Sektion Fulda

Sektion Fulda

Donnerstag, 24.07.2025 - 19:00

Europa allein zu Haus?

Liebe Mitglieder und interessierte Gäste der GSP Sektion Fulda,

die Nordatlantische Allianz (NATO) hat seit sieben Jahrzehnten den Rahmen für die Sicherheit Deutschlands und der europäischen Verbündeten gebildet. Unter ihrer Schutzgarantie konnten sich die europäischen Verbündeten im Kalten Krieg gegen die Bedrohung durch die Sowjetunion und den Warschauer Pakt behaupten und nach dessen Ende eine Friedensdividende genießen, während die USA zunehmend die Lasten der Abschreckungs- und Verteidigungsfähigkeit gegenüber Putins wieder erstarkendem Russland trugen. Nicht nur, aber besonders Deutschland hat sich darauf verlassen, dass die USA für die Sicherheit Europas gegenüber der seit 2014 wachsenden Bedrohung durch Putins revisionistisches Russland weiterhin sorgen würden. Das hat sich spätestens seit der Präsidentschaft Donald Trumps als Fehleinschätzung erwiesen. Trumps USA sind dazu nicht länger bereit; Europa ist allein zu Haus. Geopolitisch geht es darum, ob die Welt künftig von drei Autokratien – China, Russland und nun auch tendenziell die USA – dominiert wird, oder ob Europa seine Selbstbehauptungsfähigkeit bewahren kann.

Vor diesem Hintergrund war das NATO-Gipfeltreffen am 24. Juni von herausragender Bedeutung. Es ist gelungen, den transatlantischen Verbund mit den USA zu bewahren. Die Allianz ist nicht auseinandergebrochen. Dennoch deutet viel darauf hin, dass sich die Europäer künftig allein für ihre Sicherheit vor einer sich formierenden Gegenallianz aus Russland, China, Iran und anderen anti-westlichen Mächten schützen müssen – mit weniger oder ohne Engagement der USA für die Sicherheit Europas. Gilt ab jetzt „Europa allein zu Haus?“, und was bedeutet das für Deutschland und unsere Bundeswehr?

Hierüber wird Brigadegeneral a.D. Rainer Meyer zum Felde referieren und gemeinsam mit uns diskutieren. Wir freuen uns auf einen spannenden Vortragsabend.
Vortrag und Diskussion

Ergänzender Buchtipp zum Thema:

„Big Brother gone – Europa und das Ende der Pax Americana“ von Dr. Marco Overhaus 

Der Titel des neuesten Buchs von Politikwissenschaftler Dr. Marco Overhaus (SWP Berlin) wirft die entscheidende Frage im transatlantischen Verhältnis auf: Hat sich der große amerikanische Bruder wirklich von Europa „verabschiedet“? Seit Beginn der zweiten Amtszeit von Präsident Trump jedenfalls haben sich die transatlantischen Beziehungen geradezu dramatisch verändert und sie werden sich auch künftig weiter spürbar wandeln. Doch dieser Prozess hat nicht erst mit Donald Trump begonnen. Schon unter seinen Vorgängern hat sich der Fokus amerikanischer Politik mehr und mehr auf andere Teile der Welt, beispielsweise auf den indo-pazifischen Raum, gerichtet. Vor dem Hintergrund dieses signifikanten Wandels in den Beziehungen müssen Deutschland und Europa den seit Jahrzehnten geltenden wirtschafts- und sicherheitspolitischen Ansatz im Verhältnis zu den USA überdenken und grundlegend neu bestimmen. Insbesondere die „Europäisierung der NATO“ kann aus Sicht von Marco Overhaus ein entscheidender Schritt sein, die Beziehungen zu den USA neu zu gestalten. In sieben Thesen beschreibt der Politikwissenschaftler in seinem Buch knapp und pointiert die aktuelle Lage.

„Big Brother Gone - Europa und das Ende der Pax Americana“, Verlag Frankfurter Allgemeine Buch, erschienen im April 2025. 24 Euro, Hardcover. Mehr zum Inhalt, Leseprobe und Bestellung unter: 
fazbuch.de/produkt/big-brother-gone/

 

Referent: Brigadegeneral a.D. Rainer Meyer zum Felde , Brigadegeneral a.D. Rainer Meyer zum Felde war deutscher Repräsentant im NATO-Ausschuss für Verteidigungspolitik und Pla-nung, in dem die Neuausrichtung der Allianz („NATO-Adaptation“) und die maßgeblichen Gipfeltreffen (Wales 2014, Warschau 2016) konzept

Rainer Meyer zum Felde (Jahrgang 1954)

  • Offiziersausbildung in der Luftwaffe, Studium der Erziehungswissenschaften an der HSBw in München.
  • 1985 bis 1987 Generalstabsausbildung.
  • Ab 1989 war er im Verteidigungsministerium und bei der NATO als Referent und Referatsleiter mit sicherheitspolitischen und strategischen Grundsatzangelegenheiten befasst.
  • Unter anderem war er Leiter der Fakultät für Sicherheitspolitik und Strategie der Führungsakademie der Bundeswehr und Vizepräsident der Bundesakademie für Sicherheitspolitik.
  • NATO-Verwendungen in beiden Strategischen Oberkommandos in Mons und Norfolk/USA sowie im NATO-Hauptquartier in Brüssel.
  • 2013 bis 2017 Leiter der verteidigungspolitischen Abteilung der deutschen NATO-Vertretung, Berater des deutschen NATO-Botschafters und deutscher Repräsentant im NATO-Ausschuss für Verteidigungspolitik und Planung.
  • Seit 2018 Senior Fellow des Instituts für Sicherheitspolitik an der Universität Kiel (ISPK) und im Vorstand der Gesellschaft der GSP sowie der Clausewitz-Gesellschaft in Berlin. 

Ort: Hotel "Jägerhaus", Wintergarten - Bronnzeller Straße 8 , 36043 Fulda-Bronnzell
Organisator: Herr Michael Schwab , Sektionsleiter GSP-Sektion Fulda und Pressereferent pressereferent.fulda@gsp-sipo.de
Eichbergstr. 5, 36160 Dipperz  06657 609161
Mann spricht an einem Rednerpult mit Mikrofon. Banner im Hintergrund zeigt '70 Jahre 1952-2022'.

In seinem Vortrag "Europa allein zu Haus" betonte Brigadegeneral a.D. Rainer Meyer zum Felde, die Fähigkeit zur zivilen und militärischen Gesamtverteidigung bis 2027/2029 sei das Ziel. Foto: Michael Schwab

Mann mit Brille und heller Jacke spricht an einem Rednerpult, hält ein Mikrofon, mit einem „70 1952-2022“-Banner im Hintergrund.

Nach Ansicht des Referenten, Brigadegeneral a.D. Rainer Meyer zum Felde haben Deutschland und Europa ihre Zukunft in der eigenen Hand. Foto: Michael Schwab

Zwei lächelnde Männer halten ein Fulda-Buch und ein Geschenk vor einem GfS-Jubiläumsbanner.

Mit seiner realisticshen "Bestandsaufnahme" und seinen klaren Schlussfolgerungen habe sich Referent Meyer zum Felde als wirklicher Kenner der Materie erwiesen, betonte Fuldas GSP-Sektionsleiter Michael Schwab (von links). Foto: Gisbert Hluchnik

 

Veranstaltungsbericht:

Deutschland und Europa haben ihre Zukunft in der eigenen Hand

Fulda (mb). „Europa allein zu Haus.“ Ist dieser Gedanke, mit dem Brigadegeneral a.D. Rainer Meyer zum Felde seinen Vortrag vor Mitgliedern und Gästen der Fuldaer Sektion der Gesellschaft für Sicherheitspolitik (GSP) überschrieben hatte, mit einem Fragezeichen oder vielmehr mit einem Ausrufezeichen zu versehen?  

Trump steht zur NATO

Derjenige, der an eine einfache, eindeutige  Antwort glaubt, irrt. „Wir werden das Beste hoffen, aber mit dem Schlechten rechnen müssen“, beschreibt Meyer zum Felde die gegenwärtige Lage des transatlantischen Verhältnisses. Völlig alleine steht Europa nicht da. Immerhin habe sich US-Präsident Donald Trump während des letzten NATO-Gipfels vom Juni dieses Jahres zum Bündnis bekannt. Allerdings mit klaren Forderungen an die Partner wie der deutlichen Erhöhung der Wehretats, die NATO-Generalsekretär Mark Rutte künftig in Höhe von fünf Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) der jeweiligen Mitgliedstaaten auch zusicherte. Die europäischen Partner, insbesondere Deutschland, müssen vor diesem Hintergrund ihre Hausaufgaben nun rasch und konsequent erledigen. Nur so lässt sich der Gefahr, die von Russland (oder anderen möglichen Gegnern) jetzt oder künftig ausgeht, begegnen. Für Meyer zum Felde besteht kein Zweifel an der Notwendigkeit, dass „die Selbstbehauptungsfähigkeit Europas steht und fällt mit dem Fortbestand einer abschreckungsfähigen NATO und dabei insbesondere mit der Wehrhaftigkeit Deutschlands.“

Russland Gegner statt Partner

Was bedeutet das für Deutschland und die Bundeswehr konkret? „Unsere strategischen Grundlagen sind korrekturbedürftig!“, urteilt der Referent. Die Grundannahmen der Jahre 1990 bis 2013 hätten sich „als teilweise falsch“ erwiesen. Die Weltordnung  habe sich von bipolar (1945 bis 1989) und unipolar (1990) inzwischen zu multipolar gewandelt mit Playern wie USA, China, Russland, Indien. Nun stelle sich die Frage: „Wo steht Europa?“ Putins Russland sei Gegner geworden, nicht Partner. Seit März 2014 habe sich das Land als „revisionistische Großmacht und potentielle militärische Bedrohung NATO-/EU-Europas erwiesen.“ China unter Präsident Xi Jinping sei inzwischen „Systemrivale“ auf dem Weg zur Weltmacht und werde „aufgrund zunehmender Unterstützung Russlands zum potentiellen Gegner.“ Sowohl Russland als auch China agierten gemeinsam gegen den Westen. Durch die Zusammenarbeit Russlands mit China, darüber hinaus mit dem Iran und Nordkorea, formiere sich eine anti-westliche Gegen-Allianz!

Fest stehe auch: Die USA schützen Europa nicht mehr unkonditioniert. „Die Zeiten, in denen wir uns auf andere völlig verlassen konnten, sind ein Stück weit vorbei“, betont Meyer zum Felde und rät dringend, „wir Europäer müssen unser Schicksal wirklich in die eigene Hand nehmen“. Allerdings sei die EU noch „kein geopolitischer Akteur auf Augenhöhe.“

Sicherheitsordnung zerstören

Russlands revisionistische Haltung versucht der Referent mit einer Äußerung des russischen Präsidenten aus dem Jahr 2005 zu erklären. Für Putin sei „der Zerfall der Sowjetunion die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts“ gewesen. Sein Angriffskrieg gegen die Ukraine ziele auf die Zerstörung der europäischen Sicherheitsordnung. Putins eigentliche Ziele seien bereits in den Ultimaten an die USA und NATO mit dem Verbot neuer NATO-Mitgliedschaften – etwa für die Ukraine und Georgien - vom Dezember 2021 deutlich geworden. Außerdem habe Wladimir Putin den Rückzug der NATO-Infrastruktur auf die Linien von 1997 (vor dem Beitritt Polens, Tschechiens, Ungarns) und den Abzug von U.S - Nuklearwaffen aus Europa gefordert. 

Die Folgen: Sicherheit sei künftig nicht mehr mit, sondern nur vor/gegen Russland möglich. Die Ukraine müsse um ihre Existenz kämpfen, während sie zugleich die Sicherheit Europas verteidige.

Fehler korrigieren und NATO-Rückgrat bilden

Die geopolitische Großmächtekonkurrenz verlange einen Wechsel von „Wunschdenken zu Realismus.“ Daraus schlussfolgert Meyer zum Felde, dass drei Hauptfehler aus der Vergangenheit endlich korrigiert werden müssten: „Das Outsourcing unserer Sicherheit an die USA, die Abhängigkeit unserer Energieversorgung von Russland sowie die Ausrichtung unserer Industrie- und Handelsbeziehungen auf China.“ Für ihn steht zweifelsfrei auch fest, dass Deutschland in Europa die „angestammte Rolle als Rückgrat der konventionellen NATO-Abschreckungs- und Bündnisverteidigung“ übernehmen müsse. Das erfordere die „Herstellung von Kriegstüchtigkeit von Bundeswehr, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft!“ Ziel sei die Fähigkeit zur zivilen und militärischen Gesamtverteidigung bis 2027/2029. Für Meyer zum Felde bleibt jedoch ein Problem weiterhin bestehen: „Deutschland benötigt entweder eine glaubwürdige Fortsetzung des nuklearen Schirm der USA – oder den Ersatz hierfür!“

Europäischer werden, aber atlantisch bleiben

„An Europas Peripherie müssen wir weiterhin zu Krisenmanagement fähig bleiben“, betont der Referent ferner. Weltweit sei Deutschland zur „Wahrung der internationalen regelbasierten Ordnung gefordert.“ In NATO und EU müsse die Bundesrepublik deshalb eine Co-Führungsrolle einnehmen, gemeinsam mit Frankreich und Großbritannien - mit allen herausgehobenen Lasten, Risiken und Pflichten und sich „dabei in den „Mainstream“ einfügen. Das bedeute zugleich, „keine romantisch-naiven deutschen Sonderwege zu gehen!“ „Wir müssen europäischer werden, aber auch atlantisch bleiben“ und damit wichtigster Verbündeter der USA, bekräftigt Meyer zum Felde.

Abschreckung wiederherstellen

Was bedeutet das konkret für Deutschland in der NATO? Aus Sicht des Referenten die Rückbesinnung auf bewährte Prinzipien. Vor allem die Abschreckung potenzieller Gegner müsse wiederhergestellt werden. Diese Abschreckung setze jedoch „Kriegstüchtigkeit und Verteidigungsfähigkeit voraus!“ Glaubwürdige Wehrhaftigkeit fordere alle: Staat, Gesellschaft  und Wirtschaft. Um mit Blick in die Zukunft erfolgreich zu sein, gelte es, den möglichen Gegner diplomatisch, rüstungsindustriell, militärisch operativ sowie technologisch zu übertreffen. Von herausragender Bedeutung sei deshalb die Erfüllung der NATO-Verteidigungsplanungsziele. Konkret: Der Friedensumfang der Bundeswehr müsse auf mindestens 250,000 Mann erhöht werden, der Verteidigungsumfang auf mindestens 500.000 Mann. Vor diesem Hintergrund sei es auch notwendig, die Wehrstruktur zu revidieren. Die Wehrpflicht sei „unverzichtbar für Friedensumfang, Aufwuchsfähigkeit und Wehrersatz.“ Ferner müsse es zu einem „Mindset Change“ kommen: Von „Retten-Bergen-Schützen- Helfen-Vermitteln“ des Internationalen Krisenmanagements zu Kriegstüchtigkeit, Kampffähigkeit und Willen zur Umsetzung. Diese Umsetzung der Ziele sei „jetzt eilbedürftig“ und müsse in den nächsten drei bis fünf Jahren ab 2024 erfolgen!

Konsequenzen für Deutschlands Bündnispolitik: „Deutschland und Europa haben ihre Zukunft in der eigenen Hand“, so das Fazit des Referenten. Nun läge es an ihnen, zu gestalten oder gestaltet zu werden, geopolitischer Akteur am Tisch zu sein – oder bildlich gesprochen - „auf der Speisekarte“ zu stehen. 

Wehrhaftigkeit notwendig

Von den denkbaren bündnispolitische Handlungsoptionen hält der frühere General die der Abschreckung und Verteidigung im Rahmen der NATO, komplementär zur EU, für die beste. Deutlich unterstreicht der Referent deshalb noch einmal den Satz, dass „die Selbstbehauptungsfähigkeit Europas steht und fällt  mit dem Fortbestand einer abschreckungsfähigen NATO und dabei insbesondere mit der Wehrhaftigkeit Deutschlands.“ Ohne Deutschland in seiner „Doppelfunktion als logistische Drehscheibe und Rückgrat der kollektiven Vorneverteidigung besteht keine Aussicht auf erfolgreiche NATO/EU-Bündnisverteidigung und damit auch keine kriegsverhütende Abschreckung.“

Kenner der Materie

Mit seiner realistischen „Bestandsaufnahme“ und seinen klaren Schlussfolgerungen habe Meyer zum Felde sich als „wirklicher Kenner der Materie erwiesen“, betont Fuldas GSP-Sektionsleiter Michael Schwab. Der frühere Brigadegeneral der Bundeswehr und heutiges Vorstandsmitglied der GSP war unter anderem deutscher Repräsentant im NATO-Ausschuss für Verteidigungspolitik und Planung gewesen, in dem die Neuausrichtung der Allianz („NATO-Adaption“) und die maßgeblichen Gipfeltreffen von Wales und Warschau konzeptionell erarbeitet worden waren. In seinem Referat „Europa allein zu Haus“ habe er sehr deutlich die Rolle der NATO und Amerikaner in Vergangenheit und Zukunft beschrieben. 

Schnell und konsequent reagieren

Die Freiheit im Westen, so Schwab, sei im Kern den Amerikanern zu verdanken, die durch die NATO und ihr hohes eigenes personelles und finanzielles Engagement acht Jahrzehnte lang maßgeblich dazu beigetragen hätten, dass „wir bis heute in Frieden Freiheit und Sicherheit leben können. Aber wir alle haben auch mitbekommen, dass der amtierende US-Präsident andere Schwerpunkte setzt und im Rahmen der NATO weniger ausgeben will.“ Er verlagert zunehmend die Leistungen und Lasten der Verteidigung und Sicherheit auf Europa und die Europäer selbst. Dadurch entstehe für alle Partner, gerade auch für Deutschland, eine seit dem Ende des Ost-West Konflikts in den 90er Jahren nicht mehr dagewesene Herausforderung. „Wir wollen und werden deshalb mehr für unsere Verteidigung und Sicherheit tun müssen – und zwar schnell und konsequent, um in allernächster Zukunft den Gefahren durch potenzielle Gegnern erfolgreich begegnen zu können.“

Michael Schwab
Sektionsleiter

 

 

 


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