Sektion Wilhelmshaven/Friesland

Sektion Wilhelmshaven/Friesland

Dienstag, 19.08.2025 - 19:00

30 Jahre Friedensvertrag von Dayton – Sicherheitspolitische Lage und Risiken für den Frieden auf dem westlichen Balkan

Der westliche Balkan ist schon seit Jahrhunderten eine konfliktträchtige Region Europas. Deren politische Instabilität und Wirren ließen Reichskanzler Otto von Bismarck 1876 sagen, er sehe auf dem ganzen Balkan „für Deutschland kein Interesse […], welches auch nur […] die gesunden Knochen eines einzigen pommerschen Musketiers wert“ wäre. 38 Jahre später löste das Attentat von Sarajevo eine Krise aus, die schließlich zum Ersten Weltkrieg führte. Aus diesem Krieg ging 1918 auf bisher österreichisch-ungarischen Gebiet der Staat der Slowenen, Kroaten und Serben hervor, der sich am 1. Dezember 1918 mit den Königreichen Serbien und Montenegro zusammenschloss und abgekürzt SHS-Staat genannt wurde. Dieser Staat hatte bis 2003 insgesamt sieben verschiedene Namen. International wurde schon für den SHS-Staat der Name „Jugoslawien“ – wörtlich übersetzt „Südslawien“ –verwendet. Das Königreich Jugoslawien existierte bis 1941; es wurde im Zuge des deutschen Balkanfeldzugs aufgelöst. Noch während des Zweiten Weltkrieges wurde der Grundstein für eine neue Föderation südslawischer Völker unter Führung der Kommunistischen Partei Jugoslawiens gelegt. Die nach Kriegsende von den Kommunisten gewonnenen Wahlen führten am 29. November 1945 zur Gründung der Föderativen Volksrepublik Jugoslawien, bestehend aus den sechs Teilrepubliken Slowenien, Kroatien, Bosnien und Herzegowina, Serbien, Montenegro und Mazedonien – mit Josip Broz Tito als Ministerpräsident der Volksrepublik. Ab 1953 war er gewählter Staatspräsident, ab 1963 auf Lebenszeit.
Bereits Ende der 60er Jahre waren Stimmen zu vernehmen, die prophezeiten, wenn Tito stürbe, würde die das Land Jugoslawien zusammenhaltende, autokratische aber auch charismatische Kraft entfallen und Jugoslawien auseinanderfallen. Tito starb drei Tage vor seinem 88. Geburtstag am 4. Mai 1980. Die Regierungsgeschäfte übernahm das Präsidium der Republik – dem die integrative Kraft Titos fehlte. Die extreme ethnische, religiöse und politische Fragmentierung Jugoslawiens, was Historiker und Politologen häufig zur Metapher „Leopardenfell“ greifen ließ, führte zu Unabhängigkeitsbestrebungen, die Belgrad 1991 militärisch zu unterdrücken suchte. Als dies jedoch in Slowenien und Kroatien misslang, verschoben sich die Kampfhandlungen zunächst auf die von Krajina-Serben beanspruchten Gebiete in Kroatien; im Folgenden verlagerte sich der Krieg dann immer mehr nach Bosnien-Herzegowina. Der mörderische Krieg in Bosnien und Herzegowina wurde im Dezember 1995 durch das Abkommen von Dayton (Ohio) beendet.
Die Staaten Slowenien, Kroatien und Bosnien und Herzegowina hatten ihre Unabhängigkeit gewonnen – das heutige Nordmazedonien hatte sich in 1991 für unabhängig erklärt. Die Bundesrepublik Jugoslawien bestand noch aus der Teilrepublik Serbien (Vojvodina, Serbien, Kosovo) und der Teilrepublik Montenegro. Das Ergebnis des Kosovokriegs 1999 führte in 2008 zur Unabhängigkeitserklärung des Kosovo, die allerdings bis heute von Serbien nicht anerkannt wird, mittlerweile jedoch von der Mehrheit der Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen, u. a. auch den weitaus meisten Mitgliedern der EU. Montenegro wurde in 2006 unabhängig.
Heute sind Slowenien und Kroatien Mitglieder der EU, Slowenien, Kroatien, Montenegro und Nordmazedonien Mitglieder der NATO. Aber zur staatlichen Zukunft des Kosovo besteht letztlich kein Einvernehmen, weder zwischen den Volksgruppen der Serben und der Kosovo-Albaner noch in der internationalen Gemeinschaft. Immer wieder kommt es zu Gewaltausbrüchen im Kosovo. Das Aufflammen bürgerkriegsähnlicher Zustände und ein militärisches Eingreifen Serbiens wird letztlich nur durch die Präsenz der „Kosovo Force“ (KFOR) unter Führung der NATO verhindert. Truppensteller der KFOR sind gegenwärtig über 30 Staaten; die Truppe umfasst ca. 4.700 Soldaten. KFOR arbeitet eng mit der „United Nations Interim Administration Mission in Kosovo“ (UNMIK) und der „Rechtsstaatlichkeitsmission der Europäischen Union im Kosovo“ (EULEX Kosovo) zusammen.
Im Gegensatz zum Kosovo besteht für Bosnien und Herzegowina völkerrechtlich eine stabile Lage. Das Abkommen von Dayton bescherte dem Land eine international anerkannte Staatsform sowie insbesondere die Anerkennung als souveräner Staat durch die damalige Bundesrepublik Jugoslawien (und später Republik Serbien als deren Rechtsnachfolger). Die Abwesenheit von Krieg bedeutet indes nicht, dass in Bosnien und Herzegowina Frieden herrscht; von einer Aussöhnung der unterschiedlichen Volksgruppen kann kaum die Rede sein. Nach der „Implementation Force“ (IFOR), dann der „Stabilisation Force“ (SFOR), beide unter der Führung der NATO, dient seit Ende 2004 – unter Verbleib eines NATO Headquarters Sarajevo – eine „European Union Force“(EUFOR) mit der Operation „Althea“ zur militärischen Absicherung des Friedens im Land. Zudem unterliegt Bosnien und Herzegowina seit 1995 der Aufsicht durch den Hohen Repräsentanten, gemeinsam mit dem ihm unterstellten Büro des Hohen Repräsentanten („Office of the High Representative“ (OHR)). Der Hohe Repräsentant überwacht die Umsetzung der zivilen Aspekte des Dayton-Abkommen. Er besitzt weitgehende Vollmachten („Bonner Befugnisse“); so kann er demokratisch gewählte Amtsträger entlassen, Gesetze erlassen und neue Behörden schaffen.
In der Veranstaltung soll deutlich gemacht werden, wieso der aus den Entitäten Föderation Bosnien und Herzegowina (FBIH), der Republika Srpska (RS) sowie dem Brčko-Distrikt als Sonderverwaltungsgebiet bestehende Staat mit dreiköpfigem Staatspräsidium (Bosniake, Kroate und Serbe), insbesondere unter dem Einfluss des Präsidenten der Republika Srpska (Milorad Dodik) und des Präsidenten der Republik Serbien (Aleksandar Vucic), weiterhin als hochgradig instabil anzusehen ist, Bosnien und Herzegowina immer noch als „Leopardenfell“ und der westliche Balkan vor allem aber als „Pulverfass“ bezeichnet wird. Was ist zu tun, damit es nicht zu erneuten Gewaltausbrüchen, möglicherweise Bürgerkrieg oder gar Krieg, sondern zur Aussöhnung zwischen den Ethnien, zu Stabilität und dauerhaftem Frieden im westlichen Balkan kommt?

Vortrag und Diskussion
Porträt eines Mannes mittleren Alters mit Brille, hellblauem Hemd und dunkler Jacke, der in die Kamera blickt.
Referent: Diplom-Politikwissenschaftler Alexander Rhotert , Mitarbeiter in internationalen Organisationen, Autor, Vortragender und Politikberater, Hannover

Zum Referenten: Alexander Rhotert, Jahrgang 1970, wuchs in Hannover auf. Nach Abitur und Wehrdienst studierte er ab 1993 zunächst Politische Wissenschaft und Geschichte an der Leibniz Universität Hannover und dann Politische Wissenschaft sowie Internationales Recht und Slawistik an der Freien Universität Berlin, wo er in 1998 das Diplom in Politischer Wissenschaft mit der Note “Sehr gut” erhielt.

Auf dem Wege zum Diplom arbeitete Alexander Rhotert u. a. als Forschungsassistent an der Freien Universität Berlin mit Forschungsreisen nach Kroatien, nach Israel, den palästinensischen Gebieten und Jordanien. Er absolvierte ein Praktikum im Sekretariat der Vereinten Nationen in New York und ein Praktikum im NATO-Hauptquartier in Brüssel. Dann wurde er Internationaler Registrierungs- und Wahlbeauftragter bei der OSZE-Mission in Bosnien und Herzegowina (04/97-07/97, 09/97, 09/98). Von 1999 bis 2001 war er im Wesentlichen für diese OSZE-Mission Demokratisierungsbeauftragter und Büroleiter in Zenica. Von August 2001 bis Oktober 2005 diente Alexander Rhotert im Büro des Hohen Repräsentanten (OHR) als Verwalter der Gemeinde Zepce, als Büroleiter in Zenica, im Stab des Stellvertretenden Hohen Repräsentanten als Sonderberater und Kabinettschef und bei der „Mostar Implementation Unit“ (MIU) als deren stellvertretender Direktor. Zwischenzeitlich – im Oktober 2002 – fungierte er als Internationaler Wahllokalchef und Gruppenführer bei der OSZE Mission Kosovo (OMIK) in Mitrovica, Kosovo. Von 2006 bis 2016 folgten zeitweise Einsätze beim Büro für demokratische Institutionen und Menschenrechte (ODIHR) zur Wahlbeobachtung in Debar, Nord-Mazedonien; bei der Beobachtungsmission der Europäischen Union (EUMM) als Beobachter und Regionalleiter im Regionalbüro Mostar; beim Sonderbeauftragten der Europäischen Union (EUSR) als Politischer Berater der Einheit „Beobachtung und Berichterstattung“ in Sarajevo; bei der OSZE-Mission in Bosnien und Herzegowina als Büroleiter des Feldbüros Livno und schließlich als Büroleiter des Feldbüros Foca. Einen letzten Einsatz – diesmal als Oberstleutnant der Reserve – absolvierte Alexander Rhotert als Kultureller Einsatzberater für Auslandseinsätze der Bundeswehr beim Zentrum Operative Kommunikation (ZOpKomBw) in Mayen.

Im Übrigen ist Alexander Rhotert Autor, Vortragender und Berater zum Westlichen Balkan und der US-Außenpolitik. Er publiziert in zahlreichen, namhaften Medien, u. a. auch der Europäischen Sicherheit & Technik. Er hält Vorträge für unterschiedliche Institutionen, z. Universitäten und Deutsche Atlantische Gesellschaft, berät politische Institutionen und gibt bedeutenden Medien Interviews (z. B. BBC und Al Jazeera).

Alexander Rhotert lebt mit seiner Frau in Hannover. Sie haben einen Sohn und eine Tochter.

Ort: Gorch-Fock-Haus - „Johann Kinau Saal“ - Viktoriastr. 15 , 26382 Wilhelmshaven
Organisator: Herr Kapitän zur See a. D. Berend Burwitz , Sektionsleiter Wilhelmshaven/Friesland Berend.Burwitz@gsp-sipo.de
0171-4727146


Sehr geehrte Damen und Herren, verehrte Mitglieder und Freunde der Sektion,

als in 2025 vierte Veranstaltung bietet die Sektion Wilhelmshaven/Friesland einen Vortrag zum Kernthema „Risiken, Krisen, Krieg und Konflikte“ mit dem Fokus auf die Implementierung des Dayton-Abkommens und die Risiken für den Frieden auf dem westlichen Balkan. Es handelt sich wie immer um eine Präsenzveranstaltung. Wer Erkältungssymptome hat und eine Infektion mit SARS-CoV-2 nicht durch einen Test hat ausschließen können, möge bitte nicht an der Veranstaltung teilnehmen.

Mit dem Dipl.-Pol. Alexander Rhotert konnte einer der ausgewiesensten Experten für den westlichen Balkan als Vortragender gewonnen werden. Er war über 20 Jahre hinweg immer wieder für UN, NATO, OSZE, OHR oder EU zur Friedensumsetzung auf dem Westbalkan tätig. Neben Englisch spricht Alexander Rhotert auch Bosnisch/Kroatisch/Serbisch. Die Sektion Wilhelmshaven/Friesland würde sich freuen, Sie als Teilnehmer bzw. Teilnehmerin an dieser Veranstaltung begrüßen zu dürfen. Bitte weisen Sie auch Freunde und Bekannte auf diesen Termin hin und empfehlen ihnen, an dieser Veranstaltung teilzunehmen.

Die Anmeldung kann über diese Internetseite der GSP erfolgen (https://www.gsp-sipo.de/organisation/landesbereich-ii/wilhelmshaven). Bitte klicken Sie auf das unten befindliche Feld „Anmeldung“. Beachten Sie bitte, dass Sie nach der Anmeldung die Anmeldung zusätzlich bestätigen müssen; mit diesem Verfahren sollen vorsätzliche Falschanmeldungen unterbunden werden.

Die Sektion nimmt Ihre Anmeldung auch per E-Mail an Berend.Burwitz@gsp-sipo.de oder per SMS, WhatsApp oder telefonisch (0171-4727146) an den Sektionsleiter entgegen. Bitte haben Sie Verständnis, dass Anmeldungen, die auf diesen Wegen erfolgen, grundsätzlich nicht quittiert werden können. Wegen der erforderlichen organisatorischen Vorbereitung im Gorch-Fock-Haus wird um Anmeldung bis zum Samstag, 16. August 2025, einschließlich gebeten.

Mit freundlichem Gruß

Berend Burwitz
Sektionsleiter

 

Die Veranstaltung wird fotografisch begleitet. Die Teilnehmenden erklären ihr Einverständnis, dass die GSP vor, während oder nach der Veranstaltung entstandenes Fotomaterial für Zwecke der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit nutzt.

Hinweise zum Datenschutz: Die aktuell geltende Datenschutzgrundverordnung wird berücksichtigt. Die aktuelle Version umfasst den ursprünglich im Amtsblatt der Europäischen Union veröffentlichten Text (ABl. L 119, 04.05.2016) sowie die drei darauffolgenden Berichtigungen (ABl. L 314 vom 22.11.2016, ABl. L 127 vom 23.5.2018, ABl. L 074 vom 4.3.2021). Die Datenschutzschutzerklärung der GSP finden Sie unter https://www.gsp-sipo.de/service/datenschutzerklaerung.


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