Sektion Bonn
Wiedereinführung der Wehrpflicht?
Hauptmann Jean‑Pascal Östreich leitete die Debatte mit einem Impulsvortrag zur Wehrpflicht ein. © Dr. Christiane Heidbrink
Die Teilnehmenden diskutierten in Kleingruppen mit Unterstützung durch die KI. © Dr. Christiane Heidbrink
Die Arbeit mit dem KI-Tool "Talk to the City" wurde durch Iris Müller (FNF, hinten) und Edina Selimanjin (FNF, vorne) unterstützt. © Dr. Christiane Heidbrink
Veranstaltungsbericht zu "Wiedereinführung der Wehrpflicht? KI-gestütze Pro-Contra-Diskussion"
Am Abend des 26. November 2025 lud die Sektion Bonn der Junge Gesellschaft für Sicherheitspolitik (JGSP), gemeinsam mit der Friedrich Naumann Stiftung für die Freiheit (FNF) und der Bonner Hochschulgruppe für Außen- und Sicherheitspolitik (BHAS), zu einer besonderen Diskussionsveranstaltung unter dem Titel „Wiedereinführung der Wehrpflicht?“ ein. In ihrer Eröffnungsrunde dankten Iris Müller von der FNF und Dr. Christiane Heidbrink, Sprecherin der JGSP Bonn, allen Beteiligten und riefen dazu auf, das Thema Wehrpflicht mit offenen Augen und mithilfe neuer Debatteninstrumente zu diskutieren.
Die Veranstaltung war in diesem Jahr insofern innovativ, als sie nicht nur lokal stattfand, sondern zugleich auf internationalen Stimmen beruhte: Über eine Online-Zuschaltung wurden Personen aus dem Entwicklungsteam des KI-Tools hinzugeholt, das für die Diskussion genutzt werden sollte. Der US-amerikanische Programmdirektor Adam Schumacher vom AI Objectives Institute präsentierte live das Open-Source-Tool Talk to the City (T3C). Er zeigte, wie dieses Tool Eingaben der Teilnehmenden digital verarbeitet und zurückspiegelt: Es identifiziert gemeinsame oder divergierende Positionen und visualisiert diese, um Debatten übersichtlicher und nachvollziehbarer zu machen. Damit stellt „Talk to the City“ eine technische Plattform dar, über die alle Personen im übertragenen Sinne "zu der Stadt sprechen" können, also eine Stimme in einer Debatte erhalten.
Nach der Einführung scannten alle Anwesenden mit ihrem Smartphone einen WhatsApp-Code ein, über den sie Zugriff auf T3C erhielten. Anschließend folgte ein thematischer Impulsvortrag von Hauptmann Jean‑Pascal Östreich, der die aktuelle Wehrpflicht-Debatte hervorragend zusammenfasste: Er legte dar, dass die Personalstärke der Bundeswehr unter den politischen Zielvorgaben liegt und diese Lücke durch einen Wehrdienst zukünftig gefüllt werden könnte. Je nach Modell sei eine Grundgesetzänderung nötig. Beschlossen sei ab Januar 2026 eine Wehrerfassung: Beim Erreichen des 18. Lebensjahrs werden Fragebögen verschickt — Männer müssten sie ausfüllen, Personen anderen Geschlechts dürften. Ab Juli 2027 sei eine verpflichtende Musterung geplant, zunächst sukzessiv und mit dem Fokus auf Freiwillige. Sollte steigende Attraktivität durch erhöhten Lohn oder bessere Bedingungen nicht ausreichen, könnte eine Bedarfswehrpflicht in Betracht gezogen werden — wobei insbesondere über das Losverfahren hitzig diskutiert wurde. Diese Ausgestaltungswege lösten in der Politik und Gesellschaft eine intensive Auseinandersetzung über Motivation, individuelle Freiheit, gesellschaftliche Pflicht und politische Machbarkeit aus.
Im Anschluss an den Vortrag zog sich die Runde in mehrere Kleingruppen zurück — jeweils vier Personen — um anhand der mit T3C aufgezeichneten Argumente über Pro und Contra verschiedener Modelle einer Wehrpflicht zu diskutieren. Dabei flossen tiefgehende Überlegungen zu Fragen ein wie: Welche Bedeutung hat ein verpflichtender Dienst für Freiheitsrechte und Ausbildungschancen junger Menschen? Wie verhält es sich mit Qualität und Ausbildung bei einer möglichen Massen-Wehrpflicht? Welche Folgen hätte eine Pflicht hinsichtlich Grundrechten, Chancengerechtigkeit, Staat-Gesellschaftsverhältnis und Integration? Über gesellschaftliche, wirtschaftliche und staatliche Dimensionen hinaus diskutierten die Teilnehmenden auch persönliche und ethische Aspekte — kurz: sie beleuchteten das Thema in all seiner Komplexität.
Das KI-Tool „Talk to the City“ erwies sich dabei als sehr nützlich: Die eingegebenen Beiträge wurden gesammelt, analysiert und dargestellt, sodass ein Überblick entstand, welche Positionen im Publikum wie stark vertreten waren und wie die Debatte insgesamt verlief. Zwar dauerte die automatische Auswertung länger als ursprünglich geplant — ein Hinweis darauf, dass auch moderne Methoden ihre Grenzen haben — dennoch ermöglichte das Tool eine neue, transparente Form der Beteiligung und Reflexion.
Am Ende der Veranstaltung zeigte sich deutlich: Die Kombination aus Live-Vortrag, personalisierter Kleingruppendiskussion und KI-gestützter Analyse wurde von vielen Teilnehmenden sehr positiv aufgenommen. Besonders hervorgehoben wurde die generationenübergreifende Zusammensetzung einer Gruppe. Hier saßen junge Erwachsene Seite an Seite mit lebenserfahrenen Teilnehmenden, alle brachten unterschiedliche Erfahrungen und Perspektiven ein. Dieser Austausch wurde als großer Gewinn wahrgenommen. Er wird von den Teilnehmenden als Format gewürdigt, das gerade in Fragen der Sicherheitspolitik und gesellschaftlichen Verantwortung weiter ausgebaut werden soll.
Insgesamt bot die Veranstaltung damit nicht nur eine intensive, kontroverse und tiefe Debatte über die mögliche Wiedereinführung der Wehrpflicht, sondern zugleich ein Beispiel dafür, wie moderne Technologien und partizipative Formate zivilgesellschaftlichen Diskurs bereichern können: sachlich, strukturiert und generationenübergreifend.