Sektion Rheine
Gerechter Krieg - Gerechter Frieden
Referent: Militärpfarrerin Daniela Fricke , Evangelisches Militärpfarramt Münster
Daniela Fricke (*1967), aufgewachsen in Westerkappeln, Rheine und Siegen, studierte zunächst in Siegen Deutsch, Theologie und Philosophie für das Lehramt und ab 1989 Theologie in Münster und Bochum. Als Vikarin und als Pfarrerin arbeitete sie zwischen 1997 und 2015 in Minden, im Evangelischen Kirchenkreis Vlotho und in Bad Oeynhausen. Auf Ebene der Evangelischen Kirchen von Westfalen (EKvW) war sie Mitglied der Landessynode und des Ständigen Theologischen Ausschusses.
Im Jahr 2015 wechselte Fricke ins Landeskirchenamt der EKvW. Dort leitete sie fünf Jahre das Referat für Seelsorge und Beratung (zuständig für alle Bereich der besonderen seelsorglichen Dienste, darunter die Militärseelsorge). Während dieser Zeit verabschiedete die Landessynode die federführend von ihr entwickelte Gesamtkonzeption für Seelsorge in der EKvW. Im Jahr 2019 ernannte die EKvW Daniela Fricke zur Beauftragten der Landeskirche für den Umgang mit Verletzungen der sexuellen Selbstbestimmung. Sie leitete die Stabsstelle und baute die Fachstelle Prävention und Intervention der EKvW auf. In diesem Zusammenhang erwarb sie ihre Expertise im Umgang mit schwerwiegend traumatisierten Personen.
Im September 2024 hat Daniela Fricke die Leitung des Evangelischen Militärpfarramt Münster übernommen.
Emsstraße 35, 48431 Rheine
Militärparrerin Daniela Fricke beim Vortrag
Militärparrerin Daniela Fricke beim Vortrag
Auditorium Techn Schulen Streinfurt am 24.04.2026
Hier finden Sie einen Bericht der Technischen Schulen des Kreises Steinfurt über die Veranstaltung.
Bei Unrecht ist kein Frieden möglich
„Frieden ist nie selbstverständlich, sondern ein fragiles Gut, das geschützt, verteidigt und immer wieder neu errungen werden muss.“ Mit dieser klaren Botschaft eröffnete Militärpfarrerin Daniela Fricke vom evangelischen Militärpfarramt Münster ihren Vortrag an den Technischen Schulen. Auf Einladung der Gesellschaft für Sicherheitspolitik (GSP) und der Schule sprach die Theologin vor mehr als 100 Zuhörerinnen und Zuhörern – neben zahlreichen Schülerinnen und Schülern auch viele interessierte Bürgerinnen und Bürger – über die Neuausrichtung der evangelischen Friedensethik.
Gleich zu Beginn formulierte Fricke einen zentralen Gedanken ihres Vortrags: „Frieden ist immer gerecht – bei Unrecht ist kein Frieden möglich.“ Frieden müsse deshalb das unverrückbare Ziel politischen und gesellschaftlichen Handelns bleiben müsse. Krieg hingegen könne niemals ein anzustrebendes Ziel sein. Dennoch müsse man anerkennen, dass die Realität von Ungerechtigkeit, Gewalt und Bedrohung gekennzeichnet sei. Unter eng gefassten Voraussetzungen könne deshalb militärische Gewalt zur Verteidigung gerechtfertigt sein.
NEUE DENKSCHRIFT
Fricke erläuterte damit die Position der neuen Friedensdenkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), die im Anschluss an den Überfall Russlands auf die Ukraine erarbeitet worden ist. Im Mittelpunkt der neuen Denkschrift stünden vier Dimensionen des gerechten Friedens: an erster Stelle der Schutz vor Gewalt, gefolgt von der Förderung von Freiheit, dem Abbau von Ungleichheiten und einem friedensfördernden Umgang mit gesellschaftlicher Vielfalt. Der Schutz vor Gewalt sei dabei die Voraussetzung für alles Weitere.
MORALISCHER KOMPASS
Die Denkschrift reagiere auf eine Welt, die zunehmend von geopolitischen Spannungen, hybriden Bedrohungen, technologischen Risiken und den Folgen des Klimawandels geprägt sei. Die Bergpredigt Jesu bleibe zwar ein wichtiger moralischer Kompass, könne jedoch keine staatliche Ordnung ersetzen. „Eine Gesellschaft braucht Gesetze, Gerichte und im äußersten Fall auch militärische Mittel, um Gewalt zu stoppen“, machte die Militärpfarrerin deutlich.
VERTEIDIGUNG UND VERWEIGERUNG
Dabei verwies sie auch auf Martin Luther, der bereits 1526 die Frage gestellt habe, ob Soldatsein und christlicher Glaube miteinander vereinbar seien. Sein berühmter Satz „Auch ein Soldat kann in den Himmel kommen“ zeige, dass Gewaltanwendung unter bestimmten Bedingungen – etwa zur Verteidigung – legitim sein könne. Zugleich habe Luther aber das individuelle Gewissen betont und Soldaten die Pflicht auferlegt, ihr Handeln kritisch zu prüfen – und notfalls den Dienst an der Waffe zu verweigern.
ENTTÄUSCHTE HOFFNUNGEN
In der anschließenden Diskussion wurde deutlich, wie sehr das Thema die Zuhörer bewegt. Besonders ältere Besucher schilderten ihre Enttäuschung darüber, dass sich die große Hoffnung auf eine dauerhaft friedlichere Welt nach dem Ende des Kalten Krieges und der deutschen Wiedervereinigung nicht erfüllt habe.
SORGE UM KINDER UND ENKEL
Einige berichteten, dass sie in ihrer Jugend aus pazifistischer Überzeugung den Wehrdienst verweigert und an großen Demonstrationen gegen Aufrüstung (Pershing II-Stationierung) teilgenommen hätten. Angesichts des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine und der wachsenden Bedrohungslage haben einige ihre Haltung zum Dienst an der Waffe inzwischen jedoch überdacht. Andere äußerten ihre Sorge um ihre Kinder und Enkelkinder, die womöglich in einer Welt aufwachsen müssten, in der Krieg wieder zur politischen Realität gehöre.
VERWEIS AUFS VÖLKERRECHT
Pfarrerin Fricke nahm den Bezug zur Gegenwart auf. Die Dimensionen eines gerechten Friedens, wie sie in der EKD-Denkschrift formuliert wurden, finde man im Völkerrecht wieder. Dem widerspräche aber zum Beispiel der Krieg Russlands gegen die Ukraine, und auch die Angriffe der USA und Israels sowie die Gegenschläge Irans seien in dieser Hinsicht äußerst kritisch zu sehen. „Wie soll denn es bei Unrecht Frieden geben können?“
APPELL AN JUGEND
Fricke appellierte zum Schluss an die Verantwortung jedes Einzelnen. Demokratie, Menschenrechte, Meinungsfreiheit und offene Gesellschaften seien keine Selbstverständlichkeiten. „Ich möchte in Freiheit in dieser Demokratie weiterleben können“, sagte sie. Dafür müsse jeder auf seine Weise dazu beitragen, dass die Gesellschaft stark genug bleibe, Frieden und Freiheit auch in schwierigen Zeiten zu bewahren. Ein Appell, der sich besonders auch an das jugendliche Publikum in den Technischen Schulen richtete.
Fotos: Technische Schulen des Kreises Steinfurt