Sektion Delmenhorst

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Mittwoch, 20.05.2026 - 18:30

Die Türkei und die Neuordnung des Nahen Ostens: Chance oder sicherheitspolitische Herausforderung für Europa und die NATO?

Die geopolitische Lage verändert sich rasant. Die Türkei spielt dabei eine zunehmend strategische Rolle - auch für Europa. Ankaras Einfluss in der Welt steigt, ob im Nahen Osten, in Afrika, im Kaukasus, in Südosteuropa und auch in der Ukraine. Zuletzt hat die Türkei eine führende Rolle beim Sturz des Assad-Regimes in Syrien gespielt und sieht sich jetzt mit Israel in einem Wettlauf um den Nahen Osten. Sie will unter Präsident Erdogan den verlorenen Nimbus als Weltmacht zurückerlangen, wie ihn einst die Osmanen hatten.

Porträt eines bärtigen Mannes im schwarzen Anzug mit roter Krawatte, blickt geradeaus in einem hellen Innenraum.
Referent: Rasim Marz , Historiker und Publizist für die Geschichte des osmanischen Reichs und der modernen Türkei

Rasim Marz, Jahrgang 1991, studierte nach dem Abitur Politik- und Verwaltungswissenschaften und Soziologie in Hagen. Im Juli 2016 veröffentlichte er eine Biografie über den osmanischen Staatsmann Ali Pascha (1815 - 1871), in welcher er die europäische Haltung zur Balkan- und Orientfrage neu bewertete.

Marz ist Analyst internationaler Machtpolitik und veröffentlicht regelmäßig Analysen zum  Nahen Osten, Kaukasus und Nordafrika, unter anderem in DIE ZEIT und NEUE ZÜRCHER ZEITUNG. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen die europäische und osmanische Diplomatie des 19. Jahrhunderts, sowie die Subversion des Nahen Ostens im 19. und 20. Jahrhundert.

Ort: "Oase Haus Adelheide" (Soldatenheim), (vor Delmetal-Kaserne), - Abernettistraße 43 , 27755 Delmenhorst
Organisator: Herr Oberstleutnant a.D. Rolf Dieter Wienand , Sektionsleiter delmenhorst@gsp-sipo.de
Donnermoor 48, 27777 Ganderkesee  04222 / 950222

Eigenbericht zur gemeinsamen Vortragsveranstaltung am 20.05.26

Der Historiker und Publizist Rasim Marz referierte vor 35 Gästen im Haus Adelheide über die neue Rolle der Türkei in der Weltpolitik, ihre geopolitische Bedeutung für die Neuordnung des Nahen Ostens sowie ihr Verhältnis zur NATO.

Marz beschrieb eine aufstrebende Türkei mit wachsendem geopolitischem Selbstbewusstsein. Die Ambitionen nach neuer Weltgeltung speisten sich, so Marz, aus den historischen Traumata und dem verlorenen Nimbus des Osmanischen Reiches, dessen Untergang im Jahr 1922 bis heute die türkische Außenpolitik präge.

Der Vortrag beleuchtete die historischen Beziehungen zwischen den europäischen Großmächten und dem Osmanischen Reich im 19. Jahrhundert und stellte zugleich Bezüge zur heutigen Politik Ankaras her. Dabei wurde insbesondere die Ausweitung der türkischen Einflusssphäre auf ehemalige osmanische Gebiete und die zunehmende Bedeutung der Türkei im Nahen Osten thematisiert. Neben Israel gehöre die Türkei heute zu den militärischen Schwergewichten der Region und leite ihren Führungsanspruch auch aus ihrer historischen Rolle ab.

Ein weiterer Schwerpunkt des Abends war der Aufbau der türkischen Rüstungsindustrie mit besonderem Fokus auf Drohnentechnologie. Diese habe in mehreren regionalen Konflikten entscheidende militärische Wendepunkte ermöglicht – unter anderem im Bergkarabach-Krieg 2020 sowie im Libyen-Konflikt 2021.

Darüber hinaus ging Marz auf die guten Beziehungen der Türkei zur Trump-Administration in Washington sowie auf die neue Kurdenpolitik Ankaras ein. Der neue Friedensprozess zwischen der Türkei und kurdischen Akteuren in Syrien, im Irak und innerhalb der Türkei ermögliche es Ankara zunehmend, den Anspruch auf eine regionale Vormachtstellung umzusetzen. Neue strategische Partnerschaften mit Saudi-Arabien und Ägypten sollten zudem den Einfluss Israels in der Region begrenzen.

Besondere Aufmerksamkeit widmete der Referent der türkischen Doktrin der „Blauen Heimat“ („Mavi Vatan“), mit der Ankara seinen Einfluss im östlichen Mittelmeer ausweiten wolle. Diese Strategie umfasse weitreichende maritime Gebietsansprüche in der Ägäis und im östlichen Mittelmeer und habe die Spannungen mit der Europäischen Union sowie insbesondere mit dem NATO-Partner Griechenland deutlich verschärft. Hintergrund seien Streitigkeiten um Seegrenzen, Erdgasvorkommen und Einflusszonen im Mittelmeerraum. Die „Blaue Heimat“-Doktrin werde in Ankara als Ausdruck eines neuen geopolitischen Selbstverständnisses verstanden, stoße jedoch in Athen und Brüssel auf große Skepsis. 

In diesem Zusammenhang erläuterte Marz auch die energiepolitischen Ambitionen Ankaras. Die Türkei strebe langfristig an, sich als zentrale Energiedrehscheibe zwischen dem Nahen Osten und Europa zu etablieren. Dazu gehöre auch die Vision einer Gas-Pipeline von Katar über Syrien in die Türkei und weiter nach Europa. Nach Ansicht des Referenten erkläre dies zum Teil das starke türkische Interesse an Syrien sowie den Versuch, den eigenen Einfluss dort auszubauen. Gleichzeitig lehne Ankara die von Griechenland, Zypern und Israel geplante EastMed-Pipeline ab, da diese die Türkei bewusst umgehen und die geopolitische Stellung Ankaras im östlichen Mittelmeer schwächen würde. Die Auseinandersetzungen um die Pipeline-Projekte hätten den geopolitischen Konflikt im Mittelmeerraum zusätzlich verschärft. 

Auch die Entwicklungen in Syrien wurden thematisiert. Nach Einschätzung des Referenten habe die türkische Unterstützung der HTS-Offensive im November 2024 nicht nur zum Sturz des geschwächten Assad-Regimes beigetragen, sondern Ankara zugleich die Möglichkeit eröffnet, seinen Einfluss auf Syrien auszubauen und eine pro-türkische Regierung in Damaskus zu etablieren.

Zum Abschluss verwies Marz auf die Beteiligung der Türkei an der Nato-Übung Steadfast Dart 2026 in Norddeutschland. Die Teilnahme mit 2500 Soldaten, drei Kriegsschiffen sowie dem Flaggschiff TCG Anadolu sei innerhalb der westlichen Allianz positiv aufgenommen worden und werde als deutliches Signal gewertet, dass die Türkei weiterhin an ihrer militärischen Westbindung festhalte.

Kräftiger Applaus der Zuhörenden dankte dem Referenten für seine von Folien gestützte Erweiterung des Wissens, das in weiten Teilen Neuland war.

Rasim Marz


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