Sektion Bonn
Hyperschall - Game Changer oder überschätzte Technologie?
Kooperationsveranstaltung der GSP-Sektion Bonn mit der Konrad-Adenauer-Stiftung e.V. und dem Center for Advanced Security, Strategic and Integration Studies (CASSIS) der Universität Bonn
Johannes Autenrieb, DLR
Johannes Autenrieb, DLR, © Roland Heckenlauer
Das Podium mit Johannes Autenrieb, Dr. Christiane Heidbrink und Prof. Dr. Daniel O’Hagan, Fraunhofer Institut, © Roland Heckenlauer
Claudia Klemm, Johannes Autenrieb, Enrico Fels, Dr. Christiane Heidbrink, Prof Dr. Daniel O’Hagan, © Roland Heckenlauer
Nachbericht
Hyperschall – Game Changer oder überschätzte Technologie?
Am Abend des 28. Oktober 2025 lud die Bonner Sektion der Gesellschaft für Sicherheitspolitik e.V. (GSP) zu einer hochaktuellen Diskussion über den militärischen und technologischen Stellenwert von Hyperschallwaffen ein. Unter dem Titel „Hyperschall – Game Changer oder überschätzte Technologie?“ diskutierten Wissenschaftler und Expertinnen über den Stand der Forschung, strategische Implikationen und die sicherheitspolitischen Konsequenzen für Europa.
Nach der Begrüßung durch Dr. Enrico Fels (Institut für Sicherheitspolitik, Universität Bonn / CASSIS) und einer kurzen Einordnung des Themas im Rahmen einer Tour d‘Horizon zu Russland und Chinas Hyperschallwaffen eröffnete Claudia Klemm von der GSP, Sektion Bonn die Veranstaltung. Die Moderation übernahm Dr. Christiane Heidbrink, Junge GSP Bonn, die souverän durch den Abend führte.
Technische Grundlagen und europäische Herausforderungen
Den Vortrag zu Beginn des Abends hielt Johannes Autenrieb, Wissenschaftler am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Er griff die im Veranstaltungstitel formulierte Leitfrage auf und illustrierte sie anhand einer Presseschau aus dem Jahr 2021: Worauf müssen wir uns einstellen – und wovor müssen wir uns schützen?
Autenrieb erläuterte zunächst die physikalischen Grundlagen von Hyperschalltechnologien. Von Hyperschall spricht man ab einer Geschwindigkeit von Mach 5 – das entspricht rund 6.000 km/h. Zur Veranschaulichung: Ein Flug von London nach Los Angeles würde bei Mach 15 nur rund 30 Minuten dauern. Die dabei auftretenden Strömungen seien hochkompressibel und erforderten komplexe aerodynamische Steuerungssysteme („Wellenreiterprinzip“).
Autenrieb unterschied zwischen hypersonischen Marschflugkörpern und hypersonischen Gleitvehikeln. Letztere hätten ein deutliches Disruptionspotenzial, da sie früher von Trägersystemen abkoppeln, dadurch schwerer zu detektieren sind und große Flächen abdecken können.
Bei der Frage nach einsatzfähigen Systemen nannte Autenrieb die russischen Avangard-, Zirkon- und Kinschal-Systeme sowie die chinesischen DF-17. Während Russland und China bereits operative Kapazitäten aufgebaut hätten, sei in den USA derzeit nur das Programm Dark Eagle einsatzbereit. Europa hingegen habe, so der Referent, „eine geringe Fehlertoleranz und eine geringe Investitionsbereitschaft“. Autenrieb appellierte daher an die europäischen Staaten, stärker in Industrie, Forschung und Entwicklung zu investieren und europäische Kompetenzzentren aufzubauen.
Zum Schutz gegen Hyperschallwaffen seien sowohl endoatmosphärische als auch exoatmosphärische Abwehrsysteme notwendig – Investitionen in Milliardenhöhe, die bislang nur zögerlich angegangen würden.
Diskussion: Stabilität, Abschreckung und europäische Verteidigungsfähigkeit
In der anschließenden Diskussion mit Prof. Dr. Daniel O’Hagan, Chief Scientist am Fraunhofer-Institut für Hochfrequenzphysik und Radartechnik (FHR), und Johannes Autenrieb wurden die strategischen und sicherheitspolitischen Implikationen vertieft.
Moderatorin Heidbrink eröffnete mit der Frage, welche Auswirkungen Hyperschallwaffen auf das globale strategische Gleichgewicht haben. O’Hagan betonte, dass diese Systeme eine erhebliche Herausforderung darstellen, da sie die Reaktionszeiten drastisch verkürzen. Neben der Entwicklung defensiver Technologien arbeite man in Europa zunehmend auch an offensiven Fähigkeiten. Er verwies auf die Notwendigkeit neuer Frühwarnsysteme – etwa Over-the-Horizon-Radare oder Low Earth Orbit-Satelliten – und wies darauf hin, dass selbst Akteure wie die Huthis oder Nordkorea über rudimentäre Hyperschallfähigkeiten verfügten.
Autenrieb relativierte die strategische Bedeutung: Derzeit habe Hyperschalltechnologie noch keine massiven Auswirkungen auf das globale Gleichgewicht, da viele Staaten einen operativen Einsatz scheuten. China etwa würde ein solches System vermutlich nicht gegen den Westen einsetzen.
Auf die Frage nach Europas Rolle verwiesen beide Referenten auf die European Sky Shield Initiative, an der sich Deutschland und Großbritannien aktiv beteiligen. O’Hagan hob die Bedeutung des integrierten NATO-Raketenabwehrkonzepts mit Hauptquartier in Ramstein hervor, während Autenrieb die wissenschaftliche Rolle Deutschlands betonte: „Deutschland ist in Forschungsgremien der NATO und der EU sehr aktiv – was fehlt, sind konsequente Investitionen.“
In der Publikumsrunde wurden insbesondere die Begriffe „Game Changer“ und „Flugkörper 25“ diskutiert. Autenrieb machte deutlich, dass Hyperschallwaffen komplexere Flugmanöver ermöglichen, was bestehende Abwehrsysteme an ihre Grenzen bringt. Gleichwohl sei die Bedrohung relativ, so O‘Hagan: „Wir können uns heute schon kaum gegen ballistische Raketen verteidigen – Hyperschallwaffen sind daher kein absoluter Gamechanger.“
Weitere Fragen betrafen den Stand der deutschen Rüstungsinvestitionen. O’Hagan verwies auf Programme wie das israelische Arrow 3 (Lieferung ab 2025) und die Entwicklung von Deep Precision Strike Fähigkeiten, betonte aber die Notwendigkeit, bereits heute strategisch zu definieren, welche Fähigkeiten Deutschland in zehn Jahren wirklich brauche. Besonders hob er die Rolle der anwendungsorientierten Forschung hervor, wie sie Fraunhofer und das neue Innovationszentrum der Bundeswehr in Erding leisten.
Fazit
Die Veranstaltung zeigte eindrucksvoll, dass Hyperschalltechnologie zwischen Faszination, strategischer Relevanz und technischer Begrenzung steht. Während Russland und China Vorreiterrollen einnehmen, steht Europa vor der Aufgabe, die eigene industrielle und wissenschaftliche Basis zu stärken. Ob Hyperschall tatsächlich ein „Game Changer“ wird oder eine „überschätzte Technologie“ bleibt, hängt – so der Tenor des Abends – weniger von der Physik als von politischem Willen, Investitionsentscheidungen und strategischer Koordination ab.
Der Abend endete mit einem Dank der Moderatorin an die Referenten und einer lebhaften Diskussion mit dem Publikum.
Für die Sektion Bonn: Benedikt Roelen