Sektion Elbe-Weser
China - eine Bedrohung für Europa?
Eine Veranstaltung in Kooperation mit dem Zweckverband Volkshochschule Zeven
Oliver Corff (geb.1958 in Leipzig), studierte Sinologie von 1980 – 1987 an den Universitäten in Berlin und Shanghai.
Nach Erreichen des M.A. ging C. für zwei Jahre als Gastwissenschaftler an das Institut für Sozialwissenschaftler der Uni Tokyo.
1991 Forschungsstipendium des DAAD für die Mongolei, 1992 Promotion an der Freien Universität in Berlin,
von 1993 -1997 entwickelte er am Institut für Sprache und Literatur der Mongolischen Akademie der Wissenschaften in Ulan Bator das erstes Computersystem für die mongolische Schrift,
1998 – 2005 Koinitiator partnerschaftlicher Beziehungen zwischen Wuxi (China) und Spandau. Corff spricht mongolisch und chinesisch und ist vor allem als Dolmetscher, Übersetzer und Wirtschaftsberater in Berlin tätig,
seit 2002 auch Dolmetscher für Kernressorts der Bundesregierung;
2007 Herausgabe 2. Aufl. Handwörterbuch der Mandschusprache.
Experte für chinesische Militärpolitik und Mitglied der Clausewitz-Gesellschaft, sowie Träger Kublai-Khan-Medaille der Akademie der Wissenschaften der Mongolei.
Am 01.10.2021 steht Herr Dr. Corff vormittags vor Schülern der Berufsbildenden Schule oder Gymnasium in Bremervörde zum Thema: „Cleveres China - bequemer Westen?“ erneut zur Verfügung. Dabei wird der Asien-Experte Dr. Corff Antworten geben, auf folgende Fragen: Kann ein Smartphone die Interessen eines ganzen Landes gefährden? Sind chinesische Hightech-Konzerne wie Huawai oder Xiaomi einfach nur Hersteller attraktiver Unterhaltungs- und Kommunikationselektronik oder steckt vielleicht mehr dahinter? Um die Relevanz dieser Fragen zu verstehen, muss man sich mit dem Land beschäftigen, das sich in den letzten Jahrzehnten mit rasanter Geschwindigkeit sowohl politisch als auch wirtschaftlich Weltgeltung verschafft hat. Aber was ist das Selbstverständnis der chinesischen Staatsführung, die diesen Fortschritt vehement vorantreibt? Welche Ziele verfolgt sie und sind diese mit unserer Vorstellung eines menschengerechten Gemeinwesens vereinbar? Wo bestehen Konflikte, wo drohen neue….?
Jütlandstraße 30, 27432 Bremervörde 04761 / 70121
Reiches Land – starke Armee
Vortrag von Dr. Oliver Corff am 1. Oktober vor Besuchern der GSP
von Axel Loos
Die limitierten Plätze im EWE-Kundencenter für den Vortrag von Dr. Corff über die neue Großmacht China waren schnell vergeben. Das Thema „China – eine Bedrohung für Europa?“, für das die Gesellschaft für Sicherheitspolitik (GSP) den Sinologen, Übersetzer und Regierungsberater Dr. Oliver Corff gewinnen konnte, zog offensichtlich. Nach den einführenden Worten des GSP-Sektionsleiters Werner Hinrichs, stieg Dr. Corff schnell in das Thema ein und erweiterte den Blick auf die globale Dimension, die das heutige China einnimmt. „China ist eine Herausforderung für die gesamte Welt, damit auch für Europa“ betonte der Asien-Experte.
In der darauffolgenden Stunde erläuterte Dr. Corff die nach chinesischen Maßstäben friedliche Entwicklung vom rückständigen Agrarstaat zur Hochtechnologie-Supermacht, deren Bedeutung für die gesamte Welt offenkundig ist und zu Konflikten, man möchte fast sagen, zwangsläufig führen muss. Zur richtigen Einordnung erläuterte der Referent die maßgeblichen demografischen und wirtschaftlichen Charakteristika des Landes. Flächenmäßig so groß wie die USA stelle der Riese eine einzigartige kulturelle Einheit dar, geführt von der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh). Wesentlich sei dabei in globaler Perspektive das asymmetrische Verständnis zwischen dem Westen und China. Es gebe viel mehr Chinesen, die englisch sprechen als Westler, die sich auf chinesisch verständigen können. Ob man denn nun chinesisch lernen solle, fragte ein Zuhörer. „Unbedingt!“ antwortete Dr. Corff spontan – mit einem kleinen Augenzwinkern. Es wäre wichtig, dass nicht nur einige wenige Experten wie er dem Rest der Republik erklären müsse, wie China tickt. In der Tat, gehe es mehr als um nur wirtschaftliche oder militärische Vormachtstellung, der Wettbewerb mit China sei auch systemischer Natur. „Europa tauge für China allenfalls als Urlaubsregion!“ holte Dr. Corff die Zuhörer auf den Boden der Tatsachen zurück. Aber jedem Chinesen sei klar, dass die Wolkenkratzer in Shanghai schneller und höher wachsen als in London, und damit sei die Partie entschieden. Nach chinesischen Maßstäben, verstehe sich. Dafür sorge der alleinige Führungsanspruch und die Deutungshoheit der KPCh, die die folgenden Staatsziele festgelegt hat: Stabilität, territoriale Integrität und Entwicklung. Was da so harmlos klinge, berge jedoch Konfliktpotential. Was Stabilität aus chinesischer Sicht bedeute, zeige das Beispiel Hong Kong. Die de facto Aufkündigung der Joint Declaration, „ein Land, zwei Systeme“, werfe beunruhigende Fragen nach Chinas Vorstellung von Vertragstreue auf, einem Prinzip, das für prosperierenden Handel zu beider Nutzen essentiell sei. Territoriale Integrität als Vorwand zur Einverleibung Taiwans, Tibets und Kleininseln im Südchinesischen Meer gehe auch nicht mit der westlichen Auffassung von Völkerrecht einher. Entwicklung diene schließlich nicht dem Wohle des Volkes oder gar des Individuums, sondern der Aufrüstung: „Reiches Land -Starke Armee“. Die Soldaten dieser starken Armee leisteten ihren Eid nicht wie beispielsweise in Deutschland auf eine Verfassung, sondern… auf die Partei! Dieser unmittelbare Zugriff auf die Gefolgstreue des Militärs erlaube China, Stück für Stück eine expansive Machtprojektion zu verfolgen, dass zunächst das Südchinesische Meer im Fokus habe. Hier locken Bodenschätze, abtrünnige Gebiete und vor allem tiefes Gewässer. Dieses eigne sich hervorragend, um atomar bestückte U-Boote vor neugierigen Satelliten zu verstecken.
Wie sollen Deutschland, Europa und die Welt damit umgehen? Es gäbe bis dato nur eine fragmentierte, nicht kollektive Sicherheitsarchitektur. Diese sei noch kontaminiert durch nationale Befindlichkeiten, politischen Friktionen und diplomatischen Spannungen. Wünschenswert sei laut Dr. Corff eine asiatische Entsprechung der NATO und er machte damit die Bedeutung dieses Bündnisses klar. Andererseits stellte er die kritische Frage, ob die westliche Vorstellung von globalem Handel mit China bei gleichzeitiger Rivalität in Gestalt der NATO auf Dauer durchzuhalten sei. Deutschland habe dabei massive maritime Interessen, die auch von den Vorgängen im Südchinesischen Meer betroffen sei. Leider sei das strategische Denken in diesem Land unterentwickelt. „Für den Marine-Bericht der Bundesregierung interessieren sich vielleicht ein paar Admiräle und der ein oder andere Experte“, bedauerte Dr. Corff.
Am darauffolgenden Morgen trug Dr. Corff dann vor Schülern der BBS in Bremervörde vor. Der Sinologe beließ es nicht dabei, das Manuskript des vorangegangenen Abends zu verwenden, sondern machte die eher abstrakten Betrachtungen am Beispiel des Smartphone-Marktes anschaulich. Als Einstieg gelang es Dr. Corff einen Bezug der Herausforderungen durch China zum Namensgeber der Schule, Heinrich Thünen, zu finden und konnte so das Interesse seiner jungen Zuhörer wecken.
Hier finden Sie den Zeitungsbericht der BREMERVÖRDER ZEITUNG vom 08.10.2021, Seite 15, unten