Wilfried von Bredow: Reibungspunkte. Bundeswehr und demokratische Gesellschaft

Geschichtsstunde: Bundeswehr und Gesellschaft - Konfliktpotenziale zwischen An- und Wegtreten Rezension von Peter E. Uhde

Argumente, Analysen, Daten, Fakten für eine reale Sicherheitspolitik

Buchcover: Drei Männer, darunter ein Offizier, gehen an strammstehenden Soldaten vorbei. Titel: Reibungspunkte Bundeswehr und demokratische Gesellschaft.

Seit mehr als siebzig Jahren verfügt die Bundesrepublik Deutschland über Streitkräfte. Vor ihrer Gründung am 12. November 1955 hatte es heftige innenpolitische Auseinandersetzungen im Bundestag und auf den Straßen um die „Wiederbewaffnung“ und die Aufstellung einer „neuen Wehrmacht“ gegeben. Schließlich setzten sich die Befürworter der Armee durch, und auch ein Name für diese wurde gefunden. Am 6. März 1956 verabschiedete der Bundestag das Soldatengesetz und gab den aufzustellenden Streitkräften des Heeres, der Luftwaffe und der Marine den „defensiven“ Namen „Bundeswehr“.

Mit ihrer Geschichte und Einordnung in die sich entwickelnde demokratische Gesellschaft der Bundesrepublik befasst sich Wilfried von Bredow in seinem neuesten Buch „Reibungspunkte“. Es schlägt den Bogen vom ersten Auftreten einer Handvoll Uniformierter – darunter zwei Generäle mit Mütze in der Hand – in einer schmucklosen Kraftfahrzeughalle der Ermekeilkaserne in Bonn bis zu einem Fragebogen, der Grunddaten für eine „neue“ Wehrpflicht erfassen soll. Um 1955 wenigstens einen Bezug zur deutschen Militärgeschichte herzustellen, hatten die Reformer das Datum des 200. Geburtstags des preußischen Heeresreformers und Mitbegründers der allgemeinen Wehrpflicht, Gerhard von Scharnhorst (1755–1813), gewählt. 

Schon der gewählte Buchtitel lässt erahnen, dass es mehr Schatten als Licht aus der Zeit der Bundeswehrgeschichte geben wird. Unabhängig davon ist festzustellen, dass die Bundeswehr als erste legitimierte gesamtdeutsche Streitkraft seit 1945 alle anderen deutschen Armeen in ihrem Bestehen zeitlich hinter sich gelassen hat: die Nationale Volksarmee (1956–1990), die Wehrmacht (1935–1945), die Reichswehr (1919–1935) und die Kaiserliche Armee (1871–1918). Hierzu gleich zwei Feststellungen des Autors: „Demokratische Streitkräfte gibt es nicht“ und „Das Verhältnis der demokratischen Gesellschaft zu ihren Streitkräften ist aus strukturellen Gründen immer schwierig.“ Die Begründungen sind in elf Kapiteln zusammengefasst. Zu Beginn geht es um das angesprochene Strukturproblem, das sich aus Politik, Streitkräften und Demokratie ergibt. Dafür wird der sogenannte „Kapp-Putsch“ im März 1920 herangezogen. Reichswehrminister Noske forderte die Reichswehr auf, die Putschisten militärisch zu stoppen. Der Chef des Truppenamtes, Hans Seeckt, widersetzte sich mit den Worten: „Truppe schießt nicht auf Truppe“. 

Für diese Befehlsverweigerung wurde Seeckt nicht entlassen, sondern später sogar Chef der Heeresleitung. Seine Reichswehrpolitik hatte laut dem Autor „Langzeitwirkung auf das Verhältnis von politischer Führung und Streitkräften in Deutschland – bis heute“. Bei Clausewitz ist das Verhältnis von Politik zu Militär klar definiert. Eine Unterordnung des politischen unter das militärische wäre „widersinnig“, denn Streitkräfte sind ein Instrument der Politik. Nur der Vollständigkeit halber noch ein Zitat von Clausewitz: „Der Krieg ist nichts als eine Fortsetzung des politischen Verkehrs mit anderen Mitteln.“ Damit meint er, dass die Politik die Ziele setzt und der Krieg das Mittel ist, um diese umzusetzen. Der chinesische Revolutionär Mao Tse-tung brachte es auf den Punkt: „Die Macht kommt aus den Gewehrläufen.“ Dies brachte ihn letztlich an die Staatsspitze. Wie ein Konflikt zwischen Politik und Militär gelöst werden kann, zeigte die Zerschlagung der russischen Wagner-Gruppe Mitte 2023, deren Anführer am 23. August bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam. 

Nun zur Bundeswehr, die der Autor als „eine Streitkraft mit ganz eigener DNA“ bezeichnet. Einige Stichworte zur „Blaupause für die spezifische DNA“ der „Armee neuen Typs“. Umsetzen mussten dies ehemalige Wehrmachtsoffiziere und -unteroffiziere, die bis Kriegsende 1945 gedient hatten oder in Gefangenschaft gewesen waren. Ein Beispiel ist der zweite Generalinspekteur, General Friedrich Foertsch, Jahrgang 1900, der erst 1955 mit den letzten Heimkehrern aus russischer Gefangenschaft kam. Viele von den Bewerbern hatten sich aber auch im Zivilleben bewährt und kehrten nun doch wieder in ihren Soldatenberuf zurück. Die neue Armee sollte an der Ostgrenze des Eisernen Vorhangs, integriert in die Atlantische Allianz (NATO), zur Abschreckung und bei einem Angriff des Warschauer Paktes zur Verteidigung dienen. Die ehemaligen deutschen Kriegsgegner waren nun in den geplanten Gefechtsstreifen die linken und rechten Nachbarn. Nationale Alleingänge waren damit obsolet. 

Der Autor sieht im Antikommunismus eine weltanschauliche Brücke zwischen Wehrmacht und Bundeswehr. Ob sich das auch auf die ab April 1957 einrückenden Wehrpflichtigen übertragen ließ, ist zu bezweifeln. Für die neue DNA ist jedoch das Konzept des „Staatsbürgers in Uniform“ entscheidend. Für dieses Leitbild wird eine Schule gegründet. Dort sollen die ethnische, politische und führungskulturelle Ausbildung gelehrt und zeitgemäß weiterentwickelt werden. Wie groß der Bedarf noch heute ist, haben die „Besonderen Vorkommnisse” Ende 2025 in einem Fallschirmjägerregiment gezeigt. Um strukturelle Reibungspunkte gering zu halten, haben Regierung und Parlament von Beginn an versucht, die DNA-Armee möglichst ohne erkennbare Schäden aufwachsen zu lassen. 

Die Kontrolle über die Armee in der Demokratie sollte dabei stets gewährleistet sein. Dies führte zu einem Novum in der deutschen Militärgeschichte. So wurde 1956 bei der Wehrgesetzgebung der Artikel 45b in das Grundgesetz aufgenommen. „Zum Schutz der Grundrechte und als Hilfsorgan des Bundestages bei der Ausübung der parlamentarischen Kontrolle wird ein Wehrbeauftragter des Bundestages berufen. Das Nähere regelt ein Bundesgesetz.“ Wer sich die jährlichen Berichte anschaut, stößt auf viele interne, aber auch auf Reibungspunkte mit der Gesellschaft. Der 67. Bericht wurde am 3. März 2026 vom Amtsinhaber Henning Otte dem Bundestag vorgelegt. 

Im Kapitel „Epochen und Zäsuren” wird unter anderem die Eingliederung der Rest-NVA in die Bundeswehr zur „Armee der Einheit” beschrieben. Ab dem 3. Oktober 1990 existierte die NVA nicht mehr.   Die Auflösung der Parteiarmee und die Organisation des Abzugs der Sowjettruppen können als Meisterleistungen bezeichnet werden. Mit dem richtungsweisenden Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 12. Juli 1994, welches das Aufgabenspektrum der „Armee der Einheit” um multilaterale Missionen erweiterte, endete die erhoffte Friedensdividende.  Die nächste Zäsur erschütterte die ganze Welt. Am 11. September 2001 begannen die USA den „Krieg gegen den Terror“. Die Bundeswehr geriet in Afghanistan in den Krieg. Bis zum offiziellen Ende des Afghanistan-Einsatzes am 30. Juni 2021 kamen 59 Soldaten ums Leben. 

Eine der ersten und schwersten Ausbildungskatastrophen, das Iller-Unglück, ereignete sich am 3. Juni 1957, als 15 der im April 1957 einberufenen Rekruten bei der Durchquerung der hochwasserführenden Iller bei Kempten ertranken. Dieses Unglück erregte ebenso wie andere international Aufsehen und führte zu heftigen Auseinandersetzungen in der Gesellschaft. Erwähnt seien hier noch die hohe Verlustquote an F-104 Starfightern und mehr als 100 Piloten, darunter Joachim von Hassel, der Sohn des Verteidigungsministers. Anti-Bundeswehr-Bestrebungen und ein Anstieg von Anträgen auf Kriegsdienst-verweigerung aus Gewissensgründen waren nicht wegzudiskutierende gesellschaftliche Reibungspunkte zwischen Militär und Demokratie, die mal mehr und mal weniger heftig öffentlich ausgetragen wurden. 

Mehr als ein Reibungspunkt waren die gewalttätigen Ausschreitungen beim „Bremer Gelöbnis” am 6. Mai 1980, bei denen die Friedensbewegung ihre Militanz gegenüber dem Staat zeigte. Der Bundespräsident und andere Ehrengäste mussten per Hubschrauber ins Weserstadion geflogen werden. Mit öffentlichen Gelöbnissen war es für eine Weile vorbei. Fünfundzwanzig Jahre später stellte Bundespräsident Horst Köhler bei der Kommandeur- Tagung am 10. Oktober 2005 in Bonn fest, dass große Teile der Bevölkerung den Streitkräften und der Sicherheits- und Verteidigungspolitik mit einem „freundlichen Desinteresse” begegnen. Er kritisierte im Prinzip mangelnde Kenntnisse über sicherheitspolitische Zusammenhänge, fehlendes Eigeninteresse und wenig politischen Realitätssinn in Bezug auf Fragen von Krieg, Frieden oder internationaler Verantwortung.

Seit dem Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine am 24. Februar 2022 Jahren hat sich das Verhältnis der Gesellschaft zur Sicherheitspolitik und damit auch zur Bundeswehr augenscheinlich geändert. Hybride Kriegsführung, Cyber-Angriffe, Sabotageakte, Spionage, Drohnenüberflüge über kritische Infrastrukturen und andere Verletzungen der territorialen Integrität Deutschlands zeigen der Gesellschaft, dass sie ihre Streitkräfte braucht. Ihnen wird klar, dass diese nicht nur im Katastrophenschutz, bei Hochwasser oder Waldbränden für die Gesellschaft aktiv sind. Letztlich muss der Gesellschaft aber auch klar sein, dass die Ausbildung der soldatischen Identität von Bedeutung ist. „Einerseits ist die Rückbesinnung auf die Rolle des Soldaten als Kämpfer eine Folge von Erfahrungen in manchen Auslandseinsätzen. Andererseits steht sie quer zu eher militärfremden Einstellungen und Haltungen in der Gesellschaft, die weit verbreitet sind“, so der Autor. Wer sich für die Streitkräfte und ihre Entwicklung sowie ihre Einbettung in die Zivilgesellschaft interessiert, für den ist dieses Werk sehr zu empfehlen. Ein ausführliches Literaturverzeichnis regt zur weiteren Vertiefung der Sicherheitspolitik der Bundesrepublik Deutschland an.

Wilfried von Bredow: Reibungspunkte. Bundeswehr und demokratische Gesellschaft. Carola Hartmann, Miles Verlag, Berlin 2026, ISBN 978-3-96776-111-5, 152 Seiten, 16,80 Euro.