Sektion Delmenhorst

Sektion Delmenhorst

Mittwoch, 05.11.2025 - 18:30

Krisenherd und Provokationsraum Ostsee

Die Verwundbarkeit bleibt - und die Zersplitterung der Zuständigkeiten auch.

Referent: Julian Pawlak , Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Helmut-Schmidt-Universität
Ort: "Oase Haus Adelheide" (Soldatenheim), (vor Delmetal-Kaserne), - Abernettistraße 43 , 27755 Delmenhorst
Organisator: Herr Oberstleutnant a.D. Rolf Dieter Wienand , Sektionsleiter delmenhorst@gsp-sipo.de
Donnermoor 48, 27777 Ganderkesee  04222 / 950222
Der Referent (links) mit dem Sektionsleiter Delmenhorst
Sprecher hält Vortrag über 'Hybride Bedrohungen' vor Publikum an Tischen; Diagramm auf großer Leinwand im Konferenzraum.

Der Referent mit dem Sektionsleiter Delmenhorst (Bild oben) Blick auf das Publikum (Bild unten)

Eigenbericht zum Vortrag von Dr. Julian Pawlak zum Thema:

 „Krisenherd und Provokationsraum Ostsee“ 

am 05.11.2025 in Delmenhorst

Der Referent – derzeit wissenschaftlicher Mitarbeiter der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg - beschäftigt sich dort unter anderem am angegliederten German Institute for Defence and Strategic Studies seit Jahren intensiv mit der geopolitischen Situation im Ostseeraum. 

Der Vortrag war mit 58 Teilnehmern durchschnittlich gut besucht, die anschließende Diskussion durchaus konträr.

Waren die vergangenen Jahrzehnte zunächst durch eine konfliktarme Stabilität gekennzeichnet, so hat sich die Situation seit 2014, spätestens seit Beginn des Jahres 2022 deutlich verändert. Pawlak führte hierzu den Anschlag auf NORDSTREAM, Drohnensichtungen in den nördlichen Anrainerstaaten, Störungen von GPS-Signalen und offensichtlich gelenkte Flüchtlingsströme aus Belarus in die Baltischen Staaten an. Die Situation sei so stark eskaliert, dass Finnland und Schweden der NATO beitraten.

Der Referent beschrieb die Ostsee als ein Randmeer mit vielen Anrainerstaaten, welches als Verkehrsraum, Wirtschafts- und Ressourcenbasis dient und Träger zahlreicher Infrastrukturen ist. Hier wurden zahlenmäßig Bohrplattformen, Windkraftanlagen Energie- und Datenkabel aufgeführt, deren Integrität vermehrt bedroht würde. Exemplarisch wurde der Weg des Frachtschiffes EAGLE S über die Unterseedatenkabel und der zeitgleiche Ausfall mehrerer Datenverbindungen dargestellt.

Die Wahrnehmung derartiger Bedrohungen führte seit Anfang 2025 zu einer verstärkten Überwachung aller Aktivitäten durch die NATO. Der hybride Ansatz der „unfreundlichen Aktivitäten“ in einer Grauzone zum offenen Konflikt und die aus vielerlei Sicht unzureichenden Reaktionen darauf machen deutlich, dass das derzeit zu Verfügung stehende Instrumentarium im internationalen See- und auch im Völkerecht nur bedingt ausreicht, um zielgerichtet und unmittelbar gegen potenziell Verdächtige vorgehen zu können und diese sozusagen auf frischer Tat stellen.

Im Ausblick auf die künftige Bedrohungslage zeigte sich Pawlak überzeugt, dass die hybriden Beeinflussungen eher nicht nachlassen werden und weiterhin mit Sabotageakten an kritischer Infrastruktur zu rechnen wäre. Gleichwohl hält er das Übergleiten in einen offenen militärischen Konflikt gegenwärtig für unwahrscheinlich. Es wäre jedoch zur Erzielung einer glaubhaften Abschreckung eine Konsolidierung der europäischen Sicherheits- Rüstungs- und Verteidigungspolitik wünschenswert und ein einheitlicher politischer Durchsetzungswille unabdingbar.

In der anschließenden Diskussion wurden u.a. über die Urheberschaft der hybriden Bedrohungen diskutiert.  Zweifel wurden aber auch an der Wirksamkeit der (neuen) Grenzbefestigungen an Land laut. Weitere Fragen betrafen die Auswirkungen und Kosten bisheriger Angriffe auf kritische Infrastruktur und die Rolle der sogenannten Schattenflotte. Der Referent konnte auf alle Kommentare und Fragen eingehen, hielt sich aber mit der Nennung von konkreten Zahlen sichtbar zurück. 

Harald Mauritz