Sektion Koblenz

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Dienstag, 25.11.2025 - 19:00

Der Pazifismus in Deutschland – werden wir kriegstüchtig?

Der Begriff der „Kriegstüchtigkeit“ steht im Zentrum einer sicherheitspolitischen „Zeitenwende“ – und trifft dabei auf ein bemerkenswertes Unbehagen. Die Diskussion um den Wehrdienst ist hierbei bloß die Spitze des Eisbergs. Nicht nur in Zivilgesellschaft und Politik, sondern auch innerhalb der Bundeswehr wird hitzig darüber diskutiert, was „Kriegstüchtigkeit“ eigentlich bedeutet, wer den Begriff verwenden darf und wie viel „Militär“ eine Demokratie aushalten kann.

Der Vortrag geht der Frage nach, warum sich die Bundeswehr mit ihrer eigenen Rolle als gewaltfähige Organisation schwertut – und warum diese Irritation kein Zufall ist. So wird gezeigt, warum die Bundeswehr seit ihrer Gründung in einem strukturellen Spannungsverhältnis agiert: einerseits als demokratisch eingebettete Institution mit ziviler Selbstbeschreibung, andererseits als militärisches Gewaltinstrument. Sichtbarkeit von Gewalt – physisch wie kommunikativ – stellt dabei eine zentrale Herausforderung dar, weil sie etablierte Legitimationsmuster einer weitestgehend pazifizierten Nachkriegsgesellschaft untergräbt.
Vortrag und Diskussion
Referent: Timo Feilen , Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt Politische Theorie an der Universität Passau

Timo Feilen wurde 1997 in Frankfurt am Main geboren. Sein Studium der Kulturwissenschaft absolvierte er, gefördert durch ein Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes, in Koblenz und Linz (Österreich). Bereits in seiner Masterarbeit befasste sich Timo Feilen mit der inneren Struktur der Bundeswehr der 1950er und 1960er Jahre. Seit 2023 ist er Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt Politische Theorie an der Universität Passau, wo er zur Gewalttheorie forscht und lehrt. Ab Dezember 2025 wird Timo Feilen die DFG-Forschungsgruppe „Militärische Gewaltkulturen“ am Lehrstuhl für Militärgeschichte und Kulturgeschichte der Gewalt in Potsdam (Lehrstuhlinhaber: Prof. Sönke Neitzel) koordinieren. Sein seit 2023 bearbeitetes Dissertationsprojekt trägt den Titel „Mythos Innere Führung“. Timo Feilen hat neben zahlreichen Vorträgen Aufsätze zur Geschichte der Bundeswehr und zur Inneren Führung publiziert.

Ort: Zentrum Innere Führung der Bundeswehr, Forum Wolf Graf von Baudissin - Von-Witzleben-Straße 17 , 56076 Koblenz
Organisator: Oberst a.D. Carlo Schnell , Sektionsleiter GSP-Sektion Koblenz, sektion-koblenz@gsp-sipo.de

Timo Feilen mit Sektionsleiter Oberst a.D. Carlo Schnell, Foto: Dieter Marx


Koblenz. Der Vortrag fand am 25. November 2025 um 19:00 Uhr im Zentrum Innere Führung der Bundeswehr in Koblenz vor ca. 60 interessierten Zuhörern statt.

Ziel des Vortrags eines jungen Wissenschaftlers, der sich seit langer Zeit mit der inneren Verfasstheit der Bundeswehr beschäftigt, war es folgenden Thesen auf den Grund zu gehen:

These 1: Die Bundeswehr steht seit ihrer Gründung zwischen Kriegstüchtigkeit und innerer Zivilisierung 

These 2: Die Bundeswehr tut sich seit ihrer Gründung schwer mit der Kommunikation ihrer Kriegstüchtigkeit.

Nach der Beschreibung der Begriffe Pazifismus und Kriegstüchtigkeit folgte ein sehr interessanter Blick in die Bundeswehrgeschichte (von der Diskussion über die Westbindung über die Schnez-Studie bis hin zu der Nachwendezeit und den verschiedenen Auslandseinsätzen. Offensichtlich wurde das Krieg in der Bundeswehrgeschichte gerne vermieden, bis es in Folge der ersten wirklichen Kampfeinsätze der Bundeswehr in Afghanistan in 2009/10 nicht mehr negiert werden konnte.

Herr Feilen wies in seinem Vortrag auf der Grundlage vieler Umfragen nach, dass der Pazifismus nur von ca. 20 Prozent der Bevölkerung als Grund angegeben wird, die Aufrüstung der Bundeswehr abzulegen. Insgesamt sei das Ansehen der deutschen Streitkräfte graduell gestiegen, gleichermaßen auch die grundsätzliche befürwortung der Wiedereinführung der Wehrpflicht.

Der Referent benannte folgende drei aktuelle Herausforderungen als die derzeit Dringlichsten:

  • Zeitenwende nicht nur in Bezug auf Bundeswehr
  • Debatte Freiheit versus Sicherheit
  • Rückkehr der Feindschaft im Sinne Carl Schmitts

Schlussfolgerungen seines Vortrags waren:

  • Wir sind nicht deshalb nicht kriegstüchtig, weil die Gesellschaft pazifistisch ist, sondern weil Politik glaubt, Gesellschaft sei pazifistisch
  • Die Bundeswehr braucht Sichtbarkeit und Vertrauen seitens Gesellschaft und Politik

Der Vortrag bildete ein gutes Fundament für eine sich anschließende lebhafte Diskussion, die auch durch die Wortbeiträge verschiedener junger Zuhörer geprägt wurde. Im Kern stand die Frage, wie es gelingt junge Leute zu motivieren und wie ein junger Mann sagte, aus ihrer „grünen Blase“ herauszuholen. Kritisch diskutiert wurde auch die Frage, ob die Betonung der Kriegstüchtigkeit in unserer zum Teil dann doch sehr friedensbewegten Gesellschaft eventuell kontraproduktiv sei und vielleicht besser durch das Wort „Wehrhaftigkeit“ ersetzt werden sollte.

Insgesamt war es ein sehr informativer Abend, der viele gute Gedankenanstöße brachte. Die Zuhörerschaft war sich einig, dass diese wichtige Diskussion unter Einbeziehung der aktuellen Bedrohungslage durch Russland im Freundeskreis und in den Familien fortgesetzt werden muss.

Text: Carlo Schnell


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