Sektion Elbe-Weser
Europäische Sicherheitsordnung: Mit oder ohne Ankara?
Kooperationsveranstaltung der GSP-Sektion Elbe-Weser mit der Volkshochschule Zeven
Frau Dr. Sinem Adar ist Leiterin des Centrums für angewandte Türkeistudien (CATS) der Stiftung Wissenschaft und Politik. Sie hat an der Brown University promoviert und befasst sich seit 2019 bei CATS mit der türkischen Innen- und Außenpolitik. 2025 hat Dr. Adar ein europäisches Projekt zur Rolle der Türkei in der europäischen Sicherheit konzipiert und geleitet. Ihre Veröffentlichungen sind in renommierten internationalen Medien wie „Foreign Policy“, „War on the Rocks“ und „World Politics“ erschienen.
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Sicherheit mit oder ohne Ankara? - Vortrag von Dr. Sinem Adar am 26. März im Oste-Hotel
Autor: Axel Loos
Aus geografischen, strategischen, politischen und militärischen Gründen wird die Türkei in der Debatte zur europäischen Sicherheit als bedeutender Akteur angesehen. Dies umso mehr in einer Zeit wachsender Ungewissheiten in den transatlantischen Beziehungen. Und auch das Verhältnis zur Europäischen Union ist nicht frei von gegenseitigem Misstrauen. Mit Fokus auf die türkischen Wahrnehmungen, Interessen und Motive im Hinblick auf die europäische Sicherheit beleuchtet Dr. Sinem Adar auf Einladung der Gesellschaft für Sicherheitspolitik (GSP) die Komplexität der Rolle der Türkei für die europäische Sicherheit. Die Politikwissenschaftlerin ist Leiterin des Centrums für angewandte Türkeistudien der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. Werner Hinrichs, Leiter der GSP-Sektion Elbe-Weser, und sein Gast freuten sich, dass erneut so viele Bremervörder der Einladung in das Oste-Hotel gefolgt waren.
Schon rein geographisch kommt der Türkei, so Dr. Adar, eine besondere Stellung zu. Zwischen Asien und Europa gelegen hat die Türkei acht Grenzen und ist von drei Meeren umgeben. Als einziges NATO-Land zählt die Türkei den Iran, Irak und Syrien zu seinen unmittelbaren Nachbarn, und mit seiner Herrschaft über die Dardanellen und den Bosporus kontrolliert es den Seeverkehr zwischen Mittelmeer und Schwarzen Meer. Seit dem russischen Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine sind diese Passagen für sämtliche Kriegsschiffe, auch solche der NATO, blockiert. Auch wirtschaftlich ist die geographische Lage der Türkei von Bedeutung. Durch sie verlaufen wichtige Gaspipelines und eine von drei Handelskorridoren von Asien nach Europa. Seine Nachbarschaft zu den großen Krisenregionen wiesen der Türkei zudem eine Schlüsselrolle in der Migrationspolitik zu, so die Politikwissenschaftlerin.
Die Mitgliedschaft in der NATO sei der Türkei sehr wichtig, und dass nicht nur im Hinblick auf Russland, sondern auch im Bezug zu seinen westlichen Nachbarn. Der Hintergrund, erklärte Dr. Adar, sei historischer Natur. Der Erste Weltkrieg endete mit einer Niederlage und Zerschlagung des Osmanischen Reiches. Das Sèvres-Syndrom, benannt nach dem schicksalhaften Vertrag von Sévres 1920, wirke noch heute nach und begründe ein tiefes, kollektives Misstrauen gegenüber westlichen Mächten. Die Spannungen zu Griechenland und die Konflikte um Zypern, EU-Mitglied mit Veto-Recht, seien auch heute noch wichtige außenpolitische Determinanten. Die Türkei gehöre zum europäischen Pfeiler innerhalb des transatlantischen Verteidigungsbündnisses und ist dort sehr engagiert. 2025 hat es zum zweiten Mal die Führung der KFOR-Mission im Kosovo übernommen und beteiligt sich mit Marineschiffen an der NATO-Übung Steadfast Dart. Darüber hinaus sei die Türkei mittlerweile in vielen Konfliktregionen präsent, beispielsweise in Libyen, Sudan oder Katar. Aber auch als Waffenproduzent und -exporteur habe die Türkei stetig an Bedeutung gewonnen, vor allem bei der Entwicklung von Drohnen. So sei das Land auf Platz 11 der globalen Waffenexporteure aufgestiegen und zähle in Europa vor allem Polen, Spanien und Italien zu seinen Käufern.
Spannungen, so Dr. Adar, ergäben sich unter anderem aus dem Kampf der Türkei gegen die PKK und ihre Nachfolgeorganisationen, wobei ihr das wieder zu sicherheitspolitisch interessantem operativem Know-Hows verholfen habe. Daneben bereite der wachsende Rückgriff Ankaras auf den Geheimdienst und der Versuch, seinen Einfluss auf Türken im Ausland zur Umsetzung der Außenpolitik Sorge. Doch mittlerweile hätten die Deutschen und europäischen Behörden stark auf solche Aktivitäten der AKP reagiert. Immerhin betrachte sich die Türkei als einen Teil von Europa und werde von seinen Nachbarn im Nahen Osten gar als westliches Land betrachtet. Selbst wenn Donald Trump, dessen Nähe Erdogan sucht, einen Austritt aus der NATO vorantreiben sollte, wäre das Bündnis für die Türkei immer noch das Mittel der Wahl, um im europäischen Diskurs eine Stimme zu haben. Oder, wie der türkische Präsident es formulierte: „Wer nicht am Tisch sitzt, steht auf der Karte“.