungen des Militärexperten deutlich. Der Munitionsbedarf der Bundeswehr für 30 Tage würde weitere Milliardenbeträge erfordern, ebenso die Investition in den Neubau und die Sanierung militärrelevanter Infrastruktur. „Selbst wenn ein Verband heute alle Munition bekäme, die er benötigt, wo soll der die lagern? Wo sollen die Musterungen im Rahmen des neuen Wehrdienstgesetzes stattfinden?“ machte Zorn deutlich, wie weit die Verteidigungsfähigkeit Deutschlands heruntergefahrne wurde. Gleichzeitig appellierte er daran, dem neuen Wehrdienst-Gesetz eine Chance zu geben. „Wir diskutieren hierzulande erst einmal das Kleinklein statt uns die eigentliche Frage zu stellen: wofür das ganze?“ wandte sich General a.D. Zorn die Zuhörer und lieferte dann gleich die Antwort hinterher: „Für unsere Freiheit, unseren Lebensstil und für unser Land!“. 

Auf der Haben-Seite führte der ehemalige Generalinspekteur zahlreiche Aktivitäten an, die nun angelaufen seien: so unter anderem eine beschleunigte Beschaffung, die Entwicklung einer neuen Militärstrategie oder die Anpassung des Fähigkeitsprofiles. Dabei schaue man in der Bundeswehr weit über das Jahr 2029 hinaus bis in die 40er Jahre. Neben der Unterstützung durch die einzelnen Bundesländer gerade bei Infrastrukturvorhaben warb General a.D. Zorn dafür, den Blick über Legislaturperioden hinauszuwerfen. Eine bessere Kommunikation täte den Verantwortlichen in der Politik auch gut, erklärte General a.D. Zorn und verwies in diesem Zusammenhang auf das Innovationszentrum in Erding, das sich um kreative Techniken, KI oder die Einbindung von Start Ups kümmere. Dass darüber so wenig bekannt sei, findet Zorn bedauerlich ebenso wie die European Sky Shield Initiative (ESSI), die noch vor 2029 abgeschlossen sein soll und Deutschland vor Bedrohungen aus der Luft schützen soll. Auf der NATO-Ebene seien die Hausaufgaben auch gemacht. Die NATO habe sämtliche Verteidigungspläne überarbeitet und umgesetzt. Dabei stünden Deutschland und Europa vor einem Dilemma. Einerseits bliebe die Abhängigkeit von den USA weiterhin hoch. Diese habe im Bereich Aufklärung, Informationsbeschaffung, nukleares Potential bis hin zur Weltraumstrategie Fähigkeiten, die Europa fehlen oder erst langsam aufgebaut werden müssten. Der oft beschworene „Europäische Pfeiler“ sei nicht erst seit Donald Trump ins Bewußtsein geraten sondern schon seit 1991 virulent. Aber man dürfe nicht glauben, dass die USA jemals eine ihrer Atombomben im Rahmen der nuklearen Teilhabe unter einen Eurofighter hängen würden. Zur Frage der nuklearen Bedrohung sagte General a.D. Zorn, diese müsse man ernst nehmen. Die Problematik sei aber vielschichtig. Zur Bedrohung gehören auch kleinere, taktische Nuklearwaffen oder sogenannte „schmutzige Bomben“. Hinzu kämen auch Fragen der Attribuierbarkeit, also wem kann ein möglicher Einsatz zugeschrieben werden, und wie reagiert man darauf? Den kritischen NATO-Aussagen der Trump-Regierung stünden jedoch die Erfahrungen auf der Arbeitsebene der Generäle entgegen. Hier gebe es keinen Hinweis auf ein reduziertes Engagement der Amerikaner. Auf der anderen Seite der Weltkugel zögen die Chinesen die Schlinge um Taiwan immer enger, die Vereinten Nationen seien immer noch wichtig aber zur Zeit gelähmt. Eine weitere Gefahr sei der weltweite Terrorismus. In dreissig Jahren Kampf sei noch keine terroristische Organisation ausgeschaltet worden, was ein US-Kollege zu der Analyse veranlasst habe, dass der Terrorismus lediglich begrenzt werden könne.

Die Möglichkeit, dem ehemaligen Generalinspekteur Fragen stellen zu können wurde von dem interessierten Publikum reichlich genutzt. Dabei spielte verständlicherweise der Krieg in der Ukraine eine große Rolle. General a.D. Zorn glaubt, dass der Krieg noch lange dauern kann. Putin zeige keine Anzeichen zu einem Einlenken, im Gegenteil. Aufwuchsfähigkeit und volkswirtschaftliche Rahmenbedingungen bestätigten diese Auffassung. Jedoch täten Pitin die Sanktionen weh, doch diese brauchten Zeit. Andererseits dürfe man den Durchhaltewillen der Ukrainer nicht unterschätzen. Der ehemalige Generalinspekteur beschrieb die Anstrengungen das Dilemma des Westens und der NATO, eine Ausweitung des Krieges zu vermeiden und die Ukraine dennoch zu unterstützen. Es sei ein noch stärkeres Europa nötig, sowie Geschlossenheit und anhaltender Druck auf Putin. Zusammenfassend läßt sich sagen, dass die Herausforderungen und Aufgaben zur Gesamtverteidigung Deutschlands im Zusammenspiel von Wehrhaftigkeit, Resilienz und Nachhaltigkeit liegen. „Bei allem Elend, der Anlauf ist genommen!“ schloss General a.D. Zorn seine Tour d’Horizon ab.

 

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