Sektion Delmenhorst
Systemkonkurrenz
Warum wir eher über unsere eigenen Füße stolpern werden, als dass China uns ein Bein stellt.
Kennen Sie den alten Spruch aus dem Handwerk? „Nach fest kommt ab!“ Wer es zu gut meint, der überdreht und hinterher ist mehr Schaden angerichtet als Nutzen gestiftet. In eine ähnliche Richtung wird der Vortrag von Rainer Lisowski argumentieren. Er ist davon überzeugt, dass die Sicherheit der westlichen Demokratie in Gefahr ist und unter enormem Druck steht. Der Druck kommt von zwei Seiten. Er kommt von außen, weil mit China erstmals ein Konkurrent auf der internationalen Bühne steht, der ein durchaus überzeugendes und attraktives Gegenangebot zum Westen bietet. Mehrfach konnte der Referent beispielsweise in Afrika beobachten, wie positiv dort China gesehen wird, während sich Skepsis gegenüber dem Westen breit gemacht hat. Diese Attraktivität des chinesischen Systems ist ein As, das die Sowjetunion niemals im Ärmel hatte. Aber viel mehr noch, als dass China uns ein Bein stellen könnte, befürchtet Lisowski, dass wir über unsere eigenen Beine stolpern werden. Eben weil wir es übertreiben: Mit unseren moralischen Vorstellungen, mit unserer Neigung zur technokratischen Bürokratisierung und letztlich auch mit immer ausgefeilteren Ideen der Beteiligung und der Demokratisierung.
Referent: Prof. Dr. Rainer Lisowski
Prof. Dr. Rainer Lisowski ist Professor an der School of International Business der Hochschule Bremen.
Er promovierte mit einem Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes bei Karl-Heinz Naßmacher am Institut für Empirische Demokratieforschung in Oldenburg. Dort prägten ihn die Vorstellungen der politischen Ordnung als Grundlage von Demokratie, wie sie auf Joseph A. Schumpeter und dessen Schüler Ferdinand Hermens zurückgehen. Lisowski war sowohl in der Privatwirtschaft, als auch im öffentlichen Dienst tätig. Er lehrt regelmäßig im Ausland, u. a. in Südafrika und Singapur. Die Beschäftigung mit Asien ist häufig Teil seiner Forschung und Publikationen. Er ist regelmäßiger Rezensent für die Fachplattform Politikwissenschaft Portal. Er ist Mitglied der Deutschen Vereinigung für Politikwissenschaft und der Deutschen Gesellschaft zur Erforschung des Politischen Denkens.
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Eigenbericht zum Vortrag von Prof. Dr. Rainer Lisowski zum Thema „Systemkonkurrenz“ am 24.04.24 in Delmenhorst
Mit dem Handwerkerspruch „Nach `fest` kommt `ab`!“ symbolisierte der Politik- und Wirtschaftswissenschaftler Rainer Lisowki in seinem Vortrag zur Systemkonkurrenz zwischen Deutschland und China die Forderung, sich bei Nutzung seiner (politischen) Werkzeuge im Umgang mit dem systemischen Konkurrenten eher auf den Abbau seiner eigenen Schwächen zu konzentrieren, anstatt in einem Bedrohungsszenarium die Stärken des Konkurrenten künstlich zu überhöhen.
Der Referent belegte seine These nachvollziehbar. Wir Deutsche übertrieben nicht nur gelegentlich durch mitunter fragwürdige moralischer Vorstellungen, technokratische Bürokratisierung und immer weiter ausgefeilte Ideen der Beteiligung und Demokratisierung.
Eindrucksvolles Beispiel für Technokratisierung war die Vorstellung eines Auszugs aus der Umsetzung der europäischen Richtlinie zur Düngemittelverordnung, die bei den Anwesenden ob ihrer Unverständlichkeit mit Kopfschütteln quittiert wurde. Als Hypermoralismus stufte der Redner die Einrichtung einer „Meldestelle Antifeminismus“ der Amadeu Antonio Stiftung ein. Er fürchte nicht nur eine Flut von „Meldungen“, welche die Notwendigkeit zusätzlicher Maßnahmen belegen dürften, sondern vielmehr eine allgemeine Verunsicherung der Menschen, etwas „Falsches“ zu sagen und sich damit zumindest moralisch angreifbar zu machen, so Lisowski. Das es andere Staaten auch nicht besser machen - in Frankreich kursiert ein Gesetzentwurf zu Diskriminierung wegen der Frisur – wäre nur ein schwacher Trost.
Bezogen auf China machte der Referent deutlich, dass das chinesische Model der Regierungsführung für viele Staaten außerhalb der westlichen Welt äußerst attraktiv ist. Die Betonung der Individuellen Freiheit des Individuums würde gern zugunsten einer effektiven und effizienten Regierungsform, wie es sie aus chinesischer Sicht in China gäbe, geopfert. Insbesondere in Afrika fände dies großen Zuspruch.
China selbst sähe sich nach zwei Jahrhunderten der Demütigung wieder auf dem Weg zu dem Platz, den es mehr als ein Jahrtausend eingenommen hatte. Professor Lisowski fasste zusammen:
China ist keine Demokratie.
China hat kein Interesse, sein System anderen Ländern aufzuzwingen.
China ist eine aufstrebende Großmacht, die seine Interessen verteidigt und in bestimmten Situationen auch gefährlich werden könnte (Taiwan).
China will den Einfluss des Westens zurückdrängen und wird deshalb Konflikte, in denen der Westen gebunden ist, am Köcheln halten.
Fazit: Wir sollten uns zuerst den inneren Stolpersteinen widmen. Von China geht (noch) keine so große Gefahr aus.
Die 69 Zuhörer wohnten nach dem Vortrag noch einer lebhaft geführten Diskussion bei.
Harald Mauritz