Sektion Bad Neuenahr-Ahrweiler

Sektion Bad Neuenahr-Ahrweiler

Donnerstag, 17.09.2026 - 19:30

Die strategische Bedeutung von sicherer und resistenter Raumfahrt

Satellitengestützte Dienste bilden heute eine kaum sichtbare, aber unverzichtbare Grundlage moderner Gesellschaften: Navigation und Logistik, Kommunikation und Finanztransaktionen, Wettervorhersage und Katastrophenschutz ebenso wie militärische Führung, Aufklärung und Frühwarnung sind in hohem Maße von funktionierenden Weltrauminfrastrukturen abhängig. Raumfahrtsysteme sind damit zu einem integralen Bestandteil Kritischer Infrastrukturen und zu einer zentralen Voraussetzung staatlicher Handlungsfähigkeit geworden. Gleichzeitig wächst ihre Verwundbarkeit: Antisatellitenwaffen, Cyberangriffe, Störmaßnahmen, Weltraummüll und sogenannte Grey-Zone-Operationen treffen auf eine immer dichtere und zugleich unzureichend regulierte Weltraumumgebung.

Für Deutschland und Europa verschärfen technologische Abhängigkeiten, fehlende Redundanzen und die teilweise Abhängigkeit von außereuropäischen Systemen diese Herausforderungen zusätzlich. Wie verwundbar sind Deutschland und Europa gegenüber Störungen und Angriffen auf ihre Weltrauminfrastrukturen? Wie lässt sich Weltraumresilienz stärken, was muss Deutschland tun, um auch unter den Bedingungen eines verschärften geopolitischen Wettbewerbs seine souveräne und sichere Nutzung des Weltraums dauerhaft gewährleisten zu können?

Referent: Dr. Enrico Fels
Ort: Bethel Hotel am Weinberg - Hauptstraße 62 , 53474 Bad Neuenahr-Ahrweiler
Organisator: Dipl.-Ing. Josef Schmidhofer sektionsleiter-neuenahr@gsp-sipo.de
0177 / 5629488
Dr. Enrico Fels, Foto: Elmar Gafinen

Dr. Enrico Fels, Foto: Elmar Gafinen


 Bad Neuenahr-Ahrweiler. Im Hotel „Zum Weinberg“ in Bad Neuenahr hatten sich am 17. September 2026 um 19.30 Uhr über 60 Interessierte eingefunden. Der Sektionsleiter  Oberst a.D. Josef Schmidhofer  begrüßte die Teilnehmer und eröffnete den Vortrags- und Diskussionsabend zu dem multifunktionalen Thema „Die strategische Bedeutung von sicherer und resistenter Raumfahrt“. Satellitengestützte Dienste bilden heute eine kaum sichtbare, aber unverzichtbare Grundlage moderner Gesellschaften. Denn der Weltraum wird für die hybride Kriegsführung, Kommunikation, Forschung, Logistik, Erd-, Klima-, Weltraum-Beobachtung und Aufklärung genutzt.

Dieses funktionale Spektrum der Nutzung des Weltraums ist eine geo- und astropolitische Herausforderung nicht nur für Deutschland und Europa, sondern für den gesamten Erdball, und damit für die gesamte Menschheit.

Dr. Enrico Fels stellte das Macht-Prinzip „Macht in der Politikwissenschaft“ vor, was die Grundlage der Handlungsherausforderungen auch für die Weltraumpolitik und damit für die Sicherheit im Weltraum darstellt. Man spricht von der aggregierten Macht (Besitz von Wissen, Fähigkeiten, Funktionalität oder Technologie), von der relationalen Macht (Besitz der Infrastruktur) und von der strukturellen Macht (Besitz des Wirtschafts- und Umsetzungsvermögens).

Mit der Wiederverwendbarkeit von Trägersystemen (z.B. Falcon 9) wird der Preis für 1kg Nutzlast auf ca. 10-15 Dollar reduziert, damit wird aggregierte Macht verschoben. China hat in der Zwischenzeit auch diese Fähigkeit der Wiederverwendbarkeit von Trägersystem erreicht, wenn auch noch nicht im industriellen Maßstab. Aber gemessen am BIP und den Ausgaben für Weltraumnutzung und Weltraumfähigkeiten hat China die aggregierte Macht zu ihren Gunsten verschoben. Denn wer die Macht hat, bestimmt was gemacht wird, für wen, wann, wo und zu welchem Preis, und diktiert die Bedingungen dazu. Dies ist besonders für die Weltraumnutzung eine existenzielle Herausforderung, da es kein gemeinsames, verbindliches, weltumspannendes, akzeptiertes und verpflichtendes Regime (Weltraumabkommen) gibt.                 

Heute sind ca. 80 Staaten mit Satelliten im Weltraum präsent, und jede weitere Stationierung von Satelliten vergrößert die astro- und geopolitische Rivalität, die sich heute schon in der hybriden Kriegsführung (Satelliteninternet/ -kommunikation stören, Navigationssatelliten stören, blenden von Beobachtungssatelliten, usw.) immer häufiger in der Realität zeigt. Es wird gestört und zerstört, oder Datenströme manipuliert. Es wird gegen Satelliten aufgeklärt, und/oder gezielt angeflogen, um deren Flugbahn zu ändern. Der Ukrainekrieg ist der erste Weltraumkrieg. Und aus dieser Erfahrung heraus ist die Forderung der Bundeswehr, und damit der Bundesrepublik Deutschland bis 2030 eine Weltrauminfrastruktur mit einem Finanzvolumen von 35 Milliarden Euro aufzubauen, nachvollziehbar.

Für Deutschland bedeutet dies, dass die von der Bundesregierung verfasste Weltraumstrategie (lesenswert) umgesetzt wird, damit wir keine Weltraumblindheit erleiden, sondern eine Teilhabe besitzen, um an einer friedlichen Weltraumnutzung mitbestimmen zu können, und in gewissen Bereichen auch unabhängig zu werden und zu bleiben. Die Raumfahrt und Weltraumnutzung sind ein Menschheitsprojekt.

Je mehr Satelliten in den Umlaufbahnen (Orbits) sind, desto größer wird die Gefahr, dass sie sich gegenseitig zerstören, wenn kein Ausweichen mehr möglich ist. Die Frage nach der „kritischen Masse“ (also max. Anzahl) der möglichen Satelliten im Orbit/Weltraum konnte nicht eindeutig beantwortet werden. Ein weiterer diskutierter Punkt in der Weltraumnutzung ist die Nutzung von KI im Weltraum und zur Steuerung der Satelliten.

Im Fazit wird festgestellt: Fallen die im Weltraum installierten Funktionalitäten und Dienste aus oder werden zerstört, ist das Leben auf der Erde nicht mehr möglich, da die Menschheit ihre Abhängigkeit vom Weltraum nicht kennt. Deshalb ist eine verpflichtende politische Regelung der friedlichen Nutzung des Weltraums (Sicherheit im Weltraum und für deren globale Nutzung) zwingend erforderlich.

Der fordernde und exzellente Vortrag mit viel verständlich dargestellten Fakten und Zusammenhängen, sowie die anschließende Diskussionsrunde wurde mit dem Buchtipp „72 Minuten bis zur Vernichtung: Atomkrieg – ein Szenario“, von Annie Jacobsen, unter Beifall der Anwesenden beendet. 

Text: Klaus Kretzschmar

 

 


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