Sektion Lüneburg
Zweite Zeitenwende - Nach der ersten Zeitenwende mit Beginn des Ukrainekrieges erleben wir die zweite Zeitenwende mit der Neuausrichtung der USA gemäß der neuen US-Sicherheitsstrategie -Was bedeutet das für uns? -
Zentrale Landesbereichsveranstaltung GSP-Landesbereich Niedersachsen/Bremen (11:00 h - 16:00 h)
Programm
Ab 10.30 Eintreffen Teilnehmer
11.00 Begrüßung / Einführung
Nach der Münchner Sicherheitskonferenz: Von nuklearer Abschreckung und kollektiver Bündnisverteidigung bis Heimatschutz – was kommt da auf uns zu?
Brigadegeneral a. D. Rainer Meyer zum Felde, Leiter Landesbereich II der GSP
11:15 Grußwort der Stadt Lüneburg: Frau Bgm‘in Hiltrud Lotze
11:30 Impulsvortrag zur Bündnispolitik:
Zerbricht der transatlantische Verbund an Trumps disruptiver Politik? Und kann eine „europäischere“ NATO uns vor Putins Russland schützen?
Botschafter a. D. Martin Erdmann
12:30 Pause Mittagsimbiss mit Getränken
13:20 Impulsvortrag zur Bedrohungslage:
Putins Russland, unterstützt durch Chis China - Wie verändert Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine die Sicherheitslage in Europa und worauf müssen wir uns danach einstellen und was bedeutet das für die Zukunft der NATO?
Prof. Dr. Joachim Krause
14:20 Pause Kaffee, Kuchen, Getränke
14:50 Impulsvortrag Heimatschutz
Die Rolle der Heimatschutzverbände in Zeitenhybrider Bedrohung, Krise und Krieg
Oberst d.R. Frank-Eckhard Brand
15:40 Panel - moderierte Podiumsdiskussion, Diskussion mit und Fragen aus dem Plenum
16:20 Ende der Veranstaltung, anschl. Empfang - Gespräche bei Imbiss u. Getränken
Einemhofer Weg 19, 21394 Westergellersen 04135 / 7988
Die Protagonisten der Veranstaltung v.l.: Oberst Frank-Eckhard Brand (Kommandeur Heimatschutzregiment 4), Martin Erdmann (Botschafter a.D.), Prof. Dr. Joachim Krause (2002 -2023 Direktor des Instituts für Sicherheitspolitik an der Universität Kiel), Rainer Meyer zum Felde (Leiter GSP-Landesbereich II), Christian Engel (Sektionsleiter Lüneburg)
Der große Saal im Kasino der Theodor-Körner-Kaserne in Lüneburg füllt sich: 68 interessierte Bürger, dabei auch Mandats- und Funktionsträger aus der Region, nahmen sich am Samstag die Zeit, sich zu existentiellen sicherheitspolitischen Herausforderungen und die Konsequenzen für unsere Zukunft informieren zu lassen und mit den Referenten zu diskutieren.
Pressebericht zum sicherheitspolitischen Symposium der GSP in Lüneburg am 14. März 2026
Der Landesbereich II (Niedersachsen/Bremen) der Gesellschaft für Sicherheitspolitik e.V. (GSP), richtete im Rahmen einer zentralen Landesbereichsveranstaltung am Samstag, den 14.03.2026 in Kooperation mit der Deutschen Atlantischen Gesellschaft ein sicherheitspolitisches Symposium in der Theodor-Körner-Kaserne in Lüneburg aus, zu der sich mehr als 50 Zuhörer angemeldet hatten.
Unter inhaltlicher Federführung des Landesbereichsleiters – Brigadegeneral a.D. Rainer Meyer zum Felde – wurde die Veranstaltung durch die örtliche Sektion Lüneburg der GSP vorbereitet und organisiert.
Die Veranstaltung stand unter dem Motto: Zweite Zeitenwende
„Nach der ersten Zeitenwende mit Beginn des Ukrainekrieges erleben wir die zweite Zeitenwende mit der Neuausrichtung der USA gemäß der neuen US-Sicherheitsstrategie – Was bedeutet das für uns?“
Dieser Frage gingen neben dem Landesbereichsleiter die beiden Hauptreferenten der Veranstaltung nach: Botschafter a.D. Martin Erdmann. Ehemaliger ständiger Vertreter Deutschlands bei der NATO und Botschafter in der Türkei, sowie Prof. Dr. Joachim Krause, ehemaliger Direktor des Instituts für Sicherheitspolitik an der Universität Kiel. Ergänzt wurde der Kreis durch den Kommandeur des Heimatschutzregiments 4 SH/MV Oberst d.R. Frank-Eckhard Brand aus Lübeck.
Rainer Meyer zum Felde führte mit einem Rückblick auf die diesjährige Münchner Sicherheitskonferenz in das Thema ein und beschäftigte sich mit der Frage: „von nuklearer Abschreckung und kollektiver Bündnisverteidigung bis Heimatschutz – was kommt da auf uns zu?“.
Meyer zum Felde reflektierte die Münchner Sicherheitskonferenz im Februar 2025, nach der das Entsetzen über die „doppelte Zeitenwende“ groß war: nicht nur hat Putins Russland mit seinem vierjährigen Abnutzungs- und Vernichtungskrieg gegen die Ukraine alle Grundlagen der europäischen Friedensordnung von 1990 zerstört und die Mitgliedstaaten in NATO und EU zu einer ungeahnten Aufrüstung gezwungen. Sondern zugleich hat auch Trumps disruptive Politik alle gewohnte Sicherheit durch die NATO, als das von den USA angeführte mächtigste Bündnis der Geschichte erschüttert.
In diesem Jahr war der Ton durch den amerikanischen Außenminister Marco Rubio zwar freundlicher gesetzt, inhaltlich jedoch kaum verändert. Die USA stehen nur noch in Teilbereichen für den Schutz Europas zur Verfügung, so dass sich die Europäer im konventionellen Bereich künftig aus eigener Kraft gegen die Bedrohung durch Putins Russland schützen müssen. Deutschland wird dabei eine Schlüsselrolle zufallen, sowohl als eine der Führungsnationen in NATO und EU, als bevölkerungsreichstes Land mit der leistungsfähigsten Wirtschaft und Rüstungsindustrie, sowie als zentrale Drehscheibe für Verteidigungsoperationen in Europa.
Botschafter Martin Erdmann beschäftigte sich in dem ersten Impulsvortrag zur Bündnis-Politik mit der Frage: „zerbricht der transatlantische Verbund an Trumps disruptiver Politik? Und kann eine „europäischere“ NATO uns vor Putins Russland schützen?“
Bevor er auf den Kern der Fragestellung einging, lenkte er den Fokus zunächst auf die militärische Auseinandersetzung zwischen den USA/Israel und dem Iran im Nahen Osten.
Zu der medialen Begleitung dieses Krieges und dem Vorwurf einer „völkerrechtswidrigen Aggression“ nahm er deutlich Stellung. Er hält den Angriff gegen den Iran für einen „Präventivschlag gegen ein terroristisches Regime“, das seit Jahrzehnten in seiner Staatsideologie die Vernichtung Israels sowie die Vertreibung der Juden festgeschrieben hat und das fortwährende Verhandlungen zu seinem Atom- und Nuklearprogramm ins Leere laufen ließ. Erdmann wies in diesem Zusammenhang nachdrücklich auf die drei durch den Iran aufgebauten und massiv unterstützten, hochtechnisch gerüsteten terroristischen Arme in der weiteren Region hin: die Hisbollah im Libanon, die Hamas in Gaza und die Huthi im Jemen. Deren aggressives Handeln sei ebenfalls nicht durch die wertebasierte Ordnung gedeckt.
Nach dieser Positionierung wandte sich Erdmann seinem Kernthema, dem transatlantischen Verhältnis, zu. So hält er das kürzlich entfachte Grönlanddebakel für eine nicht gerechtfertigte Hysterie und begründet seine Analyse mit zurückliegenden Krisen der NATO, die auch nicht zum Bruch geführt hätten, die da wären: die Suez-Krise 1956, die Auseinandersetzungen innerhalb des Bündnisses über die Nuklearstrategie in der 50er und 60er Jahren, den Austritt Frankreichs aus der militärischen Organisation, dem Ende des Kalten Krieges und die Neuausrichtung in den folgenden Jahren, die Irak-Krise 2003, die Trump-Drohung zum Austritt der USA 2017/2018, sowie der Ankündigung des „Hirntods“ durch Präsident Macron 2019.
Erdmann arbeitete 4 Gründe heraus, warum die USA die NATO nicht fallen lassen würden:
Das Verfahren der Checks & Balances“ ist derzeit zwar betäubt, jedoch hat der Kongress möglichen gravierenden Fehlentwicklungen bereits in der Amtszeit Joe Bidens vorgesorgt.
Das klassische Establishment ist bisher nicht ausgehebelt. Diesem ist völlig klar, dass im Falle eines Bruchs, die US Kerninteressen: - die NATO als Legimitationsbasis, - ihr Mitspracherecht in Europa und ein Teil ihres globalen Handlungsrahmens entfallen würden.
Auch in der Trump Administration hält man an der nuklearen Teilhabe der bisherigen Partner fest. Diese bindet nicht nur Deutschland mit ein, sondern ebenfalls Belgien, die Niederlande und Italien. Insgesamt könne sich die USA auf 31 loyale Bündnispartner verlassen.
Die wirtschaftspolitische Macht der Europäer wird durch das Establishment anerkannt.
Erdmann brachte es in seiner erfrischenden Art auf den Punkt: „Trump ist der falsche Mann, der manchmal das richtige tut“.
Zum Abschluss seiner Ausführungen griff er die aktuelle Diskussion über die Ausweitung des nuklearen Abschreckungspotenzials der Europäer auf.
Er räumte die Behauptung in der allgemeinen Debatte ab, dass Deutschland auf ewig auf eine nukleare Teilhabe verzichtet habe. Er stellte klar, dass Deutschland das Recht auf Kündigung des „Atomaren Nichtverbreitungsabkommens“ habe und dass der „2 plus 4 Vertrag“ ausdrücklich auf das Nichtverbreitungsabkommen verweist und somit eine nukleare Teilhabe nicht ausschließt.
Botschafter Erdmann schloss seine Betrachtungen mit einer (provokanten) Anmerkung zur derzeitigen Völkerrechtsdebatte: „wer die Macht hat (wirtschaftliche, Produktionskapazitäten, Rohstoffe usw.) kann Regelwerke missachten. Wer keine Macht hat, kann das Völkerrecht nicht durchsetzen. Europa ist in den Kreis der machtlosen einzuordnen und kann das Völkerrecht daher nicht durchsetzen“.
Prof. Krause beschäftigte sich im zweiten Impulsvortrag mit der aktuellen Bedrohungslage und der daraus folgenden Fragestellung: „Putins Russland, unterstützt durch Chis China – Wie verändert Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine die Sicherheitslage in Europa und worauf müssen wir uns danach einstellen und was bedeutet das für die Zukunft der NATO?“
Prof. Krause arbeitete die Fragestellung anhand von 17 Thesen auf. Er stellte heraus, dass Russlands neuerliche Großmachtvorstellungen in den Krieg mit der Ukraine geführt habe, jedoch bisher nicht so gelaufen sei, wie anfangs gedacht. Darüber hinaus wird die Führung in Peking alles versuchen, um eine Niederlage Russlands zu verhindern. Zwischenzeitlich hat der Krieg eine eigene Dynamik ausgelöst und er stellte fest, dass die westlichen Staaten bisher nur so viel geholfen hätten, dass sich die Ukraine gerade über Wasser halten könne. Der Westen traue sich nicht, einschneidende Maßnahmen zu ergreifen. Ein Beispiel dafür sei eine Blockade der Ostseezugänge für die russische Schattenflotte, einhergehend mit der Angst des Westens vor einem (bereits mehrfach angedrohten) russischen Nukleareinsatz. Darüber hinaus hätte der Krieg die Staaten Europas gespalten. Trump stehe auf der Seite Putins. Seine Friedensinitiative sei ein Vertrauensbruch, man könne auch sagen: Verrat.
Trumps Forderung an die Europäer, mehr für die konventionelle Verteidigung aufzuwenden, geht einher mit der Feststellung, dass damit auch die nuklearen Fähigkeiten auszubauen sind. Über 30 Waffensysteme der Russen seien nuklearfähig und eröffnen damit ein erhebliches Ungleichgewicht unterschiedlicher Optionen, auf die eine Antwort zu finden sei.
Zu dem aktuellen Krieg im Nahen Osten stellte Prof. Krause fest, dass sowohl Israel als auch die USA ein hohes Risiko eingehen würden. Für ein Ende der Auseinandersetzung sieht er 2 Möglichkeiten: den USA geht die Munition aus oder Trump steigt aus, was beides ein Ansteigen der nuklearen Eskalation seitens der Iraner bedeuten würde. Der Krieg könnte nachhaltige Auswirkungen auf die weltweit bestehenden Sicherheitsstrukturen hervorrufen. Als Beispiel nannte er eine mögliche Reaktion Chinas, dass aus dieser Situation heraus ein „Window of Opportunity“ für einen Einsatz gegen Taiwan nutzen könnte.
Abschließend stellte Prof. Krause, in Anlehnung an die Äußerungen von Botschafter Erdmann fest, dass die Allianz der NATO derzeit die schwerste Krise seit ihrem Bestehen durchläuft. Als treffendes Beispiel nannte er die krasse Rhetorik von Trump gegen Großbritannien und Spanien.
Seinen Ausführungen schloss sich eine intensive Diskussion an, zu der auch vertiefende Fragen zu seinen Thesen gestellt wurden.
Der dritte Impulsvortrag wurde durch Oberst der Reserve Frank-Eckard Brand gestaltet. Er stellte die Rolle der Heimatschutzverbände in Zeiten hybrider Bedrohung, Krise und Krieg dar.
Brand schlug den Bogen von der strategischen zur operativen Ebene und den damit verbundenen Herausforderungen für das neue Organisationselement, dass derzeit mit seinen 6 Regimentern insgesamt einen Umfang von 6.000 Dienstposten umfasst. Er zeichnete den Weg vom ehemaligen Territorialheer der 60er Jahre, über dessen Auflösung nach der Wende und den Wiederaufbau des Heimatschutzes in den letzten Jahren, basierend auf dem Artikel 35 des Grundgesetzes, der die Auftragslage/Unterstützungsleistung bei der Sicherstellung des Aufmarsches, sowie die Wahrnehmung von Schutz- und Sicherungsaufgaben beschreibt. Ergänzend erläuterte Brand an Beispielen die konkrete Bedrohungslage anhand der strategischen Zielsetzung und der möglichen Handlungsoptionen gegnerischer Kräfte.
Das Symposium endete mit einem Panel, dass unter Leitung des Landesbereichsleiters die Kernpunkte der Vorträge mit den Referenten noch einmal übergreifend zusammenführte und auch noch ergänzende Fragen der Zuhörer ermöglichte.
Verfasser: Axel Franke GSP Sektion Elbe-Weser