Sektion Bonn

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Mittwoch, 29.10.2025 - 19:00

Verteidigungsbereit oder kriegstüchtig? Wehrdienst und Zeitenwende - Das Für und Wider einer Wehrpflicht

Die Frage nach dem Wehrdienst wirft neben ethischen, rechtlichen, finanziellen, und sicherheitspolitischen Fragen auch solche der Generationen- und Geschlechtergerechtigkeit auf. Über das Für und Wider diskutieren der ehemalige Wehrbeauftragte des Bundestags und Präsident der Gesellschaft für Sicherheitspolitik, Dr. Hans-Peter Bartels, sowie Tobias Pflüger, der seit den 80er Jahren in der Friedensbewegung aktiv ist und von 2017-2021 für die Partei Die Linke im Bundestag verteidigungspolitischer Sprecher war.
Referent: Dr. Hans-Peter Bartels (Präsident der GSP e.V.) und Tobias Pflüger (DIE LINKE)
Ort: Volkshochschule Bonn - Volkshochschule Bonn , 53123 Bonn

V.l.n.r.: Dr. Hans-Peter Bartels (Präsident GSP), Tobias Pflüger (Die Linke), Andreas Preu (Fachbereichsleitung Politik, VHS Bonn), Rüdiger Franz (Redakteur Bonner Generalanzeiger)


Das Podium.

Nachbericht 

„Verteidigungsbereit oder kriegstüchtig? Wehrdienst und Zeitenwende – Das Für und Wider einer Wehrpflicht“

Am Mittwochabend, den 29. Oktober 2025, diskutierten in der Bonner Volkshochschule der ehemalige Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages und Präsident der Gesellschaft für Sicherheitspolitik (GSP), Dr. Hans-Peter Bartels, sowie der ehemalige Bundestagsabgeordnete und langjährige Aktivist der Friedensbewegung Tobias Pflüger (Die Linke) über die Zukunft der Wehrpflicht in Deutschland. Die Veranstaltung stand unter der Moderation von Rüdiger Franz (Generalanzeiger Bonn) und wurde in Kooperation mit der Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte Kriegsdienstgegner*innen (DFG-VK) und der Gesellschaft für Sicherheitspolitik (GSP) durchgeführt.

Zu Beginn erinnerte der Moderator an Artikel 12a des Grundgesetzes, der den Wehr- und Ersatzdienst regelt, und verwies auf aktuelle Zahlen: 3215 Anträge auf Kriegsdienstverweigerung sowie über 2000 ehemalige Pazifisten, die ihren Status in den letzten Jahren zurückgegeben haben – ein Indikator für die zunehmende gesellschaftliche Verunsicherung.

Tobias Pflüger betonte aus friedenspolitischer Perspektive, dass jede Form des Zwangsdienstes – ob Wehrpflicht oder Dienstpflicht – einen Eingriff in die individuelle Freiheit darstelle. Er verwies auf Artikel 4 Absatz 3 des Grundgesetzes, der das Recht auf Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen garantiert. Pflüger formulierte deutlich:

„Es handelt sich immer noch um einen Zwangsdienst – eine Ausbildung zum Töten und Getötetwerden, im Rahmen von Befehl und Gehorsam.“

Er kritisierte die derzeitige Aufrüstungswelle und warnte vor einer schleichenden Militarisierung der Gesellschaft. Die Wiedereinführung der Wehrpflicht erhöhe die Wahrscheinlichkeit, dass junge Menschen in kriegerische Handlungen hineingezogen würden. Zudem bezweifelte er die sicherheitspolitische Grundlage vieler Argumente, etwa die Einschätzung, Russland könne bereits 2029 wieder vollständig angriffsfähig sein. Pflüger bezeichnete solche Prognosen als „notwendiges Narrativ“, um militärische Aufrüstung zu legitimieren, und kritisierte die Anschaffung von Angriffsdrohnen als Abkehr vom Verteidigungsauftrag des Grundgesetzes.

Dr. Hans-Peter Bartels hingegen argumentierte aus verteidigungspolitischer Sicht, dass Wehrfähigkeit Voraussetzung für Friedenssicherung und Freiheit sei. Nach dem Ende des Kalten Krieges habe man die sogenannte „Friedensdividende“ zu lange genossen und dabei die Verteidigungsbereitschaft Deutschlands vernachlässigt. Angesichts der Bedrohung durch Russland müsse die Bundeswehr wieder wachsen.

„Kämpfen zu können, um nicht kämpfen zu müssen – Schwäche bedeutet Risiko“, so Bartels.

Er betonte, dass Deutschland innerhalb der NATO Verpflichtungen eingegangen sei, die ohne eine teilweise oder vollständige Reaktivierung der Wehrpflicht kaum einzuhalten seien. Eine Wehrpflicht verletze keine Menschenrechte, sondern könne, richtig ausgestaltet, zur Stärkung des Gemeinsinns und zur gesamtgesellschaftlichen Verantwortung beitragen.

Kontroverse über Krieg, Diplomatie und Verantwortung 

In der Diskussion wurde auch der Krieg in der Ukraine thematisiert. Pflüger forderte ein Ende westlicher Waffenlieferungen, da diese den Konflikt weiter eskalierten. Ein Rückzug westlicher Unterstützung würde seiner Ansicht nach eine Deeskalation ermöglichen. Bartels widersprach entschieden:

„Es ist Wahnsinn zu glauben, dass die NATO Russland angreifen möchte. Niemand hat Russland gezwungen, die Ukraine zu überfallen.“

Er erinnerte daran, dass Russland weder Minsk I noch Minsk II ernsthaft umgesetzt habe und sich auf keine tragfähige diplomatische Lösung eingelassen habe. Damit, so Bartels, trage Moskau die Verantwortung für die aktuelle Lage.

Aus dem Publikum kamen zahlreiche, teils sehr emotionale Wortmeldungen – von einer Mutter, die um ihre Söhne fürchtet, bis hin zu kritischen Fragen zur geplanten Litauen-Brigade 45, die als Provokation gegenüber Russland gewertet wurde. Während Pflüger hierin eine „Militarisierung der Außenpolitik“ sah, betonte Bartels die Notwendigkeit, Präsenz zu zeigen, um glaubwürdige Abschreckung zu gewährleisten.

Fazit

Der Abend zeigte deutlich die Spannweite zwischen sicherheitspolitischer Analyse und pazifistischer Grundüberzeugung. Während Dr. Bartels die Wehrpflicht als Instrument gesamtgesellschaftlicher Resilienz und sicherheitspolitischer Notwendigkeit verstand, sah Tobias Pflüger darin einen Rückschritt zu einer „Militärrepublik“, die Frieden mit Aufrüstung verwechseln könnte. 

Am Ende stand weniger ein Konsens als die Erkenntnis, dass die Frage nach Wehrpflicht und Verteidigungsbereitschaft nicht nur militärisch, sondern vor allem gesellschaftlich und moralisch verhandelt werden muss – im Spannungsfeld zwischen Sicherheit, Freiheit und Verantwortung.

Text: Benedikt Roelen, JGSP Bonn; Bilder copyright Richard Rohde (GSP Bonn)


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